Interview

„Toleranz für alternative Lebensformen ist groß“

Zunahme der Projekte für generationsübergreifendes Wohnen ist in allen Metropolen zu beobachten

Mit Constance Cremer, Projektleiterin der Netzwerkagentur GenerationenWohnen, sprach der Autor Oliver Klempert über Wohnprojekte.

Berliner Morgenpost:

Können Sie Ihre Arbeit beim „Netzwerk GenerationenWohnen“ kurz umreißen?

Constance Cremer:

Als berlinweite Beratungsstelle kommen täglich Interessierte und Gruppen zu uns, die sich für das generationenübergreifende beziehungsweise gemeinschaftliche Wohnen interessieren. Wir helfen bei planungsrechtlichen, organisatorischen und finanziellen Fragen, vermitteln an Fachleute oder bestehende Gruppen und haben ein breites Informationsnetzwerk aufgebaut. Ein regelmäßig stattfindendes Freitagscafé und die Wohnstammtische sind inzwischen feste Institutionen.

Glauben Sie, dass Mehrgenerationenwohnen gesellschaftlich immer wichtiger wird? Wie kann man darauf mit Bauprojekten reagieren?

Der Trend zu zukunftsorientierten Wohnformen - gemeinsam, statt einsam – hat in den letzten Jahren rasant Fahrt aufgenommen. Die Begegnung von verschiedenen Generationen findet häufig nicht mehr in der Familie statt, dazu sucht man sich heute „Wahlverwandte“. Es ist für die Jüngeren gut, von der Erfahrung und der vorhandenen Zeit der Älteren zu profitieren, die Älteren können Unterstützung geben und die Lebensfreude der Kinder genießen, sie bleiben aktiv. In Berlin entstehen daher immer mehr solcher Projekte – häufig selbstorganisiert als Baugemeinschaft oder Genossenschaft, aber auch die Wohnungsbaugesellschaften öffnen sich dem Trend. Inzwischen gibt es mehr als 300 selbstinitiierter Projekte in Berlin.

Was ist besonders am Planungsprozess für Mehrgenerationenhäuser?

Mit Laien zu planen ist aufwendiger als ein „Projekt von der Stange“. Aber es lohnt sich – kommt doch ein auf die Nutzer zugeschnittenes Haus dabei heraus, das von den Bewohnern wertgeschätzt und gepflegt wird und häufig architektonisch, ökologisch und sozial höchsten Standards entspricht. Die Fluktuation geht gegen null. Dieser Prozess muss natürlich organisiert werden. Inzwischen haben wir viel Erfahrung und geben auch gern Hilfestellung für Interessierte.

Auf welche Aspekte ist bei der Planung besonders zu achten?

Barrierefreiheit ist inzwischen ein wesentlicher Standard, ob Bobbycar oder Rollator – es kommt allen zugute. Allen Projekten gemein ist ebenfalls eine Gemeinschaftsfläche – die Ausgestaltung, ob als zusätzliche Gästewohnung, Treffpunkt mit Küche, Spiel- und Hobbyraum, Gemeinschaftsterrasse oder für den Nachbarschaftsverein ist so vielfältig wie die Projekte selbst. Nicht zuletzt sind die ökologischen Aspekte für die Gemeinschaft immens wichtig. Ressourcenschonung steht im Mittelpunkt, sind doch so die Kosten für Heizung und Bewirtschaftung zu steuern. Die ersten mehrgeschossigen Passivhäuser sind als Mehrgenerationenwohnhäuser in Berlin errichtet worden, in Planung ist bereits die erste Plusenergiesiedlung.

Nimmt in Großstädten wie Berlin die Anzahl von Projekten zu generationsübergreifendem Wohnen zu?

Die Zunahme solcher Projekte ist in allen Metropolen zu beobachten. Es geht um neue Wohnmodelle. Heute leben mehr als die Hälfte der Berliner in Singlehaushalten, bald jeder Vierte ist über 65, in mehr als einem Drittel der Familien wird allein erzogen. In Berlin ist die kulturelle Vielfalt riesig und die Toleranz für alternative Lebensmodelle groß.