Architektur

Im Haus der magischen Wände

In Prenzlauer Berg steht ein Gebäude, dessen Wohnungen vor allem durch ihre Wandelbarkeit beeindrucken

Als das Gebäude an der Choriner Straße in Prenzlauer Berg noch nicht einmal ganz fertig war, da sorgte es bereits für Aufsehen. Fast alle Wohnungen waren schon vorher vermietet. Auch später waren über Jahre stets alle Wohnungen belegt, wurden an Freunde und Bekannte weitergereicht. Doch was macht dieses mit Architekturpreisen ausgezeichnete Haus anders als andere? Ist im Wohnungsbau nicht längst alles ausprobiert worden, gibt es noch Überraschungen?

Solche Fragen werden beantwortet, wenn man vor der Eingangstür zur Wohnung von Stephan Braungardt steht. Sie öffnet sich nicht auf gewöhnliche Weise nach innen, sondern es ist eine Schiebetür – sogar eine, auf der man mit Kreide Einkaufsnotizen machen kann. Auch von außen lässt sich auf die Tür schreiben, vielleicht dass man da war und niemanden angetroffen hat; eine Reminiszenz an frühere Zeiten in Prenzlauer Berg, als nur die wenigsten Menschen ein Telefon besaßen und man öfter mal einfach spontan bei seinen Freunden vorbeiging, ohne zu wissen, ob sie da sind.

Stephan Braungardt führt in sein Wohnzimmer. Dort fällt sofort die ungewöhnliche Weite auf. „Im Grunde stehen wir hier gleichzeitig nicht nur in meinem Wohnzimmer, sondern auch im Arbeitszimmer und im Schlafzimmer sowie in der Küche“, sagt er. Denn alle diese Zimmer seiner 78 Quadratmeter großen Wohnung sind sozusagen in einem Raum untergebracht. Die Wohnung ist eher spartanisch eingerichtet: ein Sofa, ein paar Bilder an der Wand, ein Bücherregal – das ist es schon fast. Der freischaffende Mediator und Coach wohnt bereits seit 15 Jahren im „Estradenhaus“ an der Choriner Straße 56 im Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg. „Ich fühle mich hier noch so wohl wie kurz nach dem Einzug“, sagt der 43-Jährige.

Das siebenstöckige Wohnhaus von 1998 steht direkt neben Gründerzeithäusern und besticht sowohl auf der Straßen- als auch auf der Hoffront durch beinahe geschosshohe Fenster- und breite Balkonbänder. Das Haus setzt sich stark von seinen Nachbargebäuden ab – es wirkt ihnen gegenüber geradezu hypermodern. Ein Kontrast, der das vielschichtige Leben in Berlins Mitte widerspiegelt. Die dahinter liegenden Wohnungen bieten ihren Bewohnern erstaunlich viel Platz zum Leben und Arbeiten, viel Raum für Freiheiten und Flexibilität. Im freien Raumfluss wohnen die Mieter der zehn Wohnungen auf 78 oder 108 Quadratmetern.

Einzigartige Vorrichtung

Als nächstes zeigt Braungardt, wie rasch er seine Wohnung und damit das Wohngefühl drastisch verändern kann. „Die Wohnung lässt sich mit wenigen Handgriffen von einer Einzimmer- in eine Mehrraumwohnung verwandeln“, sagt er und bewegt eine hohe Holzpaneelwand – „Kiemenwand“ genannt, eine in Berlin wohl einzigartige Vorrichtung. „Damit kann ich flexibel den Wohnbereich von Küche und Bad abtrennen“, erklärt Stephan Braungardt.

Die Wand besteht aus zwölf raumhohen, mit Erlenholz furnierten Holzplatten, die an der Decke an zwei und am Boden an einer Schiene laufen und sich deshalb ohne zu verklemmen sowohl schieben als auch drehen lassen. Durch diese Kiemen kann der Raum je nach Vorstellung des Bewohners gestaltet werden. Küche und Bad können offener Bestandteil der Wohnung sein oder auch nicht, der Eingangsbereich wird zur kleinen Halle oder verschwindet komplett aus dem Blickfeld. „Ich könnte ebenso auch kleine Nischen für Schränke bilden oder einfach glatte Wände – und natürlich sind sämtliche Zwischenlösungen oder Kombinationen möglich“, sagt Braungardt. Auch sein Schlafzimmer liegt hinter einer Kiemenwand, und so ist auch hier mit wenigen Handgriffen die Privatsphäre gegeben.

Morgens und abends Sonne

Braungardt schätzt an seiner Wohnung vor allem den Blick in die Weite durch riesige Glasfronten an beiden Seiten sowie den freien Raum im Inneren der Wohnung, „der eben durch keine fest stehende Wand verstellt wird“. So fällt der Blick zu beiden Seiten der Wohnung in Baumkronen: Auf dem Hinterhof befindet sich ein wilder Garten mit Pflaumen- und Apfelbäumen, und auf der Straßenseite steht eine Baumallee. „Das Haus hat eine Ost-West-Ausrichtung“, sagt er. „Morgens habe ich dadurch Sonnenlicht beim Aufstehen, und abends kann ich den Sonnenuntergang genießen.“ Zudem habe er den ganzen Tag über viel Helligkeit. „Es spiegeln sich in der Wohnung die unterschiedlichsten Lichtstimmungen wider.“

Das Besondere und gleichzeitig Namengebende des Hauses sind jedoch die sogenannten Estraden, sitzhohe und bis zu 1,80 Meter breite Podeste, die den Übergang der Innenräume zu den Balkons bilden und die sich in den Wohnungen beider Häuser entlang der Hof- und Straßenseite erstrecken.

Großzügige Loggia

„Die Estraden geben der Wohnung einerseits einen schützenden Rahmen“, sagt Braungardt. „Andererseits bewirken sie auch einen fließenden Übergang zwischen drinnen und draußen.“ Dies sei insbesondere dann der Fall, wenn die raumhohen Fenstertüren, welche sogar um 180 Grad gedreht werden können, geöffnet sind. „Dadurch bilden Estrade und Balkon zusammen eine großzügige Loggia“, sagt Braungardt. Auch von den anderen Mietern würden diese Podeste insgesamt sehr gut angenommen, mal als Sofa- oder Bettgestell-Ersatz, dann wieder als Kuschelecke, Esszimmer oder Panoramasitz – da man von diesen Stellen einen weiten Blick über Berlin genießen kann, bis hin zum Fernsehturm auf dem Alexanderplatz.

Mehr noch: Beim Blick aus der Wohnung nach draußen fällt auf, dass die oberen Fensterrahmen nicht mehr sichtbar sind. Dies zieht den Blick regelrecht nach oben und in die Weite. Darüber hinaus fällt dadurch mehr Licht in die Wohnungen. Die Balkons unterstützen diesen Effekt. Die Brüstungen bestehen nämlich aus einem feinmaschigen Edelstahlgeflecht, das abhängig von Licht- und Windverhältnissen flimmernde Effekte erzeugt, durchscheinend ist, aber zugleich blickdicht wirkt. Auch die Böden der Balkons sind lichtdurchlässig, weil auch sie aus Edelstahlgittern bestehen. Dabei können die Bewohner durch alle Balkone von ganz oben bis unten hindurchschauen – das ist sicher nichts für Leute mit Höhenangst.

Da er schon seit 15 Jahren in dieser Wohnung lebt, hatte Braungardt zwar immer wieder mal nach einer anderen Wohnung gesucht, aus dem Gefühl heraus, noch einmal etwas Neues ausprobieren zu wollen. „Doch ich habe nichts Vergleichbares gefunden. Auch kann ich mich hier immer wieder verändern. Welche Wohnung bietet sich so zum Umbau an, wie diese hier“, sagt er. Flexibel und doch geschützt, offen und doch intim – so eine Wohnung findet man wohl nur selten. Auch in Berlin, wo alles möglich scheint und wo derzeit die unterschiedlichsten Bau- und Wohnkonzepte verwirklicht werden.