Architektur

Schmuckstücke zum Vorzugspreis

Verzierte Umgebindehäuser prägen die Baukultur in der Oberlausitz. Wegen Abwanderung droht den Gebäuden der Verfall

– Wenn eine Region Industrie und Bewohner durch Abwanderung verliert, gibt es zu viel Wohnraum für immer weniger Menschen. Besonders schmerzhaft ist das in Landstrichen, in denen sich reiches baukulturelles Erbe befindet. Die sächsische Oberlausitz im äußersten Osten der Republik ist so ein Fall. Seit dem Niedergang der Textilindustrie in der Nachwendezeit ziehen besonders die Jungen weg. 350 der etwa 6500 regionaltypischen Umgebindehäuser stehen leer, viele wurden bereits abgerissen. Doch jede Krise birgt auch ihre Chance. Während die einen wegziehen, kommen andere hinzu. Insbesondere solche, die sich von der Baukultur angezogen fühlen und ihr mit innovativen Ideen neues Leben einhauchen.

Aushängeschilder der Region

So wie Friedbert (57) und Simone (47) Scholz. Die Berliner haben vor acht Jahren für gerade einmal 21.000 Euro einen früheren, knapp 200 Jahre alten Textilhändlerhof in dem zwischen Bautzen und Zittau gelegenen Ebersbach erworben. Am Haupthaus des Vierseithofes sind typische Elemente eines Umgebindehauses gut erkennbar. Im Erdgeschoss links neben der blauen Eingangstür befindet sich die Blockstube. Sie ist ein eigenständiges Haus im Haus, denn das über der Blockstube liegende Fachwerkgeschoss wird nicht von ihr getragen. Die Last des Fachwerkes verteilt sich einerseits auf eine hölzerne Stützkonstruktion (Umgebinde) aus Säulen und Bögen, die der Blockstube vorgelagert ist. Und andererseits auf die Granitsteinwände des sich an die Blockstube anschließenden Gewölbes, einst Lagerstätte für Garne und Tücher.

Als Ehepaar Scholz 2005 den sogenannten Faktorenhof erstmals in Augenschein nahm, „sah es hier noch ein wenig anders aus“, sagt Friedbert Scholz. „Die Gebäude standen über zehn Jahre leer und waren stark baufällig.“ Mittlerweile haben er und seine Frau die Häuser mit 1800 Quadratmetern Nutzfläche und mehr als 50 Zimmern größtenteils behutsam an die Gegenwart herangeführt. Das ehemalige Ausgedingehaus (Altenteil) ist nun Sitz eines kleinen Kaffee-Museums. Im gegenüberliegenden Seitenflügel richten die Hausherren momentan zwei Ferienzimmer ein.

Umgebindehäuser sind in der Oberlausitz mehr als Häuser, in denen man wohnen kann. Seit dem Untergang der Textilindustrie sind sie das Aushängeschild einer ganzen Region. Mithilfe der alten Häuser versucht man, Touristen und neue Bewohner in die liebliche Hügel- und Berglandschaft zu locken. Und das gilt nicht nur für die deutsche Seite. Auch jenseits der Grenze, im tschechischen Böhmen und polnischen Niederschlesien, hat sich eine große Anzahl von Umgebindehäusern über die Zeit gerettet. Seit 2000 vermarktet sich die grenzübergreifende Region als „Umgebindeland“. Das Siegel hält, was es verspricht. Zwar gibt es auch in der Oberlausitz bisweilen an Ortsein- und -ausgängen die für das Ortsbild eher unverträgliche Mischung aus Supermärkten, Autohäusern und Baumärkten. Doch in Ortschaften mit Namen wie Obercunnersdorf, Cunnewalde oder Bertsdorf-Hörnitz scheint die Zeit im positiven Sinne stehen geblieben zu sein. Liebevoll herausgeputzte Umgebindehäuser und blühende Bauerngärten sind Ausdruck einer Hoffnung auf bessere Zeiten.

Es ist die Kombination aus Blockstube, Massivhauselementen und Fachwerk, die die bis zu 500 Jahre alten Umgebindehäuser so einzigartig macht. Die Blockstube diente den Bewohnern als Aufenthaltsort, im benachbarten, meist massiven Teil des Hauses waren Arbeitsgeräte oder Kleinvieh untergebracht. Geschlafen wurde im Obergeschoss.

Kunstvolle Muster aus Schiefer

Während Konstruktion und Grundriss sich über die Jahrhunderte so gut wie nicht veränderten, wurde das Baumaterial praktischen Aspekten und dem jeweiligen Zeitgeschmack angepasst. Die vorherrschenden Satteldächer deckte man ursprünglich mit Holzschindeln und Stroh. Ab dem 19. Jahrhundert lösten Ziegel und Schiefer die ursprüngliche Dachdeckung ab. Der Eisenbahnanschluss ermöglichte es den Erbauern fortan, auch ortsfremde Baumaterialien einzuführen. So wurde der vormals mit Brettern aus heimischen Hölzern verkleidete Giebel durch Schiefer aus Thüringen und Böhmen ersetzt. Er diente als Wetterschutz sowie als Gestaltungsmittel – heller und dunkler Schiefer wurden in unterschiedlichen Formen zu kunstvollen Mustern verarbeitet.

Ebenso wie die Wand- oder Dachverkleidung war auch „die Gestaltung der Türen und Fenster Moden unterworfen“, sagt Arnd Matthes, Vorsitzender der in Ebersbach ansässigen Stiftung Umgebindehaus. Sehr alte Türen bestehen noch „aus gedoppelten Brettern mit Ziernägelreihen, die häufig Rauten- und Fischgrätenmuster abbilden“, sagt Matthes. Spätere Türen, Fenster sowie Stützpfeiler des Umgebindes sind durch Stilmerkmale des Barocks, des Klassizismus und der Gründerzeit geprägt. Eine besondere Rolle im Erscheinungsbild des Ungebindehauses nehmen auch Fenster und Türumrahmungen ein. Die „kunstvoll mit Rocaillen (Muschelwerk) oder pflanzlichen Ornamenten verzierten Türstöcke sind meist aus Granit oder Sandstein der nahe gelegenen Gebirgsregionen, die in ihrer Formensprache bis in die Zeit des Jugendstils einzuordnenden Fenstergewände wurden aus Fichtenholz gefertigt“, sagt der frühere Denkmalschützer.

Der Rückgang des Umgebindehauses setzte während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert ein. In der Oberlausitz entstanden mithin nach städtischen Vorbildern neue Textil-Fabriken, Wohnhäuser oder Fabrikantenvillen vornehmlich in Massivbauweise. Arnd Matthes geht davon aus, „dass sich die Anzahl der Umgebindehäuser seit dieser Zeit bis heute annähernd halbiert hat“. Der Bau von Umgebindehäusern erlebte erst Anfang des 20. Jahrhunderts, als man um das bauliche Erbe fürchtete, eine Renaissance. Das letzte Haus in lokaltypischer Bauweise ist dem Heimatstil zuzuordnen und wurde 1928 erbaut.

Die alten Häuser zu erhalten ist keine einfache Aufgabe. „Oftmals sind die Gebäude stark sanierungsbedürftig“, sagt Ronny Hausmann, Restaurateur und Vorsitzender des „Fachringes Umgebindehaus“. Hinzu komme, dass man ein Umgebindehaus nicht mit Materialien aus dem Baumarkt restaurieren kann, wenn man es nicht entstellen will. „Das erfordert Zeit, Know-how und das notwendige Kleingeld“, sagt Hausmann. Noch immer haben Menschen wie Ronny Hausmann mit Vorurteilen der schlecht beleumundeten Häuser zu kämpfen. Und noch immer werden „an verkehrsreichen Straßen gelegene Umgebindehäuser abgebrochen, satt sie für die Zukunft zu sichern“, sagt Hausmann

Um möglichst viele der noch vorhandenen Umgebindehäuser zu retten, gibt es mittlerweile zahlreiche vornehmlich private Initiativen. Seit im Jahr 2000 der damalige Landkreis Löbau-Zittau die Kampagne „Umgebindeland“ startete, erschienen zahlreiche Bücher und Zeitschriften über diese Art von Gebäuden. Jährlich werden denkmalgerecht sanierte Umgebindehäuser ausgezeichnet. „Ziel ist es, Bewusstsein für diesen Haustypus zu schaffen, die sachgemäße Sanierung der Häuser anzukurbeln und überregionale Käuferschichten anzulocken“, sagt Ronny Hausmann.

Die Kampagne weist Erfolge auf

Die Stiftung betreibt auch eine Umgebindehausbörse. „Wer so ein Haus kaufen möchte, kann dort für vergleichsweise wenig Geld fündig werden“, sagt Arnd Matthes. Neben bauhistorischen und denkmalpflegerischen Aspekten weiß die Stiftung Rat zur Finanzierung eines solchen Unterfangens. „Es geht darum, den Leuten die Angst vor den Kosten zu nehmen. Häufig ist die Bausubstanz besser als angenommen“, sagt Matthes.

Die Umgebindeland-Kampagne zeigt erste Erfolge. „Rund 60 Prozent der Häuser sind saniert, etliche originalgetreu“, sagt Hausmann. Viele Hausbesitzer kämen aus den alten Bundesländern, aber auch aus Belgien oder Holland. Aus Umgebindehäusern werden Museen, Alterssitze, Pensionen und Gästehäuser, Firmensitze und Vereinshäuser.

Simone und Friedbert Scholz führen bereits eifrig Gäste durch ihr Kaffeemuseum. Trotz harter Arbeit haben sie ihre Entscheidung bis heute nicht bereut.