Außenthermografie

Trügerische Bilder

Thermografieaufnahmen decken energetische Schwachstellen an Gebäuden auf. Experten warnen vor billigen Angeboten

– Das Einfamilienhaus sieht aus wie Tausende andere. Als es 1982 errichtet wurde, war es auf dem neuesten Stand, was Baustofftechnik, Dämmung und Heizsystem angeht. Aber das ist mehr als 30 Jahre her. Trotz mancher Reparatur und Nachrüstung ist an dem Objekt nicht mehr alles zu 100 Prozent in Ordnung. Das hatte Johannes Deeters längst selbst herausgefunden.

Denn Deeters ist nicht nur Eigentümer der Immobilie, er ist auch Bauingenieur und Energieberater für die Deutsche Energie-Agentur DENA. So ist er selbst häufig unterwegs, um undichte Stellen an Fensterrahmen, Rolladenkästen oder in Heizkörpernischen ausfindig zu machen, Leckagen zu entdecken, Balkone, Mauerkonsolen und Deckenanschlüsse nach feuchten Stellen abzusuchen. Und das Ganze auch zu dokumentieren, manchmal mithilfe einer Wärmebildkamera. Das aber wussten die von ihm bestellten Techniker nicht, die von seinem Haus Thermografieaufnahmen anfertigen sollten.

Und so bekam der Profi interessante Einblicke geliefert, wie in seiner Branche zuweilen gearbeitet wird. „Ich wollte mal testen, was von den vielen Billigangeboten für Thermografiearbeiten zu halten ist“, sagt Deeters. „Dreimal habe ich solche Angebote genutzt. In zwei Fällen ein kompletter Reinfall, nur in einem Fall war es in Ordnung.“

Insbesondere im Herbst werben immer mehr Unternehmen – darunter auch Bausparkassen, Geldinstitute und Energieversorger – mit „Sonderangeboten“ für die Thermografie-Untersuchungen. Die dunkle Jahreszeit ist die Saison für das Prüf- und Messverfahren – verwertbare Erkenntnisse kann es nur liefern, wenn ein Gefälle zwischen Innen- und Außentemperatur vorhanden ist. Nur so können Fachleute feststellen, ob Wärme entweicht. Das Verfahren unterstützt sie auch beim Aufspüren möglicher Feuchtschäden. Verliert beispielsweise die Fußbodenheizung Wasser, hilft die Thermografie- oder Wärmebildkamera beim Aufspüren des Lecks. Die Aufnahmen bilden die Heizschlangen deutlich ab und verraten undichte Stellen – ohne dass der Fußboden aufgestemmt werden muss.

Auf der Suche nach undichten Stellen wird das Gebäude von außen aufgenommen. Die Kamera erkennt unterschiedliche Oberflächentemperaturen und setzt sie farblich um – warme und heiße Zonen sind gelb und rot, kühlere Zonen blau. Im Wärmebild zeichnet sich eine schlecht gedämmte Wand in kräftigem Rot ab, wenn man die Aufnahme von außen macht.

Allerdings lässt sich die Farbwiedergabe einstellen, die Thermogramme lassen sich manipulieren. „Unseriöse Thermografen kommen ohne Probleme zu gewünschten Bildern. Damit suggerieren sie dem Hausbesitzer, er habe eine extrem schlecht gedämmte Fassade, die dringend gedämmt werden müsse“, warnt der Verband privater Bauherren.

Die Motivation ist klar: Eine ganze Industrie profitiert von den möglicherweise folgenden Maßnahmen wie einer zusätzlichen Gebäudedämmung. Eine fundierte Thermografieuntersuchung kostet laut Verbandsangaben zwischen 400 und 600 Euro. „Aufnahmen für 100 Euro taugen häufig allenfalls für den Bilderrahmen“, sagt Energieberater Deeters.

Das scheint indes kaum bekannt zu sein, denn am Markt wimmelt es von Billigangeboten. So wirbt aktuell auch der rheinische Energieversorger RWE mit dem Angebot „Thermografie Kompakt“ für 129 Euro. In seiner Internetwerbung heißt es dazu: „Der Fachmann nimmt alle Seiten Ihres Hauses mit einer Wärmebildkamera auf und zeigt Ihnen, wo Heizenergie über Wärmebrücken in der Gebäudehülle verloren geht.“ In einem Muster-Ergebnisbericht sieht der potenzielle Kunde, was er dafür bekommt: eine 21-seitige Hochglanz-Studie mit jeder Menge Infos zu energetischen Themen. „Viel Papier, das Kompetenz vorgaukeln soll“, urteilt Deeters. „Aber an elementaren Dingen fehlt es.“ An Daten etwa, die jeder Techniker mindestens ermitteln sollte: Objektinformationen, Witterungsbedingungen, Temperaturen innen und außen, Spektralbereich oder geometrische Auflösung.

Schlüsse ziehen ohne bunte Bilder

Die reine Außenthermografie gebe nur eingeschränkt etwas über den energetischen Zustand einer Immobilie wider, sagt der Bauherrenberater. „Man muss sich das Haus immer auch von innen ansehen. Das ist bei Billigangeboten aber nicht vorgesehen.“

Der Kostendruck ist groß, die Untersuchung führen häufig nur angelernte Kräfte durch, beraten wird bei reißerischen Angeboten nur selten. „Hausbesitzern nützt es aber nur wenig, wenn sie vier Farbausdrucke in die Hand bekommen, zu der die fachliche Erklärung fehlt“, sagt der Bausachverständige Martin Wüstefeld. „Jedes Thermogramm muss erläutert werden. Dafür muss man die Aufnahmen aber auch richtig interpretieren können.“

Wo die Schwachstellen in einem Haus liegen, welche behoben werden müssen, und ob weitere Prüfungen erforderlich sind, ist für Profis mehr als ein „Farbspiel“. Aber viele Hauseigentümer lieben die „farbigen Aufnahmen“ und wollen gar nicht im Detail erfahren, was im wahrsten Sinn des Wortes „hinter der Fassade steckt“, wissen qualifizierte Fachleute wie Wüstefeld. „Geht es um die Dämmung eines Hauses, sind Thermografieprüfungen häufig überflüssig“, so der Bausachverständige aus Wuppertal. „Wer eine Immobilie aus den 60er-Jahren besitzt, weiß ohnehin, dass sie energetisch nicht auf der Höhe der Zeit ist.“

Wüstefeld lässt seine Wärmebildkamera sogar häufig zu Hause, wenn er Gebäude begutachtet. Aus langjähriger Erfahrung kennt er die Schwachstellen an und in Gebäuden nur zu genau. Ihm reicht das sogenannte Oberflächenthermometer, mit dem er Temperaturschwankungen messen kann. Daraus zieht er dann seine Schlüsse. Und zwar ganz ohne bunte Bildchen.