Architektur

Leben in der Industrieplatte mit Zukunft

Wohnen in einem unverwüstlichen Betonbau: Für Ulrich Niedner und seine Familie ist das in Pankow ein Erlebnis

Der Unternehmer Ulrich Niedner, 52, hat in seinem Leben schon viel gebaut. Genauer: umgebaut. "Aber mit einer so unverwüstlichen viereckigen Kiste hatte ich noch nie zu tun", sagt er lachend. Der ausschließlich aus Beton bestehende Industrieplattenbau aus DDR-Zeit, der einst dem Wasserwerk Pankow gehörte, bevor der heutige Hausherr ihn erwarb, steht direkt am Pankower Bürgerpark, einer beliebten Erholungsoase im nordöstlichen Stadtbezirk. "Ein massiver Kasten, wie ich ihn mir nicht einmal hätte vorstellen können", so Niedner. "Teilweise ist die Betonschicht 20 Zentimeter stark, da kommt man mit keinem noch so superstarken Bohrer durch. Aber die Kiste hat eine Eins-a-Lage - baurechtlich sind wir hier bereits auf dem Bürgerpark-Grundstück -, und die Substanz ist gut."

Der gebürtige Hesse aus dem idyllischen Kurort Bad Nauheim, der in der Zeit der New Economy mit einer Computerfirma großen Erfolg gehabt hat, kam 2009 mit seiner Frau und vier Kindern nach Berlin. Zuvor war das Paar mit den beiden Jüngsten, damals noch nicht schulpflichtig, einige Jahre auf einem Segelschiff unterwegs gewesen. Man schipperte durchs ganze Mittelmeer, am nördlichen und westlichen Afrika entlang und ließ sich schließlich auf Gran Canaria nieder, weil das Segeln mit kleinen Kindern eine "zu große technische Herausforderung war. Es hätte immer etwas passieren können."

Dann lieber bauen. Auf den Kanaren lebte die Familie zwei Jahre, dann wollte man zurück nach Deutschland. Die Niedners entschieden sich für Berlin, "weil hier viel Kunst und Kultur angesiedelt ist und auch Kindern einiges geboten wird", sagt er. "Wir haben uns übers Internet kundig gemacht über deutsche Großstädte. Berlin schlägt alle."

Das Baujahr ist unbekannt

Als Ulrich Niedner die ersten Wohnplattengebäude sah, in Hohenschönhausen oder Lichtenberg, behagte ihm das nicht. Aber das seit Untergang der DDR leer stehende Gebäude im schönsten Teil von Pankow gefiel ihm auf Anhieb. "Am Wohnplattenbau kann man nicht viel machen. Aber mit einer Industrieplatte ist vieles möglich", sagt er. Denn der Hausherr gestaltet gern. Bauen im Bau ist die Leidenschaft des schlanken, alerten und sehr bestimmt auftretenden Pragmatikers.

Ulrich Niedner hat in Bad Nauheim eine ehemalige Synagoge, Baujahr 1650, zum Wohnhaus umgebaut. In Kronberg im Taunus machte er aus einer Villa des Jugendstil-Architekten Peter Behrens eine wohnliche Bleibe. Aber auch mit Industriebauten, etwa verwaisten Fabriken, hat er sich befasst. Das liegt in der Familie, sein Vater hat sein ganzes Arbeitsleben mit der Gestaltung von Industrieanlagen zugebracht. "Ich war aufs Denkmal fixiert. Die Betonkiste ist mein mit Abstand jüngstes Projekt", sagt Niedner. Genau ist aber nicht bekannt, wann das Gebäude errichtet worden ist. "Ich habe nachgeforscht, Statiker und Architektin haben es getan - es gibt keinerlei Unterlagen." Das kellerlose Gebäude mit knapp 500 Quadratmeter Innenfläche und einem geräumigen Garten wurde als Werkstatt für Lehrlinge eingerichtet. Durch das saalgroße Wohnzimmer zieht sich das Überbleibsel eines Deckenkrans, mit dem schwere Materialien, die mit Sandstrahl oder anders behandelt wurden, zu den Maschinen transportiert wurden. Niedner hat die Reste der Krananlage an der Decke hängen lassen, schwere Ketten baumeln herab.

Werkstattgebäude im Park

Im heutigen Wohnzimmer standen wuchtige Maschinen, im Geschoss darüber gab es Unterrichtsräume und Toiletten. Jetzt läuft man auf noblem Parkett durchs ganze Haus. Es ist seltsam, dass in der exponierten Lage und nicht weit entfernt von vereinzelten Villen und dem beliebten Majakowskiring ein Werkstattgebäude ins Grüne gesetzt wurde. Aber zu DDR-Zeiten hat man das wohl nicht so empfunden. Dieser Teil von Pankow war ein Wohnviertel hochrangiger Politiker und Funktionäre, unter anderem haben Wilhelm Pieck, erster Staatspräsident der DDR, und Johannes R. Becher, Schriftsteller (in den 1920er-Jahren ein Repräsentant des Dadaismus) und erster Kulturminister der DDR, hier residiert. Im Bürgerpark steht eine Skulptur von Becher im breithosigen Outfit der 50er-Jahre.

Die Umbauarbeiten haben ein Jahr gedauert. "Die Fenster, Weichholz aus dem VEB, waren alle verfault und mussten komplett erneuert werden. Kein einziges ließ sich mehr schließen", erzählt Ulrich Niedner. "Das Haus hatte Stromanschluss wie für ein Kernkraftwerk, ein faustdickes Kupferkabel ragte aus dem Boden. Ohnehin waren alle meine Entwürfe durch die Elementstrukturen vorgegeben."

Treppenhaus mit Patina

Wer sich aber heute im Wohnzimmer mit der offenen Küche, deren Arbeitsplatte 500 Kilo schwer ist und die der Hausherr als Reminiszenz an die Vergangenheit aus Beton fertigen ließ, umschaut, findet es gemütlich. Einzig die abgetretenen Stufen im Treppenhaus haben noch ihre DDR-Patina, ebenso das Geländer. Kein Schickimicki-Ambiente, sondern raue Wirklichkeit.

Mit luxussanierten Häusern im Viertel wird dieses nie mithalten können, auch Investor-Begehrlichkeiten weckt das Areal nicht. Genau das gefällt dem Hausherrn. "Das ist eine ruhige Ecke für meine Familie und mich, wir haben viel Platz", schwärmt er. "Kuschelige Stuckatmosphäre hatten wir lange genug." Bewacht wird das Ganze von der großschnäuzigen Leopoldiner-Hündin Kleo, die allein schon durch ihre schiere Körpermasse etwaige Diebe in die Flucht schlagen würde.

Traurig war die Zeit vor dem Einzug, Niedners Ehefrau starb an Krebs. Plötzlich war er alleinerziehender Vater, und jedes der Kinder sollte ein schönes großes Zimmer haben. In der ersten Etage wurden drei geräumige Bäder eingerichtet. Allen gemeinsam gehört ein großes "Kinderspiel- und Hausaufgabenzimmer", in dem auch ein Schlagzeug steht.

Im Garten wurde ein riesiges Trampolin montiert und auf der Holzterrasse kann man in der warmen Jahreszeit sehr gemütlich sitzen. Manchmal schauen Spaziergänger im Bürgerpark neugierig in das Areal. "Die staunen genauso wie ich darüber, was man aus einer Industrieplatte machen kann", so Niedner. Es wird bald noch mehr zum Staunen geben. Der Bauantrag für ein aufgesetztes Stockwerk auf dem Flachdach wurde inzwischen genehmigt, im Frühjahr wird ein Riesenlaster aus Österreich anrollen. Er soll den Stahlträger bringen, der freistehend das Bogendach tragen wird. Eine futuristische Bedachung, wie Turnhallen und Kulturarenen sie haben. "Dort, wo sich Träger und Dach verbinden werden, wird es industriell aussehen", sagt der Bauherr. "Das muss sein, es passt zu diesem Bau." Das Blechdach wird selbsttragend sein, die Fassade ringsum verglast, eine Terrasse zum Park hin ausgerichtet. Das wird sicherlich ein Hingucker.

Ulrich Niedner wollte das weitere Stockwerk, weil mittlerweile eine Frau in sein Leben getreten ist, die ein Kind mitbringt. Seine neue Lebenslust macht ihn gleich wieder zum Gestalter. Für die Schauspielerin Bibiana Malay, die zurzeit am Berliner Kriminaltheater auf der Bühne steht, werden auf 160 Quadratmeter Grundfläche drei große Zimmer und ein Bad entstehen, in das vielleicht noch eine Sauna implantiert werden soll.

Ulrich Niedner ist voller Tatendrang. Er sitzt mit der Lebensgefährtin am sechs Meter langen Wohnzimmertisch, im Kamin lodert ein Feuer, und das Paar betrachtet die Entwürfe für die gemeinsame Zukunft. "Wir bauen da noch ein großes Wohnzimmer und zwei weitere Schlafzimmer", sind sich die beiden Bewohner einig.