Architektur

"Der Bauantrag traf auf glückliche Umstände"

Wer Angst hat vor Ungewöhnlichem, sollte es nicht anpacken. Wer es dennoch tut, will das Besondere

Mit der Pankower Architektin Anna Bartels sprach Roland Mischke über die Gestaltung des Industrie-Gebäudes aus DDR-Zeit.

Berliner Morgenpost:

Frau Bartels, das Haus von Ulrich Niedner umzugestalten ist eine ungewöhnliche Aufgabe. Warum hat er Sie damit betraut?

Anna Bartels:

Weil wir Nachbarn sind, uns angefreundet und oft über das Projekt gesprochen haben. Eigentlich hatte ich mit Plattenbauten noch nie zu tun.

Woher kommen Sie?

Aus Ibbenbüren bei Osnabrück in Westfalen. Dort gibt es keine Plattenbauten. Da habe ich ein Schulzentrum saniert und eine Kita umgebaut. Nach meinem Umzug nach Berlin arbeitete ich im Büro von Max Dudler, da hatte ich auch mit Neubauten zu tun.

Ist denn ein Industrieplattenbau aus Beton zum Wohnen geeignet?

Warum nicht? In Berlin gibt es ähnliche Gebäude, etwa schick umgebaute Lofts in ehemaligen Fabrikgebäuden.

Aber die haben ganz andere Fassaden.

Ja, aber die Qualität des Plattenbaus der ehemaligen DDR ist nicht so schlecht, wie oft behauptet wird. Man erfand ein gutes Prinzip: Die Platten mit Auskragungen wurden zum Bauort transportiert und von Kränen ineinandergehängt. Wo das gelang, gibt es fugendichte Abschlüsse. Leider ist es oft nicht gelungen, weil beim Transport die "Nasen", die ineinander gehängt werden sollten, meist abbrachen und man die Lücken dann zuzementieren musste. Was nicht gut aussieht.

War das Werkstattgebäude eigentlich gut abgedichtet?

Nein. Da waren so eine Art Sauerkrautplatten dran, die im Winter nicht viel Wärme halten konnten. Wir haben eine richtige Dichtung angebracht. Daraufhin verringerte sich der Gasvolumenverbrauch um die Hälfte. Jedoch sind die Kosten für Wärmegas in den letzten Jahren rasant gestiegen.

Wie kann es sein, dass für dieses große Gebäude mit perfektem Handwerkeranschluss keine Pläne gefunden worden sind?

Dass es überhaupt keine Unterlagen zum Bestand gab, wundert uns auch. Vielleicht hatte das damit zu tun, dass die Anlage in unmittelbarer Nähe der Mauer stand, die Pankow vom Wedding abgrenzte, und man aus irgendwelchen Sicherheitsgründen nichts schriftlich fixierte. In dieser Gegend haben ja sehr viele Stasi-Leute gewohnt, die waren paranoid. Aber das ist nur eine Vermutung.

Was waren die größten Probleme?

Ich war nicht von Anfang an bei der Umgestaltung des Objekts dabei, erinnere mich aber an die katastrophale Situation auf dem Flachdach. Laub und Kiefernadeln aus dem dichten Baumbestand des Bürgerparks hatten sich wegen des langen Leerstands des Gebäudes auf dem Dach zu Hügeln gehäuft und verstopften meterdick die Wasserabflussrohre. Das hätte zu schweren Wasserschäden führen können. Ansonsten war die Substanz gut. Im Haus musste fast alles umgebaut und erneuert werden.

Sie haben den Bauantrag für den Dachaufbau durchgebracht. Wie haben Sie das geschafft?

Ein glücklicher Umstand war, dass gegenüber nach der Wende ein vierstöckiges Gebäude errichtet worden war, das heute als Altenheim genutzt wird. Dessen Höhe wurde vom Bauamt als Maßstab angelegt. Auch die Nachbarn mussten gefragt werden, ob sie einverstanden sind. Das ist gut gelaufen.