Innendesign

Beistelltisch und Espressokanne des Art déco

Design verändert sich ständig. Viele Möbel aus früheren Stilepochen sind auch heute noch gefragt

Nach dem Ersten Weltkrieg haben sich die Menschen nach ein wenig Luxus gesehnt. Die Prunk gewohnten Reichen wollten die Veränderungen der Zeit nicht erkennen. „Art déco war der Stil einer internationalen Elite, die die großen sozialen Umbrüche jener Zeit negierte“, sagt Prof. Sabine Schulze, Direktorin des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe. „Eine reiche Schicht, die auf Luxusdampfern und mit Flugzeugen reiste, umgab sich mit geradlinigen Gegenständen, die nichts Florales, nichts Fließendes hatten, sondern sich am Klassizismus und an der Antike orientierten.“

Eine Abkürzung hat sich als Bezeichnung für die Epoche der Designgeschichte durchgesetzt, deren Hochzeit in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts lag: Art déco leitet sich ab von arts décoratifs, was so viel bedeutet wie „verzierende Künste“.

Es waren eher strenge Formen, die die Möbel dieses Stils auszeichneten. Aber tatsächlich gibt es nicht das eine Merkmal für das Design, was eine Definition oder Zuordnung oft erschwert. Olaf Thormann, stellvertretender Direktor des Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig, nennt elegante, abstrahierte Formen, die Freude am fantasievollen Dekor und an leuchtenden Farben als Charakteristika.

Elfenbein und Kristall

Das zeigen auch die verwendeten kostbaren Materialien mit mondäner Wirkung. Art déco bediente etwa mit Elfenbein, Rochenhaut, Bronze und Kristall den Geschmack einer zahlungskräftigen Oberschicht. Die ersten industriell produzierten Kunststoffe wie Bakelit machten es möglich, Produkten der Elektrifizierung wie Telefonen und Radios eine ansprechende Hülle zu geben.

Die Formgebung des Art déco erstreckte sich von Möbeln über Fahrzeuge, Mode, Architektur, Bildhauerei, Malerei und Grafik bis zu Artikeln des täglichen Gebrauchs. Und das macht Art déco bis heute so beliebt. Ein Objekt, das in fast jedem italienischen Haushalt vertreten ist, ist die achteckige Espressokanne von Bialetti. Das Zentrum des Stils war Paris. Dort fand 1925 die Ausstellung „Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes“ statt. Die Ausstellung gab dem Design seinen Titel. Einer der großen Namen ist Jacques-Émile Ruhlmann (1879-1933), dessen Möbel von erlesener Qualität waren. Es waren Modelle, für die nur die seltensten Materialien zum Einsatz kamen: Palisander, Amboyna, Amaranth, Makassar-Ebenholz und kubanischer Mahagoni. Die Einlegearbeiten wurden in Elfenbein, Schildpatt oder Horn ausgeführt.

Ruhlmanns hochwertige Möbel waren nur für die oberen Zehntausend erschwinglich. Er rechtfertigte das damit, dass sich ein zeitgenössischer Einrichtungsstil nur entwickeln könne, wenn die Reichen dies unterstützten – ähnlich wie dies früher am Hof des Königs der Fall war.

Seine aufwendigen Schränke, Kommoden und Stühle werden heute nicht mehr hergestellt. Anders ist dies mit den Entwürfen von Eileen Gray (1878-1976). Sie waren ihrer Zeit zum Teil so weit voraus, dass sie noch immer ausgesprochen aktuell wirken. Bekannt ist heute vor allem ihr Ledersessel „Bibendum“, dessen wulstiges Volumen auf die Form des Michelin-Reifenmännchens anspielt.

„Eileen Gray war eine sehr eigenständige und unabhängig arbeitende Entwerferin“, sagt Oliver Holy, Geschäftsführer von ClassiCon, das die Eileen Gray Kollektion produziert und vertreibt. „Ihre Möbel sind trotz ihrer Funktionalität und des Umgangs mit modernen und industriellen Werkstoffen niemals kalt und haben alle eine schlichte, oft feminine Eleganz“, sagt Holy.

Der Nonkonformistin ging es zudem immer um das Praktische im Schönen. „Jedes einzelne Stück ist sehr durchdacht und kam den individuellen Bedürfnissen der Designerin entgegen“, erklärt Oliver Holy. Ob das eine Menton- oder Linoleum-Oberfläche ist, auf der das Geschirr nicht klappert, oder die Höhenverstellbarkeit und Asymmetrie des Beistelltischs „E1027 Adjustable Table“, den man direkt ans Bett oder die Couch ziehen kann. Oder auch die schwenkbaren Laden des Tischchens „Petite Coiffeuse“.

Während sich Eileen Gray einem eher funktionellen Modernismus zuwandte, schwelgte der Grafiker und Juwelier René Lalique (1860-1945) in künstlerischem Glas. Er schuf Figuren und Gefäße, später auch Tische und beleuchtete Wandvertäfelungen. Vor allem seine Lampen sind heute begehrte Sammlerstücke. Und berühmt sind seine Parfümflacons wie „L'Oiseau de Feu“ (Feuervogel).

Eckart Muthesius (1904-1989) war einer der wenigen deutschen Vertreter des Art déco. 1929 begegnete der Architekt und Innenarchitekt in Oxford dem indischen Fürsten Shri Yeshwant Holkar Bahadur. Der zukünftige Maharadscha beauftragte Muthesius mit dem Bau und der Ausstattung seines Palastes in Indore. Der gebürtige Berliner wählte dafür Ideen berühmter Zeitgenossen, steuerte aber auch eigene Entwürfe wie Leuchten, Sitzgruppen und Bibliothekssessel mit eingebauten Leselampen und Aschenbechern bei.

Theater in Charlottenburg

Als Inbegriff der Art-déco-Architektur gelten die pastellfarbenen Häuser in Miamis Art-déco-Viertel South Beach. Auch die berühmten Wolkenkratzer in New York wie das Chrysler Building, das Empire State Building und die Radio City Music Hall. Deren Innenausstattung ist das wohl wichtigste Beispiel für die französische Richtung des Art déco auf amerikanischem Boden. In Berlin steht ebenfalls ein originales Art-déco-Gebäude: Das Renaissance-Theater in Charlottenburg ist das einzige vollständig erhaltene Theater Europas aus dieser Epoche und verfügt zudem noch über die komplette Ausstattung aus den 20er Jahren.

Doch auch wenn mit dem Art decó klassische Muster Niederschlag in der Dekoration fanden, grundsätzlich waren die Kreativen offen für Neues und für die Zukunft, die bessere Zeiten verhieß: „Es gibt viele feminin geprägte Objekte in kapriziöser Extravaganz“, sagt Thormann. Dazu gehören etwa Ruhlmanns geschwungene Möbel oder Laliques Glasstücke.

Zugleich wurden technische Neuheiten wie der Kunststoff Bakelit aufgegriffen und die Produktentwicklung damit vorangetrieben. Thorman sagt daher, „das Art déco verband sich explizit mit einem modernen Lebensgefühl, mit dem Blick nach vorn.“