Umbau

Familienoase auf fünf Metern

Ein alter Seitenflügel in Mitte wurde zum spannenden Zuhause für vier Personen – inklusive weitem Blick über Berlin

Britta Jürgens und Matthew Griffin sitzen auf Gartenstühlen und blinzeln in die Sonne, ihnen zu Füßen eine wunderschöne Wiese mit blühenden Sommerblumen, über ihnen der weite Berliner Sommerhimmel. Ein Sonnenschirm und eine alte Holzbank mit Kaffeetassen darauf vermitteln Urlaubsstimmung. Vermeintlich weit weg hupt ein Auto. Dabei ist das vielleicht gerade mal 30 Meter entfernt, unter ihnen – und doch wirkt es wie von einem anderen Stern.

Ungewöhnliches Konzept

Sicher, Dachbegrünungen gibt es viele auf Berlins Dächern. Doch das Berliner Architektenpaar Matthew Griffin und Britta Jürgens hat sich eine Oase geschaffen, wie man sie wohl nur selten findet, und das buchstäblich in der Mitte Berlins. Der Hauptbahnhof ist nicht weit entfernt, der Blick schweift über ganz verschiedene Dachformen hinüber zum Naturkundemuseum, zur in der Morgensonne glänzenden Kugel des Fernsehturms, über verschiedene Baustile aus Jahrzehnten Berliner Architektur. „Noch vor zehn Jahren war dies eine tote Ecke der Stadt“, sagt der Kanadier Matthew Griffin (44), der gemeinsam mit seiner Frau Britta Jürgens (51) das Haus entworfen und gebaut hat.

Es ist ein ungewöhnliches Baukonzept: Länglich und schmal wurde es auf eine kleine Baulücke gesetzt – und passt perfekt nach Mitte, wo sich Kreativität und Ausdruck auch in der Architektur in vielen Projekten fast täglich Bahn brechen. Obwohl das Haus bereits vor zehn Jahren gebaut wurde, passt es doch noch immer in das aktuelle Baugeschehen und könnte auch eben gerade erst fertiggestellt worden sein. „SlenderBender“ heißt das aus zwei Teilen bestehende Gebäudeensemble, und der Name drückt dessen Wesen aus – gebogene Edelstahlbänder umschließen das Haus.

„Diese Stahlbänder haben eine Vermittlertätigkeit zwischen der nördlichen Blockrandbebauung und den südlichen Universitätsgebäuden in offener Bauweise“, sagt Architektin Britta Jürgens. Die champagnerfarbenen Aluminiumstreifen entsprechen den vorherrschenden Farbtönen der anderen Wohngebäude an der Straße. Die Mischung verschiedener Materialien und ungewöhnlicher Formen macht das Gebäude damit sozusagen merkwürdig unsichtbar und gleichzeitig unverwechselbar.

Neubau, Umbau, Sanierung

Doch der Weg zu diesem Gebäude war nicht leicht: „Erst nach einer zweijährigen, intensiven Suche fanden wir ein Grundstück in Berlin-Mitte, das unseren Vorstellungen entsprach. Auf der vorderen Hälfte des Grundstücks gab es noch überwucherte Reste einer Kellerruine“, erinnert sich Jürgens. „Der viergeschossige Seitenflügel im hinteren Teil des Grundstücks hatte die Kriegsbomben teilweise überstanden, und die acht Einzimmerwohnungen waren in den 50er-Jahren notdürftig wiederhergestellt worden.“

Die beiden Architekten des „Deadline“-Büros entschieden sich nun, sowohl in die Rolle der Architekten als auch in die der Projektentwickler zu schlüpfen und machten sich an eine herausfordernde Arbeit aus Neubau, Umbau und Sanierungsarbeiten – so entstand ein in sich verschmolzener Gebäudekomplex aus drei Teilen: Vorn an der Straße ein Gebäude, in dem Lofts und ein Architekturbüro untergebracht sind, der renovierte Seitenflügel, der ebenfalls für Lofts genutzt wird, sowie das Wohndomizil der Architekten, das darauf gesattelt wurde und den Namen „Slender“ trägt. Als „Haus auf dem Haus" ist wohl zu etwas ganz Besonderem in der Berliner Architektur geworden. Das zweigeschossige Gebäude auf dem 19 Meter langen und nur fünf Meter breiten Seitenflügel macht aus der Not des Zuschnitts eine Tugend und reizt das maximale architektonische Potenzial des Bestandsgebäudes aus. So führt eine Treppe von der Wohnung hinauf auf den Dachgarten.

Kleine Austritte an der Seite vermitteln das Gefühl, mitten in der Natur zu stehen, obwohl man sich weit über dem Berliner Geschehen befindet. Kleine Ecken auf außen liegenden Simsen werden zum Beispiel genutzt, um Gemüse anzubauen.

Weite Blicke, lang gestreckte Linien, Flächen und Räume vermitteln im Gebäude auf allen Ebenen räumliche Großzügigkeit trotz eher kleiner Fläche. „Es ist der Ausdruck einer sehr persönlichen Vorstellung vom Wohnen, bei der abgeschlossene Räume fast keine Rolle mehr spielen“, sagt Griffin. So ist auch die Inneneinrichtung mehr als ungewöhnlich: hier eine Lehmputzwand, dort weißer und grauer Sichtbeton; hier orangefarbene Glasflächen, dort eine frei stehende Badewanne in einem offenen Badezimmer, welches ins Schlafzimmer übergeht, ein unkonventionelles Küchenelement oder ein Kronleuchter.

Alles geht ineinander über

„Klar definierte funktionale Zonen gibt es in unserer Wohnung nicht, sondern sie fügen sich zu einem großen Raum zusammen, in dem alles mehr oder weniger ineinander übergeht“, sagt Architektin Jürgens. Darüber hinaus ist den Bewohnern eine persönliche Beziehung zu den Einrichtungsgegenständen wichtig. Sie sind umgeben mit Dingen, mit denen sie Familiengeschichte verbinden. Matthew Griffin holte sogar ein Stück Kanada nach Berlin – mit einem klassischen Holzkamin. Und so sind trotz aller Nüchternheit der Einrichtung mitten im Wohnzimmer Holzscheite an einer Wand gestapelt, mit denen der Kamin geheizt wird.

Anfangs- und Endpunkt der Wohnung ist eine weit auskragende Schlaframpe, über der eine gekrümmte Verglasung den Blick zum Himmel freigibt. „Dieses Panoramafenster sorgt dafür, dass wir das Gefühl haben, mitten in der Natur zu wohnen“, sagt Griffin. „Ob Sonne, Regen oder Schnee – alles spielt sich unmittelbar hinter der Glasscheibe ab, sodass wir stets das Gefühl haben, mittendrin und doch geschützt zu sein.“ Das klingt ebenfalls ungewöhnlich, und doch lebt das Architektenpaar dort seit Jahren als Familie mit zwei Kindern. „Durch die offene Architektur im Innern war die Wohnung für unsere Kinder über viele Jahre ein Ort, an dem sie sich sehr frei bewegen konnten. Zehn Jahre Familienleben haben auch in dieser sehr ungewöhnlichen Architektur sehr gut funktioniert.“

Besonderes Lebensgefühl

Insgesamt spiegelt sich für die Familienmitglieder in der außergewöhnlichen Architektur damit ein besonderes Lebensgefühl wider. „Ein anderes Leben wäre in diesem Haus auch gar nicht möglich gewesen, da durch die Vermietung der Lofts ein ständiges Kommen und Gehen von Menschen aus aller Welt herrscht. Die Besucher kommen nicht zuletzt wegen der ungewöhnlichen Architektur des Hauses“, ergänzt Britta Jürgens. Mit den Mieteinnahmen finanzieren sie ihr Bauprojekt.

Dabei gefällt ihnen das Leben und Arbeiten hier so gut, dass sie ihr Haus nur selten verlassen, abgesehen natürlich davon, wenn sie Besorgungen erledigen oder auswärts arbeiten. „Wir sind eigentlich immer hier“, sagt Jürgens. Aber das ist wohl auch kein Wunder bei der schönen kleinen Sommerwiese auf dem Dach und unter dem Himmel Berlins, der sich weit über ihnen spannt. Bei tollem Wetter ist es dort oben natürlich doppelt so schön.