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Patchwork der Generationen

Eine Wohngruppe aus 36 Personen lebt in einem Mehrfamilienhaus im Bergmannkiez. Die Jüngste ist ein Jahr alt, die Älteste 77

„Ich möchte so lange wie möglich in meinen eigenen vier Wänden leben“, sagt Annegrete Neef. Zusammen mit 35 weiteren Personen diverser Altersgruppen hat sich die Berlinerin vor drei Jahren zu einer Wohngruppe zusammengeschlossen. Ein Mehrgenerationenhaus war das Ziel – mit Schwerpunkt Selbstbestimmt wohnen bis ins hohe Alter.

„Das Miteinander der Generationen ist uns wichtig. Wir wollen uns ergänzen und voneinander profitieren“, betont sie. Der Wunsch der Bewohner sei es, ihr Leben so lange wie möglich in Gemeinschaft zu verbringen. Im Konzept der Baugruppe heißt es dazu: „um Vereinsamung im Alter zu vermeiden und Angehörige zu entlasten“.

Überall Barrierefreiheit

Entstanden ist ein modernes Mehrfamilienhaus im Bergmannkiez – mitten im turbulenten Treiben zwischen Kreuzberg und Tempelhof-Schöneberg. In eine der 23 Wohnungen ist Annegrete Neef vor wenigen Monaten eingezogen. Ihr 72 Quadratmeter großes Apartment – inklusive sieben Quadratmeter großer Loggia – ist kreisförmig angelegt. „Alle Wohnungen in Haus sind barrierefrei, und alle Durchgänge, sprich Türen und Flure sind so breit, dass man auch mit einem Rollator oder Rollstuhl bequem hindurchpasst“, sagt die Eigentümerin und fügt an: „Dabei gleicht keine Wohnung der anderen. Alle wurden sie nach den Wünschen der jeweiligen Eigentümer angefertigt.“ Das Besondere an der Wohnung von Annegrete Neef sind die kurzen Wege.

Diele, Esszimmer, Küche und Wohnzimmer gehen quasi ineinander über und sind durch Schiebetüren vom Schlafzimmer und Arbeitszimmer getrennt – „mit einer Schlafecke für meine Enkel“, sagt die Eigentümerin. Zwischen Schlaf- und Arbeitszimmer befindet sich das Bad, ebenfalls mit Schiebetüren abgetrennt. Auch hier ist alles ebenerdig und barrierefrei. „Meine begehbare Dusche kann ich zusätzlich mit einer weiteren Schiebetür, die sich in der Wand verstauen lässt, von der Toilette abtrennen“, sagt Annegrete Neef.

Für warme Füße sorgt eine Fußbodenheizung. Diese wird mit einem eigenen Blockheizkraftwerk im Keller des Hauses betrieben. Das liefert Warmwasser und Strom inklusive. „Die überschüssige Energie können wir an die Stadt weiterverkaufen“, sagt die Eigentümerin und freut sich über die kostengünstige Energiequelle.

„Wir leben zwar erst wenige Monate hier und haben noch keinen Überblick über unseren Energieverbrauch, aber ich denke, dass wir sehr günstig liegen“, sagt sie. Schließlich habe man das Gebäude mit einer 16 Zentimeter dicken Dämmung gut abgedichtet. „Wir erfüllen die Kriterien eines Kfw-70-Hauses“, fügt Annegrete Neef an.

Doch damit nicht genug. Damit das Miteinander bis ins hohe Alter reibungslos klappt, hat sich die Baugruppe entschieden, ihr Haus zusätzlich mit etlichen technischen Raffinessen auszustatten, „die das Leben leichter machen“, sagt die Bewohnerin.

Sonderpreis für das Projekt

Für dieses Vorhaben ist die Gemeinschaft kürzlich vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Programms „Zuhause im Alter“ mit dem Sonderpreis „Zivilengagement und Technik“ ausgezeichnet worden. „Das macht unsere Gruppe stolz, denn Angst vor Technik hat hier trotz des Alters keiner“, sagt Annegrete Neef. „Sobald die Arbeiten abgeschlossen sind, werden wir ein eigenes Netzwerk für die interne Kommunikation im Haus haben. Das funktioniert wie ein elektronisches schwarzes Brett. Jeder wird dann von und für jeden online erreichbar sein, wenn er will“, sagt die Eigentümerin.

Darüber hinaus wird die komplette Haustechnik elektrisch abrufbar und steuerbar sein. „Wir können dann zum Beispiel jederzeit unseren Strom- oder Wasserverbrach einsehen und auch von außerhalb einstellen“, erklärt Annegrete Neef. Schon jetzt funktionieren die Jalousien des Hauses elektrisch und öffnen beziehungsweise schließen sich je nach Windstärke und Sonneneinstrahlung. Eine Video-Gegensprechanlage wird eingebaut, Kabel für eine Hörschleife für Schwerhörige wurden bereits gelegt und können jederzeit aufgerüstet werden.

Gemischte Altersstrukturen

Aber auch ohne technische Hilfsmittel klappt das Leben zwischen den Generationen hervorragend. „Unsere jüngste Bewohnerin ist erst wenige Monate jung, die älteste 77 Jahre alt. Irgendeiner hat immer seine Enkel oder Kinder zu Besuch. Es ist nie langweilig, und auch wir Nachbarn treffen uns immerzu und kümmern uns umeinander“, sagt die junggebliebene 62-Jährige.

Platz für alle ist zum Beispiel im Gemeinschaftsraum. Dieser befindet sich im großzügigen Eingangsbereich und ist zusätzlich mit einer kleinen Küche und einer behindertengerechten Toilette ausgestattet. Im Keller des Hauses gibt es darüber hinaus weitere Räume, die den Bewohnern nach Beendigung der Bauarbeiten im Herbst zur Verfügung stehen sollen, so zum Beispiel einen Fitnessraum, eine Sauna und einen Werkraum.

Das Wohnhaus der Baugruppe befindet sich in einem neuen Quartier Kiez oberhalb der Kreuzberger Bergmannstaße. In dem Dorf sind in den vergangen Jahren, meist auf Initiative von Baugruppen, insgesamt 220 Wohnungen entstanden – eine neue familienfreundliche Gemeinschaft mit gemischten Altersstrukturen hat sich gebildet.

Garten mit Boule-Platz

Man teilt sich den gemeinsamen, parkähnlichen Garten mit etlichen Spielmöglichkeiten von Klettergerüsten über Trampolin, einen ausrangierten Bauwagen bis hin zum Planschbecken. Schließlich leben mehr als 100 Kinder in der Nachbarschaft, die allesamt „als Bereicherung für das Miteinander“, verstanden werden. „Es ist Leben im Haus. Kinderlärm stört uns nicht“, betont Annegrete Neef.

Aber auch an die Erholung der Älteren wurde bei der Planung der Parkanlage gedacht. So hat man breite und barrierefreie Spazierwege angelegt, auf denen man auch mit einem Rollstuhl oder Rollator gut vorankommt.

Ruhe finden die Bewohner in dem von ihnen angelegtem Weidendom am Ende des Parks. Unter den Weiden befindet sich ein runder Platz mit einem Durchmesser von acht Quadratmetern. „Hier setzen wir uns gerne mal hin und lassen dann die Seele baumeln“, schwärmt Annegrete Neef.

Das größte Vergnügen jedoch bereitet ihr und ihren Nachbarn der Boule-Platz. „Dieser ist wohl auf meine Initiative gebaut worden“, scherzt Rudolf Mertens und lässt die silberne Kugel rollen. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Kirsten Jacks ist er der Baugruppe beigetreten. „Wir haben viel im Ausland gearbeitet und waren quasi wurzellos. Hier haben wir unser Zuhause gefunden“, erklären beide.

Apartment für einen Pfleger

Gleiches gilt auch für Herbert Helle. Der ehemalige Stadtplaner gehört zum Kern der Baugruppe. Derzeit hat er Besuch von seinem acht Monate jungen Enkel Lukas. Helle ist begeistert von seinem neuen Domizil und gerät über das Quartier ins Schwärmen: „Es ist ein buntes und gut durchdachtes Miteinander von Jung und Alt.“

An Pflegebedürtigkeit mag keiner der agilen Bewohner jetzt schon denken, dennoch hat man hier bereits vorgesorgt. So befindet sich in dem Haus der Baugruppe ein kleines komplett ausgestattetes Apartment. „Das wird derzeit noch monatsweise vermietet, gedacht ist es eigentlich als Mietwohnung für eine Pflegekraft, falls einer von uns im Alter Pflege benötigt und wir uns untereinander nicht mehr ausreichend helfen können“, sagt Herbert Helle, der für die Vermietung zuständig ist. Doch bis dahin soll es noch lange dauern. Schließlich wollen die aktiven „Best Ager“ noch etliche Partien Boule spielen.