Eigentum

London gehen die Häuser aus

Trotz einer Wertsteigerung bei Luxusimmobilien um 32 Prozent ebbt die Nachfrage nicht ab

Alex Michelin breitet die Hände aus und sagt strahlend: "Ist das nicht ein toller Lichteinfall?" Der britische Immobilienunternehmer steht im Herzstück seines neuen Londoner Luxusapartmenthauses The Lansbury. Zwei Fronten des 300-Quadratmeter-Penthouses sind komplett verglast. Die Fenster geben den Blick frei auf das berühmteste Kaufhaus der Welt: Harrods. Ein Oberlicht in der Küche lässt zusätzlich Tageslicht in die Wohnung hinein.

Ihm sei Helligkeit sehr wichtig, sagt Michelin. Seine Kindheit verbrachte der 36-Jährige in der Karibik, wo sein Vater Hotels baute. "Seit dieser Zeit kann ich ohne Sonnenlicht kaum leben." Eine Herausforderung angesichts der oft trüben Tage an der Themse. Die Nachfrage nach Immobilien kann das "typical British weather" indes keineswegs bremsen - im Gegenteil: Bereits im dritten Jahr in Folge fährt der Londoner Markt für Luxusimmobilien einen Rekord ein. Der Wert von Objekten im "Super Prime"-Bereich von zehn Millionen Pfund und mehr ist seit dem Jahr 2008 um 32 Prozent gestiegen. "Die Leute reißen uns die Top-Immobilien nur so aus der Hand", sagt Michelin.

Freiwillig eine Million draufgezahlt

Seit zwölf Jahren ist er mit Partner Andrew Dunn im Geschäft. Die beiden gelten mit ihrer Firma Finchatton als Nachwuchsstars auf dem Immobilienmarkt. The Lansbury ist ihr bislang ambitioniertestes Projekt. Sechs Wohnungen der Spitzenklasse beherbergt das Apartmenthaus in Knightsbridge. Zusammen sollen sie 42 Millionen Pfund einspielen.

Ende Januar kam das neue Objekt auf den Markt. Vier der sechs Einheiten waren innerhalb von zwei Wochen verkauft. Das Penthouse ging sogar in den ersten 24 Stunden über den Tisch. "Der Käufer gab den anderen Interessenten wenig Chancen", sagt Michelin. Innerhalb einer Stunde unterschrieb der neue Besitzer den Vertrag und wies seine Bank telefonisch an, das Geld zu überweisen. Angeboten hatte Finchatton das Dachapartment für 12,5 Millionen Pfund (14,5 Millionen Euro). Laut Fachpresse legte der Käufer freiwillig noch eine Million Pfund drauf. "Wir kommentieren das offiziell nicht", sagt Michelin. Die Gerüchte kämen der Wahrheit sehr nahe.

Nur das Beste vom Besten sei in dem Wohntraum für Superreiche verarbeitet worden, sagt Michelin. "Alles, was Sie hier sehen, ist handgefertigt bis auf den letzten Millimeter." Das Muster auf dem Läufer unter der Sitzgruppe ist auf Größe und Position der Sofas, Sessel und des Couchtisches abgestimmt. Die Tapete an der Wand im Wohnzimmer: "verwebt mit japanischem Holz". Die Lederbespannung des Treppengeländers wurde "in drei Wochen von Hand angenäht".

Michelin ist sichtlich begeistert von seinem Kunstwerk. Apropos Kunst: Die Gemälde im Gebäudekomplex seien allein rund drei Millionen Pfund wert. "Wir haben extra einen Kurator beauftragt, die Stücke auszuwählen." Ein Designerteam bereiste über Monate Antiquitätenmärkte in ganz Europa, um Uhren, Spiegel und Lampen zu finden. Bis ins letzte Detail, vom Coffeetable-Book auf dem Tisch bis zum Luxus-Olivenöl in der Küche, wurde nichts dem Zufall überlassen. "Unsere Kunden wollen schlüsselfertige Objekte", sagt Michelin. Es seien meist reiche Geschäftsleute, die fünf, sechs oder sieben Wohnungen und Häuser in den Top-Metropolen der Welt hätten. "Eine solche Klientel will nicht wochenlang über die Wahl des richtigen Sofas nachdenken."

Wie keine zweite Stadt hat London in den vergangenen drei Jahren von den Krisenherden überall auf der Welt profitiert, weiß auch Makler Alex Christian, der für die Immobilienfirma Savills Top-Objekte im edlen Stadtteil Knightsbridge verkauft. "London gilt als sicherer Hafen für Geld." Seit dem Arabischen Frühling drängen reiche Araber auf den Markt, die Neuwahl von Wladimir Putin als russischer Präsident verstärkte die Nachfrage der Oligarchen, und die Euro-Krise führte reiche Griechen und Italiener nach London.

Wer nicht sofort zuschlägt, ist raus

Laut Schätzungen von Savills wird die Nachfrage bis zum Jahr 2015 um weitere 25 Prozent ansteigen. "Ich wünschte, wir hätten noch mehr Objekte wie The Lansbury im Angebot", sagt Michelin. Denn London hat ein großes Problem: Der Stadt gehen die Top-Objekte für kaufwütige Millionäre und Milliardäre aus.

"Egal ob Ölscheich oder Oligarch, wer nicht sofort zuschlägt, ist raus aus dem Spiel", sagt Ian Pidgeon. Wie sein Kollege Christian arbeitet auch er als Makler für Savills und ist ebenfalls für die begehrten Bezirke Belgravia, Mayfair und Knightsbridge zuständig. "Ende vergangenen Jahres sprach ich mit einem arabischen Kunden, der sich für The Lansbury interessierte", sagt Pidgeon. Wochenlang sei es still um den potenziellen Käufer gewesen. Vor Kurzem habe der Araber wieder angerufen. "Er sei in der Stadt und wolle zwei Wohnungen im The Lansbury." Pidgeon musste dem Mann schonend beibringen, dass die Wohnungen längst nicht mehr zu haben sind.

In den nächsten Tagen will sich Pidgeon mit dem Araber im "3-10 Grosvenor Crescent" treffen. Die halbmondförmig angeordnete Häuserkette am Belgravia Square wurde aufwendig restauriert. Eine große Herausforderung, denn die Gebäude aus dem Jahr 1830 stehen unter Denkmalschutz. Fertiggestellt wurde der Komplex aus 15 Wohneinheiten mit einem Durchschnittspreis von 17,5 Millionen Pfund im Herbst des vergangenen Jahres. Obwohl die familiengeführte Immobiliengruppe Grosvenor keinerlei Werbung für das Objekt machte, sind zwölf Wohnungen bereits verkauft. "Grosvenor wollte kein Aufsehen für das Projekt, sprach nur ausgesuchte Käufer an", sagt Pidgeon.

Eine 340 Quadratmeter große Obergeschosswohnung wäre noch zu haben - für 17,95 Millionen Pfund. Er werde seinem arabischen Kunden dringend raten, zuzuschlagen, sagt Pidgeon.