Weltkulturerbe

Ein Refugium in Neukölln

Die Hufeisensiedlung war ein Vorbild für den modernen Städtebau. Auch heute schätzen die Bewohner die gute Nachbarschaft

Sonja Bayer mag es farbenfroh. Auf einer blauen Gartenbank genießt sie die Sommersonne. Hinter ihr leuchten gelb gestrichene Fensterrahmen und die rote Fassade ihres Reihenhauses. Dabei ist es keine reine Geschmackssache, weshalb die Immobilie mit 100 Quadratmeter Wohnfläche in Britz unterschiedliche Farben an der Fassade vereinigt. Im Gegenteil: Alles ist genauso gewollt, denn das Gebäude gehört zum Ensemble der Hufeisensiedlung des Berliner Architekten Bruno Taut.

Wahrzeichen der Siedlung

„Im Juli vergangenen Jahres habe ich das Haus gekauft und bin dann im November eingezogen“, sagt Bayer. Auf vier Etagen inklusive Keller lebt die Architektin und Innenarchitektin. Nachdem sie jahrzehntelang in Schöneberg in einer Mietwohnung gelebt hat, ist mit dem kleinen Haus samt Garten nun ihr Traum in Erfüllung gegangen – nicht nur aus wohnlicher Sicht, sondern weil sich ihr Berufsleben, das sich größtenteils um Denkmalschutz und Restauration dreht, nun auch im Privaten fortsetzt.

„Nachdem ich das Haus gekauft hatte, habe ich es saniert“, sagt sie. Im Innern treffen sich nun Alt und Neu. Einerseits ist eine moderne blaue Küche eingebaut, andererseits gibt es noch dreigeteilte Fenster aus den 30er- Jahren, Kastenfenster, originale Handläufe am Treppengeländer, das über vier Stockwerke führt, sowie alten eingefärbten Putz. „Bei der Innengestaltung war ich relativ frei, bei der Außengestaltung hingegen wurde durch denkmalpflegerische Vorgaben vieles sehr genau festgelegt“, sagt die Architektin. So hat Sonja Bayer die Fensterrahmen zum Beispiel in genau der Farbe streichen, in der auch Bruno Taut die Rahmen vorgesehen hatte.

Die Hufeisensiedlung – sie ist eben etwas ganz Besonderes in Berlin. Denn obwohl mitten im belebten Berliner Bezirk Neukölln gelegen, wähnt sich der Besucher beim Besuch von Bayers Reihenhaus doch außerhalb der Großstadt – die Gärten vor den Reihenhäusern wirken wie in einer Kleingartenkolonie. Farbige Hausfassaden, Alleen, kleine Wege und jede Menge Grün bestimmen das Bild. Die Wohnanlage rund um das Wahrzeichen der Siedlung – ein zentraler, hufeisenförmiger Bau mit 350 Metern Länge – besteht aus 1284 Wohnungen, öffentlichen Freiflächen sowie 679 Reihenhäusern mit Garten. Die Hufeisensiedlung war bei ihrer Errichtung richtungsweisend für die Siedlungsarchitektur der 20er- und 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts und ist heute noch trotz relativ kleiner Wohnflächen von zum Teil 49 Quadratmetern bei den Bewohnern sehr beliebt.

So wirkt auch Bayers Haus im Vergleich zu heutigen Reihenhäusern eher ein wenig kleiner - der Weg führt direkt vom Hauseingang durch zu den jeweiligen Zimmern der Stockwerke. Vor allem um Kosten zu sparen, wurde damals versucht, auf wenig Platz möglichst viel Wohnraum für die Familien zu schaffen. „ Die großen Fenster lassen aber kein Gefühl der Enge entstehen, es fällt viel Licht in die Räume. Der Grundriss ist so geschickt organisiert, dass man alles bequem unterbringen kann“, sagt Bayer.

Vor 80 Jahren eine Neuheit

Gleichwohl: Die Architektur der Siedlung war ein Novum für die damalige Zeit. Als einer der ersten Sozialbauten nach dem Ersten Weltkrieg von 1925 bis 1933 nach Plänen von Bruno Taut und Martin Wagner als Teil der Großsiedlung Britz/Fritz-Reuter-Stadt errichtet, entspricht die Siedlung in ihrer nüchternen jedoch ausdrucksstarken Formensprache nicht dem Ideal der klassischen Moderne mit ihren verspielten, romantisierenden Baudetails. Eine hohe Wohnungsdichte sowie eine gute Verkehrsanbindung waren eher selbstverständlich für die Siedlung, wie die Vielzahl an Grün- und Freibereichen. Darauf schwört auch Sonja Bayer wieder: „Die Verkehrsanbindungen sind nicht allzu weit weg, zum Beispiel die U-Bahn U7, mit der man innerhalb von einer Stunde durch die ganze Stadt kommt." Wie heute war der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum in Berlin vor 90 Jahren groß. Aufgrund großer Arbeitslosigkeit suchten viele Menschen ihr Glück in der Hauptstadt. Der Wohnraumbedarf stieg deshalb extrem an, viele Wohnungen mussten mehr Bewohner beherbergen als eigentlich möglich. So fehlten Anfang der 20er-Jahre in Berlin mehr als 100.000 Wohnungen. Es entstanden nicht-kommerzielle Baugenossenschaften, die versuchten, die Wohnungsnot zu beseitigen.

Eines dieser Bauvorhaben war ebendiese Hufeisensiedlung im Neuköllner Stadtteil Britz. Zusammen mit Stadtbaurat Martin Wagner entwickelte Bruno Taut damals deren stadtplanerisches Konzept. Beide Anhänger des Neuen Bauens, wollten sie industrielle Arbeitsmethoden auf das Bauwesen übertragen. Typisierte Wohnungen und Gebäude sowie Großproduktion sollten wirtschaftliche Vorteile bringen.

Besonderes Farbkonzept

Im Zentrum der Anlage befindet sich das namengebende Hufeisen, ein dreigeschossiger Zeilenbau mit zahlreichen Etagenwohnungen, der einen Pfuhl umschließt und an zwei- bis dreigeschossige Einzelhausreihen angrenzt. Den Architekten gelang es, durch Unregelmäßigkeiten in der Straßenführung und Kurven das Straßenbild aufzulockern. Auf diese Weise entstanden Vor- und Rücksprünge der Hausfronten und Lücken, die für Abwechslung sorgen.

„Bruno Taut akzentuierte seine funktionale und schlichte Architektur mit wenigen einfachen Mitteln wie Sprossenfenstern, Klinkerverblendungen an den Gebäudeecken sowie durch die Verwendung von Glatt- und Rauputzflächen. Das Besondere jedoch ist das Farbkonzept der Bebauung, das den Außenraum der Siedlung durch Einsatz von gegliederten und farbigen Fassaden betont“, sagt Architektin Bayer. So wird zum Beispiel die lange Front der Fritz-Reuter-Allee umgangssprachlich auch rote Front genannt, da sie in Berliner Rot gestrichen ist. Die Eingänge des Hufeisens dagegen sind in kräftigem Blau hervorgehoben.

„Die Farbgestaltung rief zur damaligen Zeit viel Kritik hervor, ist inzwischen aber zu einem Markenzeichen der Siedlung geworden“, sagt Bayer. In den 1980er- und 1990er-Jahren wurde die Siedlung saniert und 1986 dann unter Denkmalschutz gestellt. Einige Jahre später, im Juli 2008, wurde die Hufeisensiedlung zusammen mit fünf weiteren Siedlungen der Berliner Moderne in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Seit einigen Jahren werden Einfamilienhäuser veräußert.

Vergangenes Jahr erwarb auch Sonja Bayer ihr Haus – und baute den Keller und das Dachgeschoss aus. Die Architektin und Innenarchitektin brachte ihr Fachwissen ein und legte selbst Hand an, brannte zum Beispiel alten Lack von Türen ab und strich sie neu. „Die Arbeit entsprach meiner Denkmalschutzauffassung“, sagt sie. Ihr Motto: So viel Originales erhalten wie möglich, jedoch zeitgemäße Nutzung nicht verhindern. Sie selbst hat sich in ihrer Wohnung dabei eher spartanisch eingerichtet, greift aber auch in ihrem Haus das Farbkonzept von Bruno Taut auf, lässt in ihrem Wohnzimmer mehrere Farben miteinander in Kontrast treten.

Am schönsten empfindet Sonja Bayer in ihrem Wohndomizil das Gefühl, mitten im Grünen zu leben – nach allen Seiten blickt sie hinaus in eine verwilderte oder gepflegte Gartenlandschaft. An die Hektik der Großstadt erinnert hier nur wenig. Dafür an Berliner Stadtgeschichte umso mehr.