Wohnkonzept

Shabby Chicin einem Altbau in Kreuzberg

Ihre Vierzimmerwohnung nutzt Catherine Grigull als Atelier, in dem nicht nur ausgefallene Leuchten zu finden sind

"Die ganze Vielfalt, der ganze Reiz, die ganze Schönheit des Lebens besteht aus Schatten und Licht", schrieb Leo Tolstoi einmal. Obwohl dieser Satz in seinem Werk "Anna Karenina" als Gleichnis auf das ewige Auf und Ab des Daseins im Allgemeinen zu verstehen ist, passt er im Besonderen gut zu Catherine Grigull. Das liegt nicht nur daran, dass die 46-Jährige Leuchten gestaltet, mit Schatten und Licht also schon von Berufs wegen zu tun hat. Auch ihre Wohnung vereint Dunkel und Hell, Alt und Neu, Arbeit und Privates.

Authentische Alterung

Bei Grigull ist das kein Gegensatz. Ihr Wohnzimmer ist auch ihr Atelier, Arbeiten und Leben vereinen sich unter einem Dach. Zum Fenster hin breitet sich eine große, mit Kissen übersäte Eckcouch aus, am anderen Ende des Raumes stehen Schreibtisch und Regale - ihre Arbeitsfläche. Unzählige Papierrollen, Zeichenblätter, Stahlgestelle, Lampenfüße und Arbeitsutensilien finden sich darauf, Entwürfe, halb fertige Leuchten. Es herrscht ein Eindruck von kreativem Chaos. "Ich brauche eine unfertige Atmosphäre um mich herum", sagt Grigull, die mit Sohn, Tochter und Golden-Retriever-Rüde Rin Tin in dem 110 Quadratmeter großen Kreuzberger Altbau lebt.

Holzdielenboden verleiht jedem der vier Räume eine warme Atmosphäre. Ebenso die vielen Holzmöbel, die Catherine Grigull nach und nach ausgesucht oder sogar selbst gebaut hat. Vieles ist antik, kommt von Trödelmärkten, kleinen Händlern und sogar vom Schrottplatz. "Mir ist wichtig, dass meine Möbel eine Geschichte haben", sagt sie. Von jedem Stück in ihrer Wohnung weiß sie genau, wann und wo sie es gekauft hat. Ihr Credo: Auch Gebrauchsgegenstände benötigen Wertigkeit.

Geschichte spiegelt sich auch in ihrer Wohnung im ersten Stock eines Gründerzeit-Altbaus wider: Die Türen sind aus Holz, zum Teil mit verschnörkelten Beschlägen, hier und da ist die Farbe abgeplatzt. Im Schafzimmer steht ein alter, mannshoher Kohleofen mit hellen Kacheln. "Als ich vor 16 Jahren hier eingezogen bin, war der sogar noch in Betrieb. Irgendwann kam aber die Fernwärme, und der Ofen wurde abgestellt. Ich fand das schade", sagt sie. Heute liegen auf dem Ofen alte Koffer, die sie dort einerseits als Dekoration gestapelt hat, andererseits auch auf kleineren Reisen benutzt - oder bei Auftritten mit ihrer Band. Grigull singt, und ab und zu spielt sie Trompete. "Eine Stunde am Tag darf ich in der Wohnung üben", sagt sie lachend, "das ist zum Glück erlaubt." Das Instrument liegt in ihrer Arbeitsecke im Wohnzimmer - ebenso wie ein paar Elemente eines Schlagzeugs. Also nicht nur Wohnen und Arbeiten unter einem Dach, sondern auch Musizieren.

Eine waschechte Berlinerin ist Grigull nicht, sie kommt von der Nordseeinsel Juist in Ostfriesland. Eine kleine Flucht ist ihr Badezimmer, gestrichen in Türkisblau, an der Wand ein Stück Treibholz, gefunden auf Juist am Strand. Direkt darüber: Ein Gemälde in Postkartengröße, ein Dreimaster in tosendem Meer "Das erinnert mich immer an zu Hause", sagt Grigull.

Müsste man einen Namen für den Stil der Wohnung und die Mischung aus Altem und Selbstgemachtem finden, passte am ehesten "Shabby Chic". Zwar kam diese Richtung bereits in den 1980er-Jahren auf, erlebt aber zurzeit eine Renaissance. Doch während in Möbelhäusern neue Stücke einen gebrauchten Look verpasst bekommen, sind die Einrichtungsgegenstände Grigulls authentisch gealtert.

Zum Leuchtendesign ist Catherine Grigull erst spät gekommen. Zunächst war sie Schauspielerin und Stunt-Frau. Vor 16 Jahren bat ein Bekannter sie, sein Bistro einzurichten und zu dekorieren, und Grigull bemerkte ihr besonderes Faible für Beleuchtung. Heute kreiert sie ihre Leuchten aus eigens aus Japan und dem Himalaja importiertem Papier, das aus dem Holz von Maulbeerbäumen gewonnen wird - und hochwertiger ist als herkömmliches Reispapier.

Schlüssiges Wohnkonzept

Die technische Umsetzung übernimmt Kunstschlosser und Konstrukteur Jochen Liedtke. "Das Licht der Leuchten ist brillant und trotzdem angenehm", sagt Grigull. "Mit Beleuchtung kann man viel erreichen. Licht ist eben mehr als nur die Abwesenheit von Dunkelheit." Sie stellt Objekte in ihrem Showroom Loupiotte aus und entwirft auch Lichtkonzepte für Wohnungen und öffentliche Räume.

Die Wohnung der Designerin ist nach Norden ausgerichtet, bekommt also wenig natürliches Licht ab. Für ein Zusammenspiel von Helligkeit und Schatten sorgt im Schlafzimmer ein Paravent aus einem Eisengestell, bezogen mit Washi-Papier. Zwischen zwei Fenstern befinden sich ein ovaler Spiegel und eine rot gebeizte Kommode - als Kontrast zur Wand. Die ist im Farbton Veroneser Grünerde gestrichen, der einem lichten Meergrün entspricht. "Mir ist ein schlüssiges Wohnkonzept wichtig", sagt Grigull. "Im Alltag ist man so überreizt, dass zu Hause Ruhe und Stimmigkeit guttun."

Energie und Fröhlichkeit strahlt dagegen die kleine Küche aus, die als Durchgangszimmer vom Flur zu Wohn- und Schlafraum angelegt ist. Die Wände sind gelb, eine jedoch bis zur Hälfte leuchtend rot gestrichen - die Farben, die sich auch in der Hängeleuchte über dem Esstisch wiederfinden. Grigulls Highlight in der Küche ist der Spülschrank, den sie selbst entworfen und mitgebaut hat: dunkles Holz, dunkelgrüne Arbeitsfläche, Griffe und Beschläge aus dunklem Metall. "Ich mag es, an Möbeln selbst mitzuarbeiten. Zu diesen Stücken hat man einen besonderen Bezug."

Grigull stammt aus einer Künstlerfamilie, Mutter und Onkel sind Keramiker, ihr Vater hat eine Galerie. Das Kreieren von Leuchten hat sie sich selbst beigebracht. "Ich bin Autodidaktin. Bis sich mein Stil so entwickelt hat, dauerte es ein bisschen." Besonders inspiriert fühlt sie sich von dem Leben und Arbeiten der Künstler der Wiener Werkstätten, weil es da "um Klasse statt Masse" ging, wie sie sagt.