Grüne Dächer

Die hängenden Gärten der Neuzeit

Auf Deutschlands Dächern sprießt und wuchert es wie in keinem anderen Land. Und jedes Jahr wird die Fläche größer

- Groß sollte sie sein, voll sattem Grün und vor allem prächtig: Als Nebukadnezar II., der im 6. Jahrhundert vor Christus in Babylonien - dem heutigen Irak - herrschte, ließ er auf dem Dach seines Palastes eine riesige Gartenanlage errichten. Von einem Quadrat mit rund 120 Meter Seitenlänge schreiben antike Autoren - das entspricht einer Fläche von knapp 1,5 Hektar. Ausgeklügelte und für die damalige Zeit hochmoderne Bewässerungssysteme sollen das Grün auf dem Palastdach mit Wasser versorgt haben. Bekannt wurde die Anlage als die "Hängenden Gärten der Semiramis" - eines der sieben Weltwunder.

Im Kleinen kann sich heute jeder Hausbesitzer ein solches Wunder schaffen. Dachgärten liegen im Trend. Trist-graue Flach- und nackte Schrägdächer in deutschen Städten sollen sich in grüne Lungen verwandeln - so wünschen es sich auch Architekten und Stadtplaner. Nach Angaben der Fachvereinigung Bauwerksbegrünung werden hierzulande jedes Jahr acht Millionen Quadratmeter Dachfläche neu begrünt. Sowohl bei Privathäusern als auch bei Gewerbeimmobilien setzen sich Gründächer stärker durch.

Schutz vor Kälte sowie großer Hitze

Für diese Entwicklung gibt es gute Gründe - zum einen ganz handfeste, ökonomische: Gründächer halten rund 40 Jahre, ein nacktes Flachdach dagegen wird nach etwa 15 Jahren undicht und muss erneuert werden. Und Dachgrün wirkt wärmedämmend: "Vegetation und Dachsubstrat vermindern im Winter den Wärmedurchgang", sagt Christian Oberbichler vom österreichischen Verband für Bauwerksbegrünung. "Im Sommer schützen Dachbegrünungen die darunter liegenden Räume vor Hitze." So kann sich ein normales Dach an heißen Tagen schnell auf bis zu 80 Grad erhitzen - ist es begrünt, steigt die Temperatur auf maximal 25 Grad. Oberbichler geht davon aus, dass ein zwölf Zentimeter hoher Aufbau extensiver Dachbegrünung etwa zwei Zentimetern herkömmlichen Dämmstoffs entspricht. Seiner Berechnung zufolge würde sich nach 40 Jahren eine kumulierte Einsparung von rund 2500 Euro pro Quadratmeter begrünte Dachfläche ergeben.

Viele Gemeinden unterstützen die Besitzer von Gründächern, indem sie sie bei den Niederschlagswassergebühren entlasten. Pro Quadratmeter Gründach lässt sich so etwa in Berlin knapp ein Euro pro Quadratmeter und Jahr an Gebühren sparen. Der Grund: Begrünte Dächer nehmen Regenwasser auf und entlasten so Kanalisation und Kläranlagen - sie gelten in vielen Städten nicht als versiegelte Fläche. "Dachbegrünungen können bis zu 90 Prozent der Niederschlagsmenge zurückhalten und über Verdunstung wieder in den natürlichen Kreislauf zurückführen", sagt Reimer Meier vom Deutschen Dachgärtnerverband.

Aber auch unter ökologischen Aspekten ist so ein grünes Dach nicht zu verachten: Weil es Regenwasser speichert und über die Verdunstung wieder in die Atmosphäre zurückgibt, sorgt es für höhere Luftfeuchtigkeit und Kühlung und verbessert so das Mikroklima. Ein Gründach bindet Feinstaub und dient als Biotop für Käfer, Bienen und Vögel. Und vor allem bindet es Kohlendioxid: "Gründächer sind leistungsfähige CO2-Binder, deren hochklimawirksame Eigenschaften noch viel zu wenig anerkannt werden", sagt Experte Oberbichler. Selbst bei der einfachsten Begrünungsform, einer Rasenfläche, würden pro Quadratmeter Grünfläche jährlich zehn Kilogramm CO2 gebunden.

Fachleute unterscheiden zwischen extensiver und intensiver Begrünung. Extensiv heißt: Es wird lediglich eine Rasenfläche auf dem Dach angelegt. Es zählen vor allem die ökologischen und ökonomischen Aspekte. Der Verbandsstatistik der Fachvereinigung Bauwerksbegrünung zufolge werden acht von zehn Gründächern extensiv begrünt. Bei den übrigen, intensiv begrünten Dächern kommt der Wohlfühlfaktor hinzu: Es entsteht ein Dachgarten mit Blumen, Bäumen, Hecken und Sträuchern - als Oase in der Großstadt. Dem Aufwand entsprechend unterscheiden sich auch die Kosten: Extensivbegrünungen sind ab einem Preis von etwa 25 Euro pro Quadratmeter zu haben. Bei Intensivbegrünungen ist die Skala nach oben offen: 200 Euro pro Quadratmeter Dachfläche sind keine Seltenheit.

Prinzipiell lässt sich jedes Dach begrünen, am einfachsten geht es natürlich bei Flachdächern. Optimal ist ein geringer Neigungswinkel von bis zu fünf Grad - dann kann überschüssiges Regenwasser leichter ablaufen. Schrägdächer mit einem Neigungswinkel von bis zu 15 Grad lassen sich ebenfalls problemlos begrünen. Doch auch auf steileren Dächern kann das Grün sprießen - dann muss man allerdings auf einen passenden Erosionsschutz achten, der das Vorhaben entsprechend verteuert. Außerdem ist eine wurzelfeste Wasserabdichtung wichtig - nicht, dass die Wurzeln irgendwann ins Haus wachsen. Eine weitere technische Voraussetzung ist die Statik. Denn das Dach muss eine Zusatzlast von mindestens 60 Kilogramm pro Quadratmeter aushalten. Schließlich drücken nicht nur Bodensubstrat und Pflanzen darauf, sondern auch das aufgesaugte Regenwasser. Es gibt auch Lösungen für weniger tragfähige Dächer, etwa von Carports: Die Firma Optigrün hat beispielsweise das "Leichtdach" entwickelt mit einem besonders leichten Bodensubstrat.

Begrünung in Stuttgarts Kessellage

Weltweit gibt es nirgendwo so viele grüne Dächer wie in Deutschland. Doch auch in Ballungsräumen wie Tokio, das mit den negativen Folgen der Versiegelung zu kämpfen hat, haben die Stadtväter den Nutzen begrünter Dächer erkannt. So hat die japanische Hauptstadt eine Verordnung erlassen, die Gründächer bei allen Flachdach-Neubauten verbindlich vorschreibt. Hierzulande macht zum Beispiel Stuttgart Gründächer bei vielen Neubauten zur Pflicht. Kein neues Flachdach ohne sattes Grün - dieser Grundsatz hat dazu beigetragen, den durch die Kessellage der Stadt erschwerten Luftaustausch zu verbessern. Die Großunternehmen der Region nehmen dabei eine Vorreiterrolle ein: So hat etwa der Autobauer Daimler die komplette Dachfläche seines Werks in Stuttgart-Untertürkheim begrünt: rund 100.000 Quadratmeter. Daimler hat damit eines der größten Gründächer der Welt.

Längst sind Gärten in luftiger Höhe für Architekten zum Gestaltungselement geworden. So wird die Fassade des Düsseldorfer Shopping-Tempels Kö-Bogen von spektakulär anmutenden Einschnitten durchbrochen - sogenannten Cuts. Die sollen bepflanzt werden und auf diese Weise "den Park ins Gebäude bringen, den dort arbeitenden Menschen Schatten spenden und ihnen einen Blick ins Grüne ermöglichen", sagt Stararchitekt Daniel Libeskind, der das Bauwerk entworfen hat. "Die Cuts sind mehr als ein dekoratives Element. Sie machen das Gebäude einzigartig und unvergesslich."

Es geht aber auch ganz ausgefallen: Optigrün hat auf dem Dach des Kreuzfahrtschiffes "Celibrity Solstice" einen Rasen angelegt, der für Freizeitaktivitäten wie Golf, Boccia und Krocket genutzt wird.