Interview

„Die meisten sind stolz, hier leben zu dürfen“

In der Hufeisensiedlung helfen darum die Bewohner architekturbegeisterten Besuchern gern weiter

Mit Wolfgang Colwin vom Verein der Freunde und Förderer der Hufeisensiedlung Berlin-Britz sprach Oliver Klempert über die Besonderheiten der Hufeisensiedlung.

Berliner Morgenpost:

Was ist das Besondere an der Hufeisensiedlung Berlin-Britz?

Wolfgang Colwin:

Abgesehen von dem bauhistorisch wertvollen und architektonisch einzigartigen Ensemble gibt es hier echte Nachbarschaft. Wenn Sie durch die Siedlung spazieren, werden Sie immer wieder Leute sehen, die miteinander ein paar Worte wechseln. Die Bewohner helfen auch gern architekturbegeisterten Besuchern weiter, sicher auch aus dem Stolz heraus, hier wohnen zu dürfen. Für die Kinder ist es ein Paradies, ein kleines Bullerbü.

Welche Veränderungen sind in der Siedlung festzustellen?

Um Berlins jüngstes Welterbe so einheitlich erhalten zu können, besteht Handlungsbedarf: Hintergrund ist der seit 1998 erfolgte Verkauf der Wohnungsbaugesellschaft GEHAG an private Investoren. Inzwischen gehören die meisten Reihenhäuser Privatpersonen. Das bedeutet nicht nur Zersplitterung der Eigentumsverhältnisse im Denkmalensemble, sondern bringt auch eine massive soziale Umwälzung mit sich. Das einheitliche Erscheinungsbild wird sich mehr und mehr verändern. Dies bringt schon der unterschiedliche Zeitpunkt von Renovierungsmaßnahmen mit sich.

Wieso und wann hat sich Ihr Verein zusammengefunden?

Unser Verein ist jetzt sechs Jahre alt. Gegründet wurde er von Menschen, die spürten, dass der Dialog zwischen „Alt“-Bewohnern und neu Hinzugezogenen eines Anstoßes bedurfte. Viele Neue hatten Eigentum erworben, um in einem Haus zu wohnen, das von Bruno Taut entworfen wurde. Der zweite Grund war, dass es kaum vernünftige Informationen zum Denkmalschutz gab.

Was sind die Ziele des Vereins?

Wir wollen dazu beitragen, den Gedanken des Denkmalschutzes zu verankern. Wir helfen den Behörden, Anliegen verständlich an die Bürgerschaft zu vermitteln. Neben solchen Moderationsaufgaben bemühen wir uns, die Infrastruktur zu verbessern, kulturelle Veranstaltungen zu organisieren und Ereignisse sozialer Begegnung anzuregen. Seit einem Jahr betreiben wir auch ein Café und die Ausstellung in der Infostation zur Hufeisensiedlung und arbeiten für Führungen mit Architekten zusammen.

Welche Bedeutung spielt die Internetseite des Vereins dabei?

Die Seite www.hufeisensiedlung. info ist ein Angebot der Denkmalschutzbehörden in Zusammenarbeit mit dem Verein. Angaben zum Denkmalschutz werden seitens der Behörden angeboten, unser Förderverein betreibt die Rubriken Geschichte und Förderverein sowie das Nachbarforum. Eine Vielzahl an Detailplänen vermittelt ein Bild der Siedlung, wie sie zur Bauzeit konzipiert wurde. Die Infos sollen in Kürze für jedes Haus im Bereich Denkmal-Datenbank abgerufen werden können. Wir wollten den Zugang zu Denkmalschutzinformationen vereinfachen. Jeder Hausbesitzer sollte so zu den für sein Haus wichtigen Infos gelangen. Diese Informationen sind in Datenbanken vorhanden, müssen nur noch freigeschaltet werden. Uns ärgert, dass die Behörden nichts unternehmen, um letzte Fragen des Datenschutzes zu beantworten. Wir warten seit fast zwei Jahren auf die Beantwortung eines Schreibens. Diese Datenbank, die bislang einzigartig ist, darf keine Spielwiese für den denkmalschützerischen Elfenbeinturm sein.