Historisches Gebäude

Wohnen mit Geschichte

In einem alten Gebäude auf der Fischerinsel will Architekt Gisbert Pöppler sich auf 200 Quadratmetern einen Traum verwirklichen

Gisbert Pöppler steht in seiner zukünftigen Wohnung. Sonnenlicht, das durch bodentiefe französische Fenster fällt, durchflutet den Raum. Eisensäulen stützen die Decke ab, sehen aber nicht nach Industrie oder Bau aus, sondern erinnern eher an antike griechische Säulen. In einer Hälfte des riesigen Raumes wölbt sich eine Kappendecke. „Vorsicht vor rostigen Nägeln, die überall aus dem Boden herausschauen“, warnt Pöppler und durchmisst den mit 200 Quadratmetern sehr großen Wohnraum mit flotten Schritten. Noch liegt hier viel Bauschutt.

Das Domizil erinnert eher an einen Tanzsaal als an eine Wohnung. Kein Wunder – liegt es doch in einem großen alten Gebäude, versteckt auf der Fischerinsel in Berlin-Mitte. Zur Vorderseite bilden die großen Fenster einen schönen Abschluss, auf der Rückseite des Hauses fließt die Spree entlang. Noch ist die Wohnung im unsanierten Zustand – im Herbst sollen die Renovierungsarbeiten beginnen.

Für Architekt Pöppler, der sich für die Wohnung an der Wallstraße 84/85 erst vor wenigen Wochen entschieden hat, geht damit ein Traum in Erfüllung. „Ich wohne seit mehr als zehn Jahren gleich um die Ecke und habe immer verfolgt, was mit dem Haus passiert. Ich hätte aber nie gedacht, dass ich hier einmal selbst einziehen würde“, sagt er. In der Tat hat das Gebäude eine bewegte Geschichte. 1872 wurde es als Wohn- und Gewerbehaus für eine Familie mit Namen Lademann gebaut, im Erdgeschoss der Wallstraße 85 befand sich ihre familieneigene Eisenwarenhandlung.

Langer Dornröschenschlaf

Dass die Säulen in Pöpplers neuer Wohnung aus Eisen sind, ist daher nicht weiter verwunderlich. Bislang führt sogar noch eine alte Industrie-Eisentreppe zu einer Galerie im darunter liegenden Stockwerk – Relikt aus einer alten Zeit. Über Jahrzehnte lag das Haus im Dornröschenschlaf. Zwar gab es wiederholt Ansätze, aus dem Gebäude etwas zu machen – zum Beispiel ein Viersternehotel einzubauen. Doch alle Pläne haben sich aus unterschiedlichen Gründen wieder zerschlagen. 2012 kaufte die Berliner Unternehmensgruppe Christmann das unter Denkmalschutz stehende Gebäude. Von ihr wird das Haus nun in neuen Wohnraum verwandelt. Mit Blick fürs Detail und Respekt für seine bewegte Vergangenheit entstehen in dem Baudenkmal an der Spree Eigentumswohnungen mit gehobenem Standard.

Damit entsteht hier ein Baudenkmal mit neuer Nutzung – aber in fast ursprünglicher Form. Bei den angrenzenden, fast durchgängig sanierten Häusern der ursprünglich geschlossenen Bebauung an der Spree wurden Gebäudeflügel mit schlechtem Erhaltungszustand teilweise abgerissen oder durch moderne Prestigebauten ersetzt.

Kulisse für Hollywoodfilm

Somit stellt die Wallstraße 84/85 nun das einzige erhaltene Grundstück dar, das auf seinen 829 Quadratmetern die originale Bebauung bis ans Ufer dokumentiert. In Detailsanierung wollen die Brüder Bert und Wulf Christmann nicht nur die historische Bausubstanz und die ursprüngliche wasserseitige Fassade aus Klinkerziegeln erhalten, sondern auch die gut erhaltene Vorderhausfassade mit ihren Pilastern und Rundbögen, um einen respektvollen Umgang mit dem Traditionshaus und seiner Geschichten zu demonstrieren.

Dafür bietet sich das Gebäude geradezu an, denn außer seiner bewegten Geschichte hat das Haus auch eine besondere Architektur zu bieten. So besteht das Erdgeschoss aus einem großen Foyer mit einer Galerie. Bis heute sind an den Wänden Stützen von Regalen zu sehen, auf denen einst Eisenwaren zum Verkauf angeboten wurden – auch wenn der erste Eindruck eher an Bücherregale und eine Hotellobby denken lässt. Es ist ein verwunschener, geheimnisvoller Ort, eine vergessene Welt, die sich hier auf der Fischerinsel bis heute befindet. An der Decke ist nach wie vor der originale Stuck erhalten, eine Restauratorin hat die ursprüngliche Wandfarbe freigelegt.

Kein Wunder ist es daher, dass das Tradtitionshaus an der Wallstraße auch schon auf Kinoleinwänden rund um den Globus auftauchte. Während der Dreharbeiten für den Film „Cloud Atlas“ beispielsweise wurde das Erdgeschoss für eine Szene mit Halle Berry zu einem verstaubten Plattenladen umgebaut. Etliche namhafte Bekleidungskonzerne nutzten diese Location bereits für Fotoaufnahmen von Modekollektionen. Viele überlieferte Alltagsgeschichten haben sich in diesen Wänden ereignet.

Umbau als Herausforderung

„Dieses Haus hat schon über 100 Jahre Berliner Luft und Geschichte geatmet. Es hat Persönlichkeit und verdient eine nachhaltige Sanierung mit Fingerspitzengefühl“, sagt Wulf Christmann, Geschäftsführer der Christmann Unternehmensgruppe. Auch Wohnungskäufer Pöppler ist sich dieser bewegten Geschichte bewusst und findet dabei den Umstand interessant, dass man in Gebäude oft allein aufgrund ihrer Architektur viel hineininterpretiert. „Bei der ersten Besichtigung würde man doch nie auf die Idee kommen, dass hier Arbeiten und Wohnen unter einem Dach zu Hause waren“, sagt er während des Rundgangs durch das Haus. Nicht umsonst will er deshalb von August bis September mit seinem Architekturbüro den großen Raum im Erdgeschoss auch als Ausstellungsraum für eine Wohninstallation nutzen. „Between time“ heißt passend der Titel dazu (Infos: www.betweentime.de). Der 43-Jährige will zeigen, wie man bei der Inneinrichtung mit solch einem Raum umgehen kann – mit hochwertigen Einrichtungsgegenständen, Eigenentwürfen, Vorhängen, Sesseln und Teppichen. Auch gegenwärtig wird hier eine Ausstellung gezeigt. Dieser Raum ist noch sehr ursprünglich, sodass Kunstinstallationen besonders wirken: Eine alte Holzbalkendecke ist freigelegt, muss zwar restauriert werden, zeigt jedoch auch, dass die Grundbausubstanz des Gebäudes bis heute intakt ist. „Obwohl das Haus direkt an der Spree liegt, ist auch der Keller komplett trocken“, sagt Pöppler.

Obwohl Gisbert Pöppler selbst Architekt ist, wird der Umbau des 200 Quadratmeter großen Raumes zu seiner neuen Wohnung auch für ihn eine Herausforderung. „Eigentlich darf man diesen Raum nicht durch Zwischenwände teilen, damit die Weitläufigkeit erhalten bleibt. Trotzdem sollen auch abgetrennte Einheiten entstehen“, sagt er.

Nach und nach will Pöppler sich dem Thema nähern und neue Konzepte entwerfen, wie er den großen Raum am besten aufteilt. „Eine besondere Herausforderung wird auch das Bad, da es innen liegend eingebaut werden soll, ohne zu stören.“ Bei solchen Projekten habe man häufig nicht einfach eine zündende Idee, sondern müsse das Haus und seine Geschichte zunächst Stück für Stück kennenlernen. Pöppler könnte sich zum Beispiel vorstellen, dass ins Erdgeschoss ein Kunstsammler passen würde.

Unverbauter Spreeblick

Ein besonderes Schmankerl hat Pöpplers Wohnung selbst zu bieten – nämlich den direkten Zugang zu einer kleinen Terrasse mit direktem, unverbautem Blick auf die Spree, eine kleine Oase mitten in der Stadt, abgeschieden von der Welt. So wie das ganz Haus aus einer anderen Zeit zu stammen scheint.