Interview mit Anne Lampen, Architektin

„Es wird künftig viele solcher Projekte geben“

Mehrfamilienhäuser, die allen Altersgruppen gerecht werden, erfordern neue architektonische Konzepte

Architektin Anne Lampen plante das Haus der Baugruppe. Autorin Anna Klar befragte sie zu den Besonderheiten eines Mehrgenerationenhauses mit technischen Raffinessen.

Berliner Morgenpost:

Wodurch unterscheidet sich die Planung eines Mehrgenerationenhauses von der Planung üblicher Mehrfamilienhäuser?

Anne Lampen:

Bei der Planung eines Mehrgenerationenhauses geht es darum, die unterschiedlichen Bedürfnisse verschiedener Altersgruppen zu befriedigen und eine gleichberechtigte Teilnahme alter Bewohner am sozialen Leben zu ermöglichen und Raum für ein selbstbestimmtes Wohnen in der Gemeinschaft zu bieten. Das bedeutet in erster Linie absolute Barrierefreiheit. Um auch für bettlägerige Menschen den Kontakt zur Außenwelt zu ermöglichen, wurden alle Brüstungen der Fenster niedrig ausgebildet. Die Balkone wurden als Teilloggia gebaut und ebenfalls bis zu einer Höhe von 60 Zentimetern geschlossen, um geschützte Außenplätze zu schaffen und Rückzug oder Kontakt zu ermöglichen. Zur einfacheren Orientierung haben wir in den Treppenhäusern im Handlauf eine integrierte Beleuchtung, die insbesondere die Stufen anstrahlt.

Welche Unterschiede gibt es noch?

Ein großer Unterschied zu „normalen Mehrfamilienhäusern“ ist der Wunsch nach gemeinschaftlichen Aktivitäten sowie sozialen Kontakten. Dafür haben wir bei dem Projekt ein großes Foyer mit anschließendem Gemeinschaftsraum gebaut, der über eine Terrasse direkt in den gemeinschaftlich genutzten Garten führt. Hier ist ein einfaches, zwangloses Treffen möglich und Raum für gemeinschaftliche Aktivitäten. Im Keller gibt es Sauna und Fitnessraum, einen Werk- und einen Waschmaschinenraum. Durch die gemeinsame Nutzung vieler Räume und Geräte soll sich die Lebensqualität erhöhen und gleichzeitig der individuelle Energieverbrauch und damit die Lebenshaltungskosten reduzieren.

Was waren für Sie die größten Herausforderungen bei dem Projekt?

Die größte Herausforderung war, den außerordentlich konkreten und sich häufig widersprechenden Wünschen der Bewohner gerecht zu werden und sie in ein gemeinsames architektonisches Konzept zu bringen. Junge Leute sind oft flexibler in der Lebensplanung, Ältere haben sehr klare Lebensvorstellungen und Wohnbedürfnisse. Bei einer starken Generationsmischung gibt es natürlich unterschiedliche Bedürfnisse und Gewichtungen und unterschiedlich finanzielle Hintergründe.

Wie sehen Sie die Zukunft des Modells Mehrgenerationenhaus?

Ich sehe eine große Zukunft für Mehrgenerationenhäuser. Die meisten Menschen möchten selbstbestimmt altern, so lange wie möglich in ihrer Wohnung bleiben. Und immer mehr Menschen überlegen, oft auch schon wenn sie 40, 50 oder 60 Jahre alt sind, wie sie im Alter wohnen möchten und wie sie das realisieren können. Es wird zukünftig viele dieser Projekte geben.

Das Objekt wurde mit dem Sonderpreis „Zivilengagement und Technik“ prämiert. Was war hierfür ausschlaggebend?

Ausschlaggebend für den Preis war das außergewöhnlich hohe Engagement der Initiatoren bei Konzeption und Planung.

Noch mal zum Thema „Technikunterstütztes Wohnen im Alter“ – beobachten Sie hier eine gestiegene Nachfrage oder bestimmte Trends?

Eine gestiegene Nachfrage kann ich nicht beobachten. Der Grund ist meiner Meinung nach, dass die Technik für die Nutzer an zweiter Stelle steht. Da eine Vernetzung aber für viele der heutigen Senioren selbstverständlich ist, wird sich die Nachfrage hier mit Sicherheit fortsetzen.