Interview

„Ich plane in der Regel von innen nach außen“

Architekt Wolfram Popp wollte im Estradenhaus möglichst wenig feste Räume vorgeben

Mit Wolfram Popp, dem Architekten des begehrten Estradenhauses, sprach Autor Oliver Klempert über die besonderen Umstände, die den Bau zum Besuchermagneten machen.

Berliner Morgenpost:

Als Sie damals die Pläne für das erste Estradenhaus machten, hätten Sie mit solch großer Resonanz gerechnet, wie sie in der folgenden Zeit eintreffen sollte?

Wolfram Popp:

Ja, damals hat der Bau für große Aufregung gesorgt. Ich war selbst etwas überrascht, so starkes Interesse zu erregen. Doch seit dem Rohbau sind das Estradenhaus und später auch sein Nachbargebäude zum regelrechten Anziehungsmagnet für Architekten, Studenten und Wohnungssuchende geworden.

Nach welchen Grundsätzen oder Leitgedanken arbeiteten Sie damals?

Ich plane in der Regel von innen nach außen. Mir kam es darauf an, mit einem Minimum an Raumfestlegung ein Wohnen zu ermöglichen, das dem jeweils aktuellen persönlichen Wohlbefinden entspricht. Ich wollte keine Höhlen mit Fenstern schaffen, sondern Plattformen, die den Bewohnern die Möglichkeit bieten, ihren Lebensraum selbst zu gestalten, mit einer Vielzahl von Nutzungsoptionen. Die Wohnungen sollten durch Verbindung von innen und außen eine Mischung aus Großzügigkeit, Komfort und Rückzugsbereichen bieten.

Wie war es möglich, dass Sie dieses Gebäude schon vor so langer Zeit ohne eigenes Geld finanzierten?

Ich war gleichzeitig als Architekt und Bauträger tätig. Zunächst hatte ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Grundstück gemacht und für dieses dann ein Mietshaus entworfen. Dafür konnte ich auch einen Käufer finden, der das Gebäude nach Fertigstellung mit Preisgarantie übernahm.

Und auch sonst konnten Sie mit relativ niedrigen Baukosten überzeugen…

Durch einen Rohbau, der im Wesentlichen nur aus Betonfertigteilen bestand, und durch den kompletten Verzicht auf teure Fassaden- und Ausbausysteme konnte ich eine deutliche Reduzierung der Baukosten bis auf 1000 Euro pro Quadratmeter erreichen. Dadurch blieb entsprechend viel Budget übrig, das für die individuelle und handwerklich hochwertige Ausstattung der Wohnungen eingesetzt werden konnte.

Neben dem ersten Estradenhaus entstand ja relativ rasch ein auf den ersten Blick identisches Zwillingsgebäude auf dem Nachbargrundstück. Gibt es wesentliche Unterschiede?

Im zweiten Haus habe ich mich an den Wünschen der potenziellen Bewohner orientiert, die sich vor allem eine noch größere Möglichkeit der Differenzierung des Wohnraumes erhofften. Dazu installierte ich ein selbst entworfenes, hölzernes Trennwandsystem. Dieses kann auch unterschiedlich kombiniert als Wandschrank oder als Regalfläche dienen.

Wie wurden die Wohnungen in den vergangenen Jahren angenommen? Nutzen die Bewohner eher die Trennsysteme oder bevorzugen sie nach wie vor die offene Weite ihrer Wohnungen?

Nach 15 Jahren, die das erste Gebäude nun schon steht, ist die Nachfrage nach den Wohnungen immer noch ungebrochen. Das Konzept, den Menschen ein möglichst hohes Maß an Freiheit und Weite zu geben, trägt offenbar auch oder gerade in der heutigen Zeit. Nur etwa die Hälfte der Bewohner greift auf die Raumtrennsysteme zurück. Dann haben sie aber in der Regel auch Kinder oder haben sich Büroräume abgeteilt. Die andere Hälfte genießt weiterhin die Großzügigkeit des Wohnens in einem Raum.