Architektur

Zurück im Haus des Großvaters

In Potsdam hauchte ein Berliner Architekt einer Stadtvilla neues Leben ein. Sie befand sich schon einmal im Besitz seiner Familie

Zufrieden steht Hubertus Negwer in einem großen Raum der Stadtvilla in der Potsdamer Jägervorstadt. Die jahrelange Arbeit hat sich gelohnt. Der denkmalgeschützte Bau aus dem Spätklassizismus erstrahlt nach fünf Jahren Bauzeit in neuem Glanz und ist ein Kleinod geworden. Der 54-Jährige führt durch das Erdgeschoss des großen Gebäudes. „Hier“, sagt er und öffnet eine Schiebetür, „habe ich wieder altes Musselin-Glas eingesetzt.“ Negwer geht ein paar Schritte zu einer Wand und blickt auf ein Schwarz-Weiß-Foto. Darauf sind seine Großeltern zu sehen, in einer Loggia, im Hintergrund ebensolches Musselin-Glas. „Ich habe recherchiert und genau das gleiche Glas auch wieder einsetzen lassen“, sagt der Berliner Architekt.

Die Villa in der Potsdamer Jägervorstadt ist für Negwer schließlich etwas ganz Besonderes – sie war früher in Familienbesitz. Bis 1945 wohnten Negwers Großeltern mit fünf Söhnen in der Stadtvilla, bis sie von Russen nach Endes des Krieges aus dem Haus vertrieben wurden. „Es ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, hier heute wieder einzuziehen“, sagt Negwer, „gleichzeitig freue ich mich aber auch darauf.“ Beziehen möchte er dabei aber lediglich den ersten Stock sowie das nunmehr ausgebaute Dachgeschoss, das Erdgeschoss möchte der Architekt vermieten.

Obwohl das so ist, hat Negwer doch das ganze Haus so originalgetreu wie möglich wieder herstellen lassen. So hat er zum Beispiel den Holzfußboden im Erdgeschoss rekonstruiert – dafür ließ er Bruchstücke, die es noch gab, als Vorlage herausnehmen und beauftragte einen Restaurateur, nach diesem Vorbild den Fußboden neu aufzubauen. Dasselbe gilt im Treppenhaus, wo der alte Aufgang wieder rekonstruiert werden konnte – das Geländer mit seinen feinen Verstrebungen sieht wieder aus wie einst.

Umbau dauerte fünf Jahre

„Die Geschichte des Hauses begann wahrscheinlich im Jahre 1870, die Fertigstellung erfolgte 1872. Dies belegen Zeitungsdokumente, die während der Restaurierungsarbeiten als unterste tapezierte Schicht hinter Türbekrönungen zum Vorschein kamen“, sagt der Architekt. So ist das Haus der baulichen Erweiterung Potsdams nach der Reichsgründung zuzuordnen.

Der Baumeister des Hauses war höchstwahrscheinlich der preußische Hofmaurermeister Karl Partik. 1929 kaufte der Erfinder von Ohropax, Hubertus Negwers Großvater Max Negwer, die Villa am Hang eines früheren Weinbergs für seine Familie. Insgesamt hat das Haus damit eine wechselvolle Geschichte erlebt: Im Lauf der Jahrzehnte wurde es zum Pflegeheim umfunktioniert, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den Russen zwangsenteignet und stand zunächst nach der Wende leer. Sogar Hausbesetzer hatten es zwischenzeitlich okkupiert. Erst die Enkelkinder Elisabeth Steuber und Hubertus Negwer erhielten die Villa zurück. Innerhalb von fünf Jahren, von 2007 bis 2012, ließen die beiden die Villa wieder aufwendig und historisch feinfühlig restaurieren.

„Ich habe während der Restaurierungsphase viel über Handwerkskunst und Bautradition gelernt“, sagt Negwer während des weiteren Rundgangs. So hat er beispielsweise im Bad alte Fliesen aufbereiten lassen, die ins Bläuliche changieren und die Negwer besonders gut gefallen. „Solche schönen Fliesen findet man heute im Baustoffhandel nicht mehr“, sagt er. Weiterhin hat Negwer bei antiquarischen Händlern Türklinken, Fensterrosetten und -griffe besorgt. Wenn er demnächst selbst einzieht, wird die Villa zwar wieder in altem Glanz erstrahlen – gleichzeitig aber alle Annehmlichkeiten eines modernen Wohnhauses bieten.

So versieht heute im Keller ein modernes Blockheizkraftwerk seinen Dienst und erzeugt Wärme und Strom für das Haus. In die englische Schieferdachdeckung wurde als Indachausführung eine Fotovoltaik- Anlage integriert.

Vorbildliches Wohnbeispiel

Bemühungen, die mittlerweile sogar schon prämiert wurden: So veranstaltet die Kreditanstalt für Wiederaufbau jährlich einen Wettbewerb, der sich an Bauherren mit innovativen Bau- und Wohnideen wendet. Der KfW-Award prämiert dabei vorbildliche Wohnbeispiele und widmet sich in jedem Jahr einem speziellen Schwerpunktthema. Im vergangenen Jahr erhielt Negwers Stadtvilla die Auszeichnung. Begründung der Jury: Das Haus überzeuge durch ein abgerundetes Paket energetischer Sanierungsmaßnahmen und durch städtebauliche Qualität in Verbindung mit neuzeitlichem Wohnen und zeitgenössischer Modernisierung.

Dieser Anspruch soll sich nun auch wiederfinden, wenn Hubertus Negwer noch im Dezember in die Villa einziehen wird: So soll in den Räumen ein interessanter Kontrast zum Beispiel durch moderne Möbel entstehen – im Badezimmer ist dies heute bereits zu erahnen, wo moderne Waschtische mit einer frei stehenden, alten Badewanne kontrastieren. „Denn trotz der Restauration des Hauses weiß ich natürlich, dass zwischen dem Leben meiner Großeltern mit ihren Kindern in dem Haus und heute 80 Jahre liegen – das ist ein ganzes Menschenleben“, sagt Negwer.

Neues Leben einerseits, Denkmalschutz andererseits. Die Stadtvilla ist heute in die Denkmalliste der Stadt Potsdam eingetragen – und dass Negwer so viel in die Restauration investierte, ist somit eigentlich kein Wunder. Gleichwohl: „Gefordert wird vom Denkmalschutzamt im Grunde nur die zur Straße liegende Fassade, innen ist man recht frei“, sagt der Architekt. Während der Arbeiten sei er dann aber immer tiefer in die Geschichte des Hauses eingestiegen, sodass es fast ein natürlicher Prozess wurde, das Haus wieder so gut wie möglich zu restaurieren.

Viel Idealismus ist gefragt

Mehr noch: Negwer selbst hatte sich bislang eher auf das Entwerfen von Neubauten konzentriert. „Von historischer Substanz hatte ich anfangs kaum Ahnung“, gibt d er Architekt zu. „So hätte ich einen alten, verrotteten Schornstein des Hauses zunächst eigentlich abreißen lassen wollen, bin nun aber sehr froh, es doch nicht getan zu haben.“

Nur bei einer Sache muss Negwer dann doch ein wenig schmunzeln – bei den Kosten für die Restaurierung: „Hier habe ich mich verschätzt. Es wurde alles doppelt so teuer, wie ich zunächst angenommen hatte. Für die Restauration eines solchen Hauses braucht man daher vor allem eines: ganz viel Idealismus.“