Gastkolumne

Wenn der böse Wolf klingelt

Es war einmal: Als der Wolf die sieben Geißlein fressen wollte, musste er trickreich vorgehen, denn ihre Mutter hatte sie gewarnt, niemanden reinzulassen.

Sie erkannten ihn an seiner rauen Stimme – also fraß er Kreide. Dann verriet ihn sein schwarzes Fell. Erst als er ihnen die bemehlte Pfote zeigte, öffneten die Geißlein die Türe ...

Wegen ähnlich böser Trickbetrüger wünschen sich immer mehr Wohnungseigentümer eine Gegensprechanlage mit Videofunktion. Doch bei Beschlussfassung und Installation ist einiges zu beachten. Neben dem Wohnungseigentumsgesetz bekommt man es nämlich auch mit dem Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) zu tun: Private, jedem zugängliche Eingangsbereiche vor Wohnungs- und Haustüren sind öffentlicher Raum. Nach herrschender Rechtsauffassung darf eine Installation nicht geeignet sein, eine dauerhafte „Überwachung“ oder eine bildhafte Aufzeichnung vorzunehmen. Zulässig ist, wenn mit ihr Besucher nur von jenen Wohnungen aus identifiziert werden können, die dem System angeschlossen sind und deren Klingel betätigt wurde. Ein Bild gibt es also nur auf Knopfdruck. Videoanlagen ohne die technische Einschränkung widersprechen einer ordnungsgemäßen Verwaltung. Darüber hinaus sollte für jeden klar erkennbar sein, dass beim Klingeln ein Videosystem aktiviert wird. Ein Hinweis-Sticker übernimmt diese Information.

Schon bei der Beschlussfassung sollten die technischen Details und Hinweise zwingend mit aufgenommen werden – sonst ist eine Anfechtung leicht durchzusetzen. Oftmals ist es auch nicht einfach, die „doppelt qualifizierte Mehrheit“ in der Gemeinschaft zu erreichen. Da es sich bei der Installation einer Videoklingelanlage um eine Modernisierung oder Anpassung an den Stand der Technik handeln dürfte, müssen mindestens 75 Prozent aller Eigentümer nach Köpfen und mehr als die Hälfte aller Miteigentumsanteile für ein Ja stimmen.

Die alte Geiß wäre froh über eine solche Anlage gewesen – sicher hätten die Geißlein den Bösewicht in seiner Tarnung entlarvt. Aber: Der böse Wolf hat geklopft! Nun ja, der technische Standard war eben noch nicht so hoch. Es war einmal.

Nächste Woche: Stromanbieter-Wechsel

René Berott ist WEG-Experte bei der Strabag RPS, einem der größtenWEG-Verwalter Berlins