Interview

„Die Fragmente als Zeitzeugen erhalten“

Das Haus an der Wallstraße 84/5, entstanden in den Anfängen der Bürgerzeit, bringt Geschichte nahe

Mit Carmen Runkewitz sprach Autor Oliver Klempert über Aspekte der Restaurierung und Konservierung.

Berliner Morgenpost:

Können Sie Ihre Arbeit kurz beschreiben?

Ursprünglich habe ich Gemälderestaurierung an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studiert. Deshalb restauriere ich auch Leinwandgemälde und Holztafelbilder in meinem Atelier. Seit vielen Jahren hat sich mein Tätigkeitsfeld aber zugunsten der Arbeit an Architekturfassungen verschoben. Das beinhaltet Architekturforschung, Farbfassungsuntersuchungen von Fassaden und Innenräumen sowie Konservierung und Restaurierung derselben. Die bei der Untersuchung gewonnenen Erkenntnisse werden fotografiert, kartiert und eventuell in Zeichnungen festgehalten. Daraus wird eine Dokumentation zusammengestellt. In Zusammenarbeit mit Architekten, Kunstwissenschaftlern und Naturwissenschaftlern ergibt sich zumeist ein geschlossenes Bild der Geschichte eines Hauses.

Wie gehen Sie methodisch vor?

Fassaden und Innenräume wurden oft je nach Nutzung oder Umnutzung verändert, überformt und neu gestrichen. Manchmal geschah das sehr gründlich und unter Beseitigung aller vorherigen Putze, Stuckteile und Farbfassungen. Oft wurde aber die alte Farbschicht nur im neuen Zeitgeschmack übertüncht. Diese Art der Renovierung ist dann ein Glücksfall für Restauratoren. In vielen Fällen sind allerdings nur Reste der bauzeitlichen Fassung vorhanden. Dann braucht man etwas kriminalistisches Gespür, um diese unter mehreren Schichten Farbe zu entdecken und freizulegen. Im günstigsten Falle können einige zusammenhängende Fassungen freigelegt oder rekonstruiert werden. Vorrang vor der Rekonstruktion hat für den Restaurator immer die Konservierung der Originalfassung, weil nur diese das entscheidende Dokument vergangener Zeiten ist.

Was haben Sie im Objekt Wallstraße gefunden?

Das Objekt Wallstraße 84/85 ist in den Anfängen der Gründerzeit entstanden. Es zeugt allgemein von dem Erstarken des damaligen Bürgertums und im Besonderen von der Entwicklung der Familie Lademann, die das Haus erbauen ließ und ein Eisenwarengeschäft betrieb. Wahrscheinlich finden sich deshalb so viele Bauteile aus Metall: Metalltreppen, die Traljen der Geländer in den Treppenhäusern und die gusseisernen Säulen im Saal des Gebäudes Nr. 85, die durch ihre eingeprägten Jahreszahlen 1871 und 1874 auf den beginnenden Aufschwung in Deutschland hinweisen. Die Fragmente der Ausmalungen in den Treppenhäusern haben ihren eigenen Charme und würden im Falle einer Rekonstruktion den Aufgängen wieder zu ihrem Aussehen verhelfen.

Wie sollte man Überbleibsel aus früherer Zeit bei der Sanierung eines Gebäudes bewahren und in ein Sanierungskonzept einbinden?

Die verbliebenen Fragmente der ersten und zweiten Farbfassung in den Treppenhäusern sollten als Zeitzeugen erhalten und konserviert werden. Es wäre möglich, diese in die Rekonstruktion einer der beiden Fassungen einzubinden. Sie sind zeitnah entstanden und passend zur Sprache der Architektur. Dazu gehören auch die Treppengeländer der Aufgänge, von denen leider einige Originalteile fehlen. Da im Haus Nr. 84 aber viele gusseiserne Traljen vorhanden sind, besteht die Möglichkeit, die fehlenden Teile für beide Aufgänge nachzugießen. Das gleiche gilt für die Geländer der Terrassen. Eines der bauzeitlichen Teile ist noch vorhanden.