Architektur

Moderne Kunst im alten Hof

In Brandenburg wurde ein Vierseithof saniert. Nun dient er als Wohngebäude sowie zur Präsentation ungewöhnlicher Objekte

Kaum hat man das Tor durchschritten, fühlt man sich ein wenig wie in eine andere Zeit versetzt: Der große Innenhof wirkt aufgeräumt, vier große Wände umschließen diesen Bereich. Die Sommerhitze fängt sich zwar auch in diesem Hof, doch wirkt sie nicht mehr so beißend wie außerhalb auf der Landstraße des kleinen Dorfes westlich von Potsdam – zumindest nicht unter einem kleinen Dach, unter dem Rüdiger Kaffke mit seiner Ehefrau Babette beim Kaffee sitzt und über sein Anwesen blickt.

Aus einer alten Scheune ist leise Musik zu hören. Alles wirkt ruhig und gedämpft. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Hof eine besondere Symbiose darstellt – und hier in mehrfacher Hinsicht neues Leben eingezogen ist.

Der Sammeltrieb der Elster

Rüdiger Kaffke, im beruflichen Leben Unternehmer, ist passionierter Kunstsammler und ein weit gereister noch dazu. Vor wenigen Jahren entdeckte er eine neue Leidenschaft: Licht-Kunst-Objekte. Doch nicht irgendwelche, sondern Lichtobjekte aus Südafrika. „Auf Touren durch verschiedene Länder führte uns eine Reise nach Südafrika, wo wir durch Zufall im Africa Café faszinierende Lichtinstallationen sahen“, sagt Kaffke. „Wir erfuhren, dass sie von der Künstlergruppe Magpie stammten, die Kunstobjekte mit integriertem Licht herstellen, und besuchten sie in der abgelegenen Ortschaft Barrydale, etwa zweieinhalb Stunden von Kapstadt entfernt.“ Seit die Kaffkes dort in der Werkstatt waren, hat die Begeisterung für die Objekte sie nicht mehr losgelassen. Magpie – das ist für Szenekenner mittlerweile ein Begriff. Kein Wunder, denn die Künstler erstellen aus verschiedenen Utensilien ungewöhnliche Lichtkunstobjekte, darunter Schmuckstücke, ausgedientes Kinderspielzeug wie Matchboxautos oder Barbiepuppen, Kunststoffelemente wie Verschlüsse oder Plastikwasserflaschen, Glas, Porzellan und Spiegelbruchstücke. Was Menschen achtlos wegwerfen, wird von den Mitwirkenden zu einem leuchtenden Objekt verarbeitet.

Der Name „Magpie“ bedeutet auf Deutsch „Elster“ – und diese Vögel tragen schließlich die unterschiedlichsten Dinge zusammen, vor allem, wenn sie schön glitzern. Die Leuchter sehen beeindruckend aus – in jedem Objekt steckt Liebe zum Detail. So beeindruckend, dass das Ehepaar Kaffke beschloss, die Leuchten nach Deutschland zu holen. Ein Platz dafür war schnell gefunden – die zu ihrem Wohnensemble gehörende Scheune auf dem Vierseithof. Damit war der „Kunsthof“ geboren – und es entstand nach und nach eine Sammlung von mehr als 200 Magpie- Objekten in Brandenburg. „Alle diese Leuchter sind von Hand gefertigt und somit ist jedes Stück ein Unikat. Sie erstrahlen bei uns in einem neuen Licht – und das im Wortsinn“, sagt Babette Kaffke.

Auch sie ist kunstbeflissen, erschafft in einem zum Vierseithof zugehörigen Atelier eigene Werke. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Scheune, in die das Künstlerehepaar Kaffke als nächstes führt, in das Licht vieler Glühbirnen getaucht ist, von denen jede ein individuelles Gewand aus geflochtenem Kupferdraht, Tetrapak-Streifen, Glasperlen oder Plastikblumen trägt – Licht-Kunstwerke in allen Formen und Farben.

Aber nicht nur Stücke von Magpie beherbergt die Sammlung der Kosmopoliten, die beiden haben auch in weitere Objekte von diversen internationalen Künstlern wie etwa der Spanierin Gema Noguera, der Hamburger Künstlergruppe Die Schlumper oder des Elektronik-Künstlers Walter Giers investiert. Mehr noch: Dutzende sogenannter Tinajas, das sind spanische Tongefäße aus den vergangenen beiden Jahrhunderten, stehen auf dem alten Boden der Scheune – jedes Gefäß mit eigener Geschichte. Wer jedoch glaubt, dass der Raum für öffentliche Führungen gedacht ist, irrt: „Das ist unser ganz privater Ausstellungsraum. Private Führungen sind allerdings möglich“, sagt Rüdiger Kaffke.

Neue, ungewöhnliche Kunst in einem neu aufgebauten alten Vierseit-Bauernhof westlich von Potsdam – das ist der Dreh- und Angelpunkt in Babette und Rüdiger Kaffkes Leben. „Ich hatte das Anwesen im Jahr 1999 von der Treuhand auf eine Zeitungsanzeige hin erworben, ohne es selbst gesehen zu haben. Ich wusste sofort, dass es das richtige ist“, sagt Rüdiger Kaffke.

Nach historischem Vorbild

Früher hatte das Ensemble mit Wohnhaus einem der Bauern aus der Region gehört, und zu DDR-Zeiten war es landwirtschaftlich genutzt worden. „Bei der Übernahme war das Objekt in einem sehr schlechten Zustand und dem fortschreitenden Verfall ausgesetzt“, sagt Kaffke.

Die Umbauarbeiten und Modernisierungen begannen im Frühjahr 2001 und wurden 2002 abgeschlossen – unter Berücksichtigung historischer Gegebenheiten. So wurden zum Beispiel die alten Fassaden an der Scheune freigelegt, sodass dort wieder Backsteine zu sehen sind. Die Farbgestaltung richtet sich nach historischen Vorbildern aus der märkischen Region. Auch von außen ist das Haus in Erdfarben gehalten.

Es entstand so ein saniertes Wohnhaus mit circa 350 Quadratmetern Wohnfläche, die Scheune weist 600 Quadratmeter Ausstellungsfläche auf. Weiterhin gibt es zwei sanierte Stallgebäude, die zu Sauna und Spa mit 45 Quadratmetern Platz und einem Gästebereich mit 230 Quadratmetern Platz umgebaut wurden. Das Spa ist in hellblauer Farbe gestrichen. Es besitzt eine Sauna und den dazugehörigen Nassbereich. Liegen sind aufgestellt. Von der Decke hängt ein Unikat von Magpie – ein außergewöhnlich großer Leuchter.

Eine gelungene Symbiose

Der Rundgang führt weiter in das Privathaus der Kaffkes – dort hängen, wie könnte es anders sein, natürlich ebenfalls Objekte von Magpie. Das Esszimmer, mit Platz für viele Gäste, wirkt aufgeräumt und strukturiert und in einem Erker hängt ein besonders schönes Exemplar der Lichtkünstler. Der Hausherr streicht durch das Leuchtobjekt und sagt: „Diese Leuchter geben jedem Raum eine ganze neue Atmosphäre.“ Er selbst würde in den Lichtobjekten immer wieder Neues entdecken, Kleinigkeiten, die die Künstler darin versteckt haben.

Das Wohnzimmer, ein Stockwerk höher unter dem Dach, bietet einen weiteren Rückzugsraum – mit großer Couch und selbst gebautem Couchtisch. Das Gestell war ursprünglich für den Transport eines Leuchters verwendet worden. Das alte Dachgebälk im Wohnzimmer hat Rüdiger Kaffke restaurieren lassen. Der Raum erhielt so seinen ursprünglichen Charakter zurück. Auch dort natürlich zu sehen: kleinere Magpie-Objekte. Eine enge Wendeltreppe führt auf den Spitzboden, zu einem weiteren Ruhe- und Rückzugsraum.

Es scheint, Kunst hat hier einen ganzen alten Bauernhof erobern können. Doch Rüdiger Kaffke sagt lächelnd: „Architektur und Kunst zusammenzubringen war mir immer schon ein großes Bedürfnis.“ Auf seinem Kunsthof ist ihm das perfekt gelungen.