Interview mit Architektin Birgit Frank und Kunstwissenschaftlerin Alexandra v. Stosch

„Gebäuden zusätzliche Funktionen verleihen“

Kunst-Bauprojekte in Berlin zeigen den Anspruch der Stadt als europäische Kreativmetropole

Mit der Architektin Birgit Frank, BDA Vorstand, und der Kunstwissenschaftlerin Dr. Alexandra von Stosch sprach Autor Oliver Klempert über integrative Kunst-Bauprojekte und deren Bedeutung für Berlin als kreative Brutstätte.

Berliner Morgenpost:

In Berlin gibt es eine Vielzahl von Beispielen für die Verbindung von Kunst und Architektur. Haben Sie bereits mit solchen Aufträgen zu tun gehabt?

Alexandra v. Stosch:

Kunst am Bau wird dann zu einem Problem, wenn es das ist: „Kunst AM Bau“. Umso erschreckender ist, dass die gängige Praxis auch heute noch ist, dass man sich über Kunst erst Gedanken macht, wenn die Form des architektonischen Werks feststeht. Es ist unumgänglich, dass beides im interdisziplinären Dialog schon in der Entwurfsphase entwickelt wird.

Halten Sie eine besondere Sensibilität im Umgang mit denkmalgeschützten Gebäuden für angeraten?

Birgit Frank:

Sensibilität ist essenziell bei jedem Bauprojekt. Sensibilität bei denkmalgeschützten Gebäuden ist das tägliche Brot von Architekten, die in Berlin arbeiten, das auch 20 Jahre nach der Wende immer noch voller sanierungsbedürftiger Altbauten ist. Die Herausforderung einer neuen Nutzung oder künstlerischen Veränderung liegt darin, dem Gebäude eine zusätzliche Dimension zu verleihen, ohne seinen Charakter unkenntlich zu machen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

v. Stosch:

Ein jüngeres Beispiel für die Synthese aus historischem Bauwerk und künstlerischer Nutzung ist die Jüdische Mädchenschule, die an historischem Ort Raum für Galerien und Szene-Restaurants schuf, ohne die Geschichte vollständig zu übertünchen. Dies ist in beeindruckender Weise auch im Kunstbunker von Christian und Karen Boros gelungen, die in den verschachtelten Räumen nicht nur ihre private Kunstsammlung der Öffentlichkeit zugänglich machen, sondern auch selbst darin wohnen.

Gibt es Grundsätze, nach denen man Kunstobjekte gut in Räume oder Gebäude integrieren kann?

Frank:

Das dafür ideale Gebäude besitzt sowohl klar definierten architektonischen Charakter als auch strukturelle Großzügigkeit. Diese impliziert eine maximale Offenheit für die Nutzungsvielfalt. Dadurch erlangt das Bauwerk dauerhafte Gültigkeit, die als Erinnerungsspur die Identität der Stadt erhält und fortschreibt.

Welche Kriterien sind für das Gesamtkonzept besonders wichtig?

v. Stosch:

Wichtig ist, dass das dialogische Prinzip in der Ausgangsplanung zwischen Kunst und Bauprojekt erhalten bleibt. Der Einsatz künstlerischer Mittel im Austausch mit baulichem Kontext führt idealerweise nicht nur zur Steigerung der Raumidee. Kunst in Zusammenhang mit Bauprojekten hat nicht nur für den Wohnbereich enormes Potenzial: Kunst im Alltag als Wahrnehmungsschule. Das Gegenteil beschrieb der Künstler Heinrich Zille vor 120 Jahren: „Man kann mit Wohnungen Menschen erschlagen wie mit einer Axt.“

Was können solche Konzepte Berlin geben?

Frank:

Der Mythos Berlin als Kreativmetropole kann durch die gelungene Umsetzung von interdisziplinären Konzepten zu integrativen Kunst-Bau-Projekten Wirklichkeit werden. Diese Projekte geben der Stadt einen dauerhaften kulturellen Beitrag mit zukunftsweisender Wirkung.