Innenarchitektur

Das Wohnlabor eines Professors

Kreative Ideen für einen preisgünstigen Komfort. Carsten Wiewiorra sucht nach Lösungen in seinem Altbau in Mitte

Die Bilder haben sich bis heute ins Gedächtnis eingebrannt: Stacheldrahtrollen, zugemauerte Fenster, Menschen, die in letzter Sekunde in die Freiheit springen. Die Wolliner Straße Ecke Bernauer Straße ist ein Ort mit Berliner Symbolgehalt. Hier erwarb der Architekt Carsten Wiewiorra 2003 als Teilhaber einer Eigentümergemeinschaft ein graues Mietshaus mit neun Partien aus den Beständen der Wohnungsbaugesellschaft Mitte und sanierte es vom Keller bis zum Dach.

Experimente mit Baustoffen

Das Besondere an dieser Geschichte: Sie zeigt, dass sich Sanierung und Milieuschutz nicht ausschließen. Alle Mieter konnten nach Abschluss der einjährigen Renovierungsphase bleiben, da die Mieten trotz der höheren Wohnqualität nur moderat stiegen. „Schon bei der Planung suchten wir nach intelligenten Lösungen, um die Ausgaben auf einem überschaubaren Niveau zu halten und ohne Kompromisse am Wohnkomfort eingehen zu müssen“, sagt Wiewiorra. Eine große Aufgabe, denn die altbautypischen Kostentreiber lauerten überall: Die fast 100-jährige Mauersubstanz war angegriffen, die letzte Sanierung wurde noch zu Ostzeiten durchgeführt, entsprechend minderwertig war das eingesetzte Baumaterial. Und die gesamte Kellerdecke musste entfernt werden, da die tragenden Teile marode waren. Hier zu sparen war also gar nicht möglich – der Hebel saß an anderen Stellen.

„Experimente mit Baustoffen und Materialien waren die Lösung“, sagt der Bewohner und zeigt auf den Boden im Erdgeschoss seiner Maisonette-Wohnung, die er knapp „W 50“ – für Wolliner Straße 50 – nennt. „Der Fußbodenbelag ist ein gutes Beispiel. Man muss nicht zwangsläufig teures Parkett verbauen. Wir haben Linoleum ausprobiert; ein naturbelassenes, für die Füße ähnlich angenehmes Material wie Holz.“ Wirtschaftlich zu sanieren bedinge auch immer die Frage: Welche Alternativen gibt es bei den gängigen Baumaterialien, was muss zwangsläufig ersetzt werden, was lässt sich günstig wiederaufbereiten?

Wiewiorra bezeichnet „W 50“ als Experimentierwiese. Hier testet er den Einsatz ungewöhnlicher Baustoffe, experimentiert mit Boden-, Wand- und Deckenbelägen, mit Lichtinstallationen und Dekorationsobjekten und spielt verschiedene Raumkonzepte durch. Hier der Verzicht auf Fußleisten, dort schwarzer Tafellack für die alten Osttüren und als Wandfarbe, daneben ein völlig unverputzter Kamin. Das sieht alles stylish und wertig aus, ohne ins Geld zu gehen. In der Küche steht eine schlichte, matt glänzende Gastroküche, wie sie auch in den Dönerbuden an der Sonnenallee zu finden sind. Es muss eben nicht immer Bulthaup sein – vieles, was in der Maisonette den Langzeittest bestanden hat, empfiehlt er seinen Bauherren, die er in seinem Architekturbüro Wiewiorra Hopp Schwark Architekten vom Schiffbauerdamm aus betreut.

Heller Lichthof im Altbau

Der Architekt hat eine Professur für Ausbaukonstruktion und Werkstoffe an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe inne, und so werden seine Freude an Experimenten und der Forscherdrang nach neuen Formen, Farben und Materialien erst recht verständlich. Von ihm stammt eine ständig wachsende wissenschaftliche Literatur; seine Erfahrungen bei Sanierung, Bauen und Wohnen sind Bestandteile seiner Kolloquien und Vorlesungen, die Maisonette ist sein Wohnlabor: Entstanden aus einer typischen Altberliner Gewerbefläche im Erdgeschoss und der darüber liegenden, 75 Quadratmeter großen Zweieinhalbzimmerwohnung. „Der begrenzte Platz war schon schwierig“, sagt der Fachmann und stellt sich auf eine Stufe der Stahltreppe, die ins Obergeschoss führt.

Auf den zweiten Blick erst ist zu erkennen, dass die Treppe nicht massiv ist, sondern aus flexiblen Teilen mit kleinen Rollen besteht, weshalb sie sich platzsparend hochschieben lässt. „Eine industrielle Treppe aus dem Gerüstbau“, sagt Wiewiorra und grinst. Dass die Treppe im gleißenden Sonnenlicht blitzt, liegt an der schmalen, aber stockwerkübergreifenden Fensterfront zum Garten, durch die das Tageslicht nach innen gelangt und einen hellen Lichthof entstehen lässt. Wer selbst ein Erdgeschoss im Berliner Altbau bewohnt, weiß, wie dürftig die Lichtverhältnisse häufig sind.

Hier aber fühlt man sich wie in einer luftigen Dachgeschoss- wohnung. Die schwarz gestrichenen Wände, die Arbeits- und Wohnfläche optisch abgrenzen sollen, öffnen vor allem in der Dämmerung den Raum, weil nicht mehr klar zu erkennen ist, wo das Zimmer endet.

Während im unteren Bereich durch die intelligente Ausnutzung der Räume eine große Küche mit Esszimmer sowie ein Arbeitszimmer Platz gefunden haben, sind die Wohn- und Schlafräume in den oberen Stockwerk gelegt. Auch hier entsteht durch konzeptionelle Kniffe der Eindruck, die erste Etage sei wesentlich größer.

So ist die Balustrade vom Wohnzimmer zum Lichthof gleichzeitig ein Schrankelement, auf dem Fernseher und dekorative Objekte Platz gefunden haben. Glastüren sind direkt in die engen Durchgänge gefügt, Rahmen und Zargen werden damit überflüssig. Der Zugang zum Schlafzimmer wirkt durch einen frontal gestellten, offenen Kleiderschrank wie eine begehbare Garderobe. Dahinter erst befindet sich das nach Osten ausgerichtete Doppelbett.

Experimente auch im Badezimmer: Die Nasszelle ist nicht konventionell gekachelt, sondern hinterlüftet mit Zementfaserplatten beplankt, die sonst ausschließlich an Außenfassaden angebracht werden. „Diese Platten sind robust, weil sie im Freien Temperaturschwankungen und Nässe aushalten müssen – Bedingungen, die auch im Badezimmer vorherrschen“, dachte Carsten Wiewiorra und experimentierte. Laborergebnis: Zementfaserplatten eignen sich auch fürs Bad. Einer musste es halt nur mal ausprobieren.

Möbelmix aus Alt und Neu

Experimente finden sich in der „W50“ auch bei der Möblierung; am langen Esstisch reihen sich Stühle in allen Formen und Größen, Designerstücke von Jacobsen und Eiermann neben günstigen Flohmarktfunden. „Gäste sind ja nicht nach DIN genormt; ich überlasse es jedem Besucher, seinen Stuhl auszusuchen, der für ihn am bequemsten ist.“ Die Regale in der Küche sind günstige Anfertigungen aus bruchsicherem Industrieglas, raumbildend in die Wände eingelassen. Herzstück des Wohnzimmers ist eine große Ledercouch-Kombination aus den 1970er-Jahren, die Wiewiorra von einer befreundeten Familie bekommen hat. „Für mich ist die Mischung aus neuen Möbeln und alten Möbeln, deren Geschichte ich kenne, ganz wichtig. Wohnungen, deren Einrichtungsgegenstände komplett neu gekauft sind, wirken oft steril und künstlich wie manche Hotelzimmer.“

Am Ende des Rundganges über die Experimentierwiese „W50“ sieht man die eigene Wohnung plötzlich mit ganz anderen Augen und spürt das Verlangen, umzuplanen. Und falls etwas schiefgeht: Genug Literatur aus dem Wohnlabor von Professor Wiewiorra gibt es ja.