Interview

„Man findet individuelle Architektur in Nischen“

Während Berlins Atmosphäre die Kreativität fördert, wird das Potenzial im Bau politisch nicht unterstützt

Über die baukulturelle Entwicklung in Berlin sprach unser Autor Oliver Klempert mit Theresa Keilhacker, Vizepräsidentin der Berliner Architektenkammer.

Berliner Morgenpost:

Berlin scheint in besonderem Maße die Kreativität beim Bau zu fördern. Gibt es Gründe dafür, dass in der Hauptstadt so viel möglich ist?

Theresa Keilhacker:

Es stimmt, dass Berlins Atmosphäre die Kreativität fördert, dennoch bleiben wir international gesehen weit hinter unseren Möglichkeiten. Das würde ich weniger den Architekten anlasten, sondern vielmehr der Politik, die es nicht versteht, das Kreativpotenzial im Baubereich zu fördern. Gerade wurde ja leider die IBA 2020 abgesagt, weil man deren kreatives Zukunftspotenzial für Berlin offensichtlich nicht sehr wichtig findet. Auch überwiegt in Berlin noch eine Bauherrenschaft, die nicht so viel Geld für Baukultur ausgeben möchte oder kann, wie das manchmal für qualitätvolle Architektur vonnöten wäre.

Inwieweit ist Berlin für ausländische Architekten attraktiv?

Berlin ist für ausländische Architekten sehr attraktiv. Wie man beispielsweise am umgebauten Reichstag durch den britischen Architekten Norman Foster sieht oder der Erarbeitung eines Masterplans für die Museumsinsel durch David Chipperfield, kann man mit solchen Schöpfungen über die europäischen Landesgrenzen hinaus bekannt werden.

Gibt es derzeit bestimmte Trends?

Es gibt – aus meiner Sicht leider – eine Mode mit monotonen senkrechten Schlitzfensterreihen bei Bürobauten und Kitsch-Elementen aus Antike, Klassizismus und Gründerzeit im Wohnungsbau. Positive Trends lassen sich an zeitgenössisch ehrlich konstruierten, plastisch herausgearbeiteten und individuell für den Ort zugeschnittenen Architekturen ablesen. Man findet sie in Nischen – zum Beispiel bei einigen Lückenbebauungen.

Welchen Vorgaben müssen sich Architekten in Berlin unterordnen, gibt es Gestaltungssatzungen?

Es gibt eine Gestaltungssatzung am Brandenburger Tor, die dort zu seltsamen Verrenkungen geführt hat. Seit einigen Jahren gibt es ein Baukollegium, das Gestaltungsansprüche hinter verschlossenen Türen diskutiert. Es gibt Bauvorschriften wie in jeder Stadt. Ich denke trotzdem, dass man mit den Beschränkungen kreativ umgehen kann. Es würde helfen, wenn wir einen Bürgermeister hätten, dem Baukultur ein wichtiges Anliegen wäre.

Glauben Sie, dass ungewöhnliche Architektur in Berlin zur Identitätsstiftung beitragen kann?

Ja, unbedingt trägt ungewöhnliche Architektur zur Identitätsstiftung in einer Stadt bei, nehmen Sie den Effekt in Bilbao: Vor knapp 20 Jahren noch eine hässliche Industriestadt, ist Bilbao heute eine pulsierende Hauptstadt der baskischen Wirtschaft geworden! Berlin hat da noch einen längeren Weg vor sich.

Welche Gefahren sehen Sie zum Beispiel durch Auflösung eines einheitlichen Stadtbildes oder durch fehlende Identitätsbildung der Bürger mit ihrer Stadt?

Die Bürgerinnen und Bürger in Berlin sind politisch wach und sorgen dafür, dass eventuelle Gefahren nicht zu groß werden. Deshalb haben wir zum Glück eine lebendige Kiezkultur, ein pulsierendes Stadtleben und urbane Vielfalt in den Quartieren. Viele Architekten werden Projektentwickler, dadurch entstehen interessante Architekturen, und nachhaltiges Planen und Bauen bekommt mehr Stellenwert.