Jugend

Verpasste Chancen

Junge Menschen, die länger im Elternhaus bleiben, werden später selbstständig

Das erste Semester ist ein großes Versprechen: Auszug von zu Hause, die große Freiheit. Doch viele Studenten entscheiden sich anders – und wohnen so lange wie möglich bei ihren Eltern. „Der Hauptgrund ist das Geld, und zugleich ist es Bequemlichkeit“, sagt Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Die Miete fällt weg, die Wäsche wird gewaschen, der Einkauf erledigt: Möglichst lange zu Hause wohnen zu bleiben hat viele Vorteile.

Doch für die Entwicklung der jungen Menschen überwiegen laut Hurrelmann die Nachteile. Sie verspielten eine große Chance, wenn sie die Ablösung von den Eltern hinauszögerten. „Man bleibt Kind.“ Das blockiere wichtige Entwicklungsschritte. „Das Studium ist eigentlich der Schritt ins selbstständige Leben.“ Starke Nähe zu den Eltern führe dazu, dass die jungen Menschen später selbstständig würden.

Stärker finanziell abhängig

Abiturient Christian Stärk kennt die Tendenz zum „Hotel Mama“. „Fast alle meine Freunde, die angefangen haben zu studieren, wohnen noch zu Hause“, sagt der Vorsitzende des Landesschülerbeirats Baden-Württemberg. Viele seien – auch wegen des verkürzten Abiturs – bei Studienbeginn noch sehr jung. Neben Kostenersparnis locke die Aussicht, bekocht zu werden und weder waschen noch putzen zu müssen. Der richtige Weg sei es trotzdem nicht unbedingt, sagt Stärk. „Es ist gut, rauszugehen. Da lernt man, eigenständig zu leben.“ Er beobachtet, dass auch die Eltern die Ablösung häufig hinauszögern. „Die Trennung ist für viele hart, für Eltern und Kinder.“ Für Paare ist es ein großer Einschnitt, wenn das Nest plötzlich leer ist. „Das Trennungsrisiko der Eltern steigt, nachdem die Kinder ausgezogen sind, vor allem in den ersten zwei Jahren“, sagt Soziologe Ingmar Rapp von der Uni Heidelberg.

Wohnen die Eltern in der Nähe des Studienorts und ihr Kind möchte trotzdem ausziehen, ist manchmal Überzeugungsarbeit nötig. Junge Menschen plagen oft Schuldgefühle, weil sie das Gefühl haben, nicht einfach gehen zu dürfen, wie Inge Rehling von der Heidelberger Psychosozialen Beratung für Studierende beobachtet hat. Studenten seien heute stärker finanziell von den Eltern abhängig als vor zehn Jahren – daraus erwachse auch eine moralische Verpflichtung. Der BAföG-Höchstsatz reiche nicht aus, um Zimmer, Semesterbeitrag und Lebenshaltungskosten zu stemmen. Die Wohnungsknappheit erschwert die Lage.

Obgleich auch viele Studentinnen das Elternhaus spät verlassen, sind sie aus Expertensicht selbstständiger als ihre männlichen Kommilitonen. „Besonders junge Männer lassen sich gern mit dem Rundum-Sorglos-Paket der Mutter verwöhnen“, sagt Soziotherapeutin Rehling.

Experte Hurrelmann betrachtet die Generation Nesthocker zwar mit Sorge, setzt aber auf die Zeit: „Es gibt noch Hoffnung, dass das Ganze nur eine gewisse Aufschiebung im Lebenslauf ist.“