Auszeichnung

Spektakulär unspektakulär

„Haus des Jahres“ kommt auch 2013 aus der Schweiz, wo Architektur einen höheren Stellenwert hat

– Gutes Bauen ist etwas für Millionäre, glaubt Wolfgang Bachmann. So ganz unrecht scheint der Herausgeber des Magazins „Baumeister“ nicht zu haben, wenn man sich die Objekte anschaut, die beim Award „Häuser des Jahres 2013“ ausgezeichnet wurden. Auch im dritten Jahr des Wettbewerbs beeindrucken sie durch Extravaganz, hochwertige Materialien, Eins-a-Lage und großzügige Grundrisse. Doch während sich 2012 der Siegerentwurf wie ein Luxusdampfer oberhalb des Vierwaldstättersees präsentierte, ist nun Understatement angesagt. Wohlgemerkt: schweizerisches Understatement, das hat nichts mit falscher Bescheidenheit zu tun.

Von Weitem nämlich wirkt das Einfamilienhaus des jungen Basler Büros HHF Architekten wie eine Holzscheune, wie es ihrer viele in der ländlichen Nachbarschaft des Solothurner Örtchens Nuglar gibt. Erst wenn man sich über Wildblumenwiesen und vorbei an Obstbäumen dem Haus nähert, erlebt man eine Überraschung. Der auf einer Anhöhe liegende Holzschuber entpuppt sich als Haus mit schizophrener Persönlichkeit. Die eingeschossige „Scheune“ mit Giebeldach hat einen komplett verglasten, modernistischen Unterbau, der sich auf einem Betonsockel mit umlaufendem Panoramadeck über die Landschaft erhebt. Eine höchst eigenwillige Melange aus Robert Venturis Decorated Shed und LeCorbusiers Villa Savoye.

Der Bauherr, ein junger Mann, beruflich viel auf Reisen, hat HHF Architekten mit diesem „spektakulär unspektakulären“ Bau, wie ihn die Jury bezeichnet, beauftragt, nachdem er durch ein außergewöhnliches Wohnhaus in den USA auf die drei Basler Architekten Tilo Herlach, Simon Hartmann und Simon Frommenwiler aufmerksam geworden war. Die 240 Quadratmeter Wohnfläche, der von außen diskrete, in den Sockel integrierte Außenpool und die zwei Kinderzimmer deuten darauf hin, dass der Bauherr plant, nicht allzu lange allein den 180-Grad-Panorama-Ausblick zu genießen.

Berliner Architekt ausgezeichnet

Diskret exklusiv, mal minimalistisch, mal skulptural und oft zeitlos in der Tradition der klassischen Moderne geben sich die fünf ausgezeichneten und die drei mit einer Anerkennung bedachten Häuser. Als Material dominiert der Sichtbeton, was den Sponsor des Wettbewerbs aus der Betonwirtschaft freuen wird. Es scheint, als wäre es vielen Bauherren und ihren Architekten diesmal weniger um Nachhaltigkeit gegangen als um Durabilität und den rauen Charme des Betons. In den bisherigen Wettbewerben überwogen noch Holzbauten.

Eigentlich bedauerlich, findet Florian Nagler. Der Münchener Architekt, im Wettbewerb vertreten mit dem einfühlsamen Umbau eines alten Steinhauses zum Holztafelbau, hält Beton „nicht gerade für ein nachhaltiges Material“. Und auch das Jurymitglied Hubertus Adam glaubt: „Holz ist der Baustoff der Zukunft.“ Liegt doch der Verbrauch an sogenannter grauer Energie, also der Energie, die für Produktion und Transport des Baumaterials benötigt wird, bei Beton um ein Vielfaches höher als beim nachwachsenden Naturstoff Holz.

Doch trotz der Beton-Begeisterung vieler Bauherren finden sich im Wettbewerb immer wieder einzigartige Holzbauten wie die von Meck Architekten aus München, die, obwohl nur mit einer Anerkennung versehen, auf jeden Fall eine Auszeichnung verdient hätte. Andreas Meck und Axel Frühauf führen mit ihrem Einraum-Ferienhaus am Hang der Großglocknerstraße aufs Schönste vor, wie die Zukunft des Einfamilienhauses in Zeiten des Klimawandels aussehen kann: Drei miteinander verbundene alte Holzstadel in traditioneller Pinzgauer Bauweise bieten die Hülle für ein implantiertes modernes Ferienhaus, das die Anmutung eines begehbaren Möbels hat. Der eingesetzte Neubau, eine aus regionalem Holz handwerklich hervorragend verarbeitete Holzkonstruktion, wirkt trotz der kleinen Wohnfläche von nur 62Quadratmetern, die sich stufenförmig über drei Ebenen am Berghang verteilen, großzügig. Durch die Holzbalken fällt warmes Licht nach innen, die innere Holzverschalung aus Fichtenbrettern und gebürsteten Bodendielen vermittelt, auch wegen der zentralen Feuerstelle in Form eines puristischen Gussofens, anheimelnde Atmosphäre.

Dieser moderne Alpenstil ist dieses Jahr weniger stark vertreten. Die Dominanz der Schweizer Architekten ist unübersehbar. Peter Cachola Schmal, „Häuser“-Jurymitglied und Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt, sagt es unverblümt: „Die Schweizer Architekten sind besser als die deutschen.“ Und Angelika Wacker, auch diesmal mit ihrem Büro Wacker Zeiger Architekten aus Hamburg im Wettbewerb vertreten, sieht die unterschiedliche Baukultur in der Schweiz als Ursache für den höheren Stellenwert von Architektur. „Nicht nur Architekten, auch Bauherren verfügen dort aufgrund ihrer Ausbildung in Schule und Hochschule über ein profunderes architektonisches Wissen als wir. In der Schweiz wird im Schulunterricht bereits Architekturwissen vermittelt, Architekturthemen sind dort auch für die breite Masse interessant und werden nicht wie bei uns aufs Feuilleton beschränkt.“

Hinzu kommt, glaubt Wackers Münchener Kollege Florian Nagler, dass die Handwerkskunst hierzulande seit Jahrzehnten einen Niedergang erlebt. Eine der Ursachen hierfür sieht Angelika Wacker auch in den hohen Handwerkerlöhnen. Wenn genügend Geld für ein frei stehendes Einfamilienhaus da ist – trotz verheerender Ökobilanz der Traum von 60 Prozent aller Deutschen –, entscheidet man sich gern für repräsentative, säulenlastige Retro-Architektur. Beispielhaft dafür ist das jetzt schon nicht mehr modern wirkende James-Bond-Haus des Berliner Architekten Jürgen Mayer H., das ebenfalls im Wettbewerbsbuch zu besichtigen ist.

Dass sich in Deutschland nur eine kleine Minderheit von zwei Prozent das Haus professionell planen lässt, führt der Architekt Christoph Winkler auch auf die Dominanz der Bauträger-Firmen zurück, deren Scheußlichkeiten in unseren Vorstädten zu sehen seien. „Die normierten Häuser können diese Firmen zu günstigeren Preisen anbieten als individuell auf Bedürfnisse der Bewohner zugeschnittene Häuser von Architekten.“

Dass es auch preisgünstig und gut geht, beweisen Jan Rösler Architekten aus Berlin mit ihrem Wettbewerbsbeitrag. Der Umbau einer alten Scheune in Druxberge in Sachsen-Anhalt fällt deutlich aus dem glamourösen Rahmen der Mitbewerber. Die durch Eigenleistungen der Bauherren erzielte Perfektion ermöglichten außergewöhnliche Ergebnisse, die mit dem zur Verfügung stehenden Budget sonst nicht erreicht worden wären. Jury-Mitglied Hubertus Adam, Direktor des Schweizerischen Architekturmuseums, sagt in seinem Urteil: „Mit einem reduzierten Einsatz von Materialien ist eine Großzügigkeit entstanden, welche ein Neubau kaum geboten hätte.“ Adam fasst die Ergebnisse des Wettbewerbs, deren Preisobjekte im Deutschen Museum für Architektur (Frankfurt/Main) noch bis zum 23. September zu sehen sind, zusammen: „Es gibt im deutschsprachigen Raum mehr und mehr individuell von Architekten geplante Einfamilienhäuser, die uns die Wahl schwer machten.“ Auch deutsche Bauherren sollten erkennen, dass gute Architektenleistung etwas kosten dürfe. „Schließlich ist sie langfristig nachhaltiger als eine Billigproduktion.“