Architektur

Wie in einem Aquarium mitten in der Stadt

Das "L40" am Rosa-Luxemburg-Platz provoziert mit seinem Äußeren und ist damit idealer Ort, um auch Kunst zu präsentieren

Ralph Anderl begrüßt seine Besucher schwungvoll an seiner Wohnungstür. "Nur herein", sagt der 42-Jährige freundlich und öffnet einladend die Arme - schon ist man im Innern dieser ungewöhnlichen Wohnung.

Anderl tritt einen Schritt zur Seite, und man sieht: Wo bei anderen vielleicht eine Garderobe zu finden wäre, steht in dieser Wohnung eine Tischtennisplatte. Direkt dahinter befindet sich eine lange Galerie mit Bildern und Zeichnungen. Der Blick durch den lang gezogenen Raum wandert weiter und weiter, bis er schließlich weit entfernt an einer Wand endet. Anderl läuft mit geübtem Schritt zügig die Entfernung ab - und bittet schließlich in seiner Wohnküche zum Tee.

Wobei Wohnküche eigentlich nicht das richtige Wort ist. Nur schwer ist der lang gestreckte, dreieckige Raum mit der eingebauten Küche und einem Arbeitstresen zu beschreiben. Überwältigend ist der Blick aus der großen Panoramafensterwand des Raumes: Von hier aus sieht man unten die Autos vorbeirasen, eine Straßenbahn die Kreuzung queren und Hunderte von Menschen gleichzeitig über die Straße in Berlin-Mitte hasten. Was für ein erhebendes Gefühl. Findet auch Ralph Anderl, der seit gut einem Jahr in der Wohnung des Gebäudes mit dem ungewöhnlichen Namen "L40" am Rosa-Luxemburg-Platz wohnt. "Man kann von hier oben fantastisch das Treiben dort unten beobachten", sagt er.

Ruhe mitten in der Stadt

Es ist in der Tat eines der ausgefallensten Gebäude der Stadt, in dem der Berliner Blechbrillendesigner lebt. Von außen betrachtet, wirkt das Haus zunächst einmal dunkel, massig und schroff. Es liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rosa-Luxemburg-Platz, gehört zur Linienstraße und ragt in die Torstraße hinein - damit stellt das Gebäude einen deutlichen Kontrast zu den unzähligen Häusern in der Nachbarschaft dar, die in den 20er-Jahren gebaut wurden.

Es sind vor allem die wie aus einem Stück gearbeiteten und scheinbar beliebig geschachtelten und auskragenden Räume, die dem Haus eine unregelmäßige Struktur geben. Diese ungewöhnliche Fassadengliederung und die nicht den umliegenden Gebäuden entsprechende Traufhöhe waren auch Gründe, weswegen sich das Genehmigungsverfahren für den Bau des "L40"-Hauses ganze vier Jahre hinzog.

Wo das Scheunenviertel war

Der vor knapp zwei Jahren fertiggestellte Neubau befindet sich zudem in einer sehr geschichtsträchtigen und zugleich angesagten Gegend Berlins. Das hier angesiedelte Scheunenviertel wich Anfang des 20. Jahrhunderts der sich ausdehnenden Stadt und wurde Standort des Theaters "Volksbühne".

In den 70er-Jahren sollten die Häuser aus den 20er-Jahren, welche den heutigen Rosa-Luxemburg-Platz umgeben, abgerissen werden, um Plattenbauten zu weichen - der Sprengstoff war schon verlegt, als eine DDR-Bürgerinitiative über Nacht das Dynamit aus den Häusern stahl.

So blieb alles, wie es war - und heute leben Künstler in diesem Viertel. Clubs, Modeläden, Galerien und Cafés haben sich angesiedelt. Einen besseren Ort für das "L40" hätte man daher gar nicht finden können. Mehr noch: Obwohl draußen am verkehrsumtosten Rosa-Luxemburg-Platz Dutzende Autos an diesem Vormittag unter der Woche die Kreuzung queren, ist drinnen nichts zu hören. "Man fühlt sich mitten in der Stadt und doch ganz weit draußen", sagt Anderl.

Georg Bückmann, Geschäftsführer der Faktum Immobilien, der die Wohnungen vermarktet, ergänzt: "Beim Bau wurden besonders gute Schallisolierfenster verwendet, die Wandstärke beträgt circa 50 Zentimeter."

Auf rund 200 Quadratmeter Wohnfläche mit drei Zimmern wohnt Ralph Anderl deshalb fast so ruhig wie auf dem Land, wenn man denn so möchte. Ein Haus aus Beton, dunkel und ernst, aber auch voller Leichtigkeit und Zuversicht ist so entstanden.

Kunst im öffentlichen Raum

Doch die Wohnung hat noch ein Extra zu bieten, das sonst wohl nur selten oder gar nicht in der Hauptstadt zu finden ist: Gemeinsam mit dem 42-Jährigen geht es hinaus aus der Wohnung auf einen schmalen Steg und dann hinein in ein Türmchen, das Anderls Firma ic!-Berlin angemietet hat. Der Designer hat dort einen "Showroom" für seine Kunden eingerichtet. Und auch hier ist derselbe Effekt zu beobachten: Kaum ist man durch eine weitere Eingangstür getreten, ist man auch schon wieder der lauten Berliner Mitte entschwunden. Umso mehr, wenn Anderl die Vorhänge zuzieht und auf einer Stereoanlage eine klassische Platte auflegt. Erneut ist die Hektik von Berlin-Mitte verflogen und trotz Hektik und Trubel zieht absolute Stille in diesem Raum ein - größer könnten die Kontraste kaum sein.

Veranstaltungen im Rohbau

Dass Wohnen auch eine Kunstform sein kann, erklärt man zwei Stockwerke tiefer beim "Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz". Die Kuratorin dieses Vereins, Susanne Prinz, betont, dass man das Haus insgesamt auch als Kunst im öffentlichen Raum verstehen könne.

"Wir nutzen die Räume für Kunstveranstaltungen, binden dabei aber auch immer gleichzeitig die Umgebung mit ein", sagt sie. Schon als das Gebäude noch im Rohbau stand, habe der Verein Veranstaltungen durchgeführt - und das ungewöhnliche Haus so von Beginn an den Menschen nahegebracht.

Susanne Prinz ist sich durchaus bewusst, dass das Haus auch polarisiere und zum Nachdenken anrege - aber das sei ja eben auch der Sinn von Kunst im Allgemeinen und der von interessanter Architektur erst recht.

Den Wandflächen - auch in den Räumen des Kunstvereins - stehen riesige, bodentiefe Glasfronten in den Wohnungen gegenüber. Alle Außenwände sind verglast. Dadurch sollen zum Beispiel die Grenzen zwischen öffentlich und privat bewusst verschwinden, Leben und Arbeiten in der Stadt soll erlebbar und erspürbar werden. "Man kann bei uns den Eindruck gewinnen, als würde man in ein Aquarium hineinschauen", sagt Prinz und deutet hinaus in den Straßenverkehr. Alles sei weit weg und doch so nah. Die raumhohe Verglasung des lang gestreckten Wohnraums zum ruhigen Innenhof lässt weiteres Licht in die Wohnung einfallen.

Kreativität und Umkehrung

"Wir fühlen uns in diesen Räumen sehr wohl und glauben, dass dies auch der richtige Ort ist, um Kunst auszustellen", sagt Prinz. Auch Ralph Anderl fühlte sich von Beginn an von der Kreativität, die dieses Gebäude sowohl nach innen als auch nach außen ausstrahlt, angezogen. Ebenso zeigt er sich von der Umkehrung der Seh- und Denkgewohnheiten noch immer begeistert. Und so ist er der festen Überzeugung: "Die Wohnung hat mich gefunden und nicht umgekehrt."