Architektur

43 Bewohner unter einem Dach

In Prenzlauer Berg haben sich Menschen zu einer Genossenschaft zusammengefunden und ihr gemeinsames Traumhaus errichtet

Gabriele Schambach und Karsten Kümmerle sitzen auf einer Parkbank. Zumindest könnte man denken, dass die Bank in einem Park stünde – doch sie steht in ihrem riesigen Garten, einem Hinterhofgarten in Prenzlauer Berg. Die beiden blicken glücklich auf ihr Wohnhaus, in dessen Scheiben sich die Sonne spiegelt.

28 Erwachsene, 15 Kinder

Seit 2009 wohnt Gabriele Schambach in dem im selben Jahr fertiggestellten siebengeschossigen Wohngebäude am nördlichen Ende der Pappelallee. Auf den ersten Blick scheint es sich um ein normales Mehrfamilienhaus zu handeln, doch im Innern zeigt sich, dass der Schein trügt. Auf rund 1500 Quadratmetern Wohnfläche sind 15 sehr verschiedene, barrierefreie Wohneinheiten entstanden, von der 40 Quadratmeter großen Einzimmerwohnung bis zur 233 Quadratmeter großen Wohnung für eine mehrköpfige Wohngemeinschaft. Im Erdgeschoss gibt es zusätzlich eine Gewerbeeinheit mit 54 Quadratmetern. Ingesamt 28 Erwachsene zwischen 39 und 69 Jahren und 15 Kinder im Alter zwischen zwei und zwölf Jahren leben im Leuchtturm, einem Mehrgenerationenhaus, das gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen soll. Die Bewohner hatten sich 2007 zur „Leuchtturm Genossenschaft“ zusammengeschlossen (www.leuchtturm-wohnprojekt.de).

Diese Genossenschaft ist Bauherrin und Eigentümerin des Hauses. Sie ist weder eigentums- noch profitorientiert, weshalb die Genossenschaftsmitglieder kein Eigentum am Haus besitzen, sondern Wohnrecht erworben haben. Das heißt, die Wohnungen wurden nicht wie bei Baugruppen sonst üblich nach Baufertigstellung in Eigentumswohnungen umgewandelt. Stattdessen entrichten die Mitglieder Miete. Diese beträgt circa 9,50 Euro pro Quadratmeter zuzüglich 1,50 Euro Nebenkosten. Als Genossenschaftsanteil zur Finanzierung des Projektes hat jedes Mitglied durchschnittlich rund 30.000 Euro eingebracht. „Die Grundidee für das Projekt Leuchtturm war gemeinschaftliches, generationenübergreifendes Wohnen in einem selbstverwalteten Haus mitten in Berlin“, sagt Schambach. Wohngemeinschaften, Familien, Alleinerziehende und Singles haben sich ihre Wohnbereiche nach den jeweiligen Bedürfnissen kreiert. Gemeinsam nutzbare Räumlichkeiten fördern das Miteinander der Hausbewohner. So gibt es im Dachgeschoss einen Gemeinschaftsraum, in dem sich die Bewohner zum Beispiel zum Fernsehen und alle zwei Wochen zu einer Besprechung treffen. Waschküchen, Garten und Gästewohnung werden gemeinschaftlich genutzt. „Unser Leuchtturm sieht sich als Alternative zu vorhandenen urbanen Wohn- und Lebensformen“, sagt Schambach. „Das Haus ist ein Beitrag zur positiven Veränderung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation.“ Damit meint sie, dass vor allem in Innenstadtbezirken wie Prenzlauer Berg derzeit die Mieten explodieren – und vor allem ältere Menschen und junge Familien vertrieben werden. „Dem wollten wir etwas entgegensetzen.“ Schambach selbst wohnt mit vier Erwachsenen und drei Kindern auf 233 Quadratmetern in einer Wohngemeinschaft.

Dass das funktioniert, kann Karsten Kümmerle nur bestätigen. Der 68-Jährige bewohnt eine Dreizimmerwohnung mit 70 Quadratmetern Wohnfläche – und hat selbst über 30 Jahre WG-Erfahrung. „Hier habe ich gefunden, was ich immer gesucht habe“, sagt er. Dabei wird im Haus bereits heute damit gerechnet, dass Lebenssituationen einem stetigen Wandel unterworfen sind. „Der zukünftige Tausch von Wohnungen, wenn eine Familie zum Beispiel mehr Platz benötigt, ist bereits heute bei uns Thema“, sagt er. Kümmerle selbst wäre auch bereit, in eine kleinere Wohnung zu ziehen, benötigte eine Familie mehr Platz. Noch aber ist es nicht so weit – im Gegenteil: Der 68-Jährige steht voll im Leben, viele Bücher und Arbeitsunterlagen aus seiner aktiven Zeit als Architekt füllen seine sonnendurchfluteten Räume. „Wir versuchen das Leben in seinem Fluss bei uns im Haus widerzuspiegeln“, sagt Schambach. Ziel sei es, ein generationenübergreifendes Lebensgefühl herzustellen, ein „Haus, das lebt“.

Gemeinsamkeit ist wichtig

Dafür genügt Kümmerle schon der Blick in den Garten: Ein Rondell mit Feuerstelle lädt zum gemeinsamen Grillen ein, Fahrräder stehen geschützt unter einem kleinen Dach, für die Kinder im Haus gibt es einen riesigen Sandkasten und sogar ein kleines Baumhaus. Kindern bei ihrem Treiben im Garten zuzusehen, dabei den eigenen Dingen nachzugehen und doch mittendrin zu sein – das ist es, was für Kümmerle das Lebensgefühl ausmacht. „Bevor ich hier einzog, lebte ich allein in einer normalen Mietwohnung. Doch das hier ist 1000-mal schöner.“ Gemeinsame Sommer und Grillabende, Arbeitsgruppen, die sich um die Pflege des Gartens kümmern, tun ein Übriges.

Eine Umwandlung des Hauses in Eigentum wird es auch in Zukunft nicht geben, dagegen haben sich die Genossenschaftsmitglieder von Anfang an abgesichert. Eigentümerin des Grundstücks ist die gemeinnützige Stiftung Trias für Boden, Ökologie und Wohnen. Diese hat das Gelände im Erbbaurecht für 99 Jahre an die Genossenschaft verpachtet. „Das hat den Vorteil, dass die Genossenschaft weniger Eigenkapital einsetzen musste“, sagt Schambach. „Zudem bietet dies die Sicherheit, dass bei unserer Genossenschaft kein Finanzinvestor jemals zum Zuge kommen könnte, da das Grundstück ja bei der gemeinnützigen Stiftung bliebe.“

Erdwärme und Solarenergie

Für die architektonische Planung des Projektes waren die Berliner Architektinnen Irene Mohr und Karin Winterer zuständig. Sie hatten die Genossenschaft sogar auf das von einem Makler angebotene Grundstück aufmerksam gemacht. Die Architektinnen schufen ein Gebäude, das mit den Ansprüchen und Vorstellungen der Leuchtturm-Genossenschaft übereinstimmt. Diese forderte, dass sowohl der Bau als auch die spätere Bewirtschaftung nachhaltig ökologisch, das heißt ressourcenschonend in Bezug auf Baumaterialien, Wasser und Energie erfolgen sollte.

Der Energieverbrauch ist daher durch die Niedrigenergiebauweise und die gemeinschaftliche Nutzung auf ein Minimum begrenzt. Mit einer Erdwärmepumpe und Solarkollektoren auf dem Dach sowie Wärmerückgewinnung erzeugt das Gebäude einen Großteil der benötigten Wärme selbst. Zum niedrigen Energiebedarf insgesamt trägt auch die Fassadenkonstruktion bei, die mit vorgefertigten Holztafelelementen und einer sechs Zentimeter dicken Innenwanddämmung aus Lehm und Kork errichtet wurde. Darüber hinaus wurden im Rahmen eines Pilotprojekts Spezialfenster eines dänischen Herstellers eingebaut, welche die Luft im Zwischenraum vorwärmen und dann über hydraulisch gesteuerte Ventile automatisch in die Zimmer strömen lassen. Dieses System wurde ob seiner Besonderheit von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt finanziell gefördert und wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. „So konnten die Baukosten trotz all des Aufwands mit 1648 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche auf einem relativ niedrigen Niveau gehalten werden“, sagt Schambach. Dabei wurde stets im Blick behalten, dass die Bewohner ihr Leben lang in dem Gebäude wohnen bleiben wollen und können – alle Türen sind bereits heute so breit, dass auch ein Rollstuhl bequem hindurchpasst, alle Stockwerke sind über einen Fahrstuhl erreichbar, Türschwellen gibt es nicht, und alle Fenster sind bodentief. „Allerdings haben wir auf einen Keller verzichtet“, sagt Schambach, „denn der hätte die Baukosten unnötig in die Höhe getrieben.“