Architektur

Ein Bauträger im Dienst von Kunst und Kultur

James Guerin saniert Häuser und bewahrt deren Seele. Am Koppenplatz in Mitte ist das unter anderem internationales Flair

Da haben sich zwei gesucht und gefunden. James Guerin sitzt in den Räumen der Fotogalerie und schaut sich um. Aktuell hängen Bilder einer iranischen Künstlerin aus. Neben ihm sitzt Pierre André Podbielski aus Mailand, Betreiber der kleinen Galerie in Berlin-Mitte. Während Guerin Bauingenieur ist, ist Podbielski Architekt. Es sind zwei eher handwerkliche und bodenständige Berufe, die die beiden Männer ausüben - und doch verbindet sie vor allem die Kunst. Mehr noch: Architektur und Kunst. Es ist in der Tat eine ungewöhnliche Kombination, die in diesem Haus am Koppenplatz in Berlin-Mitte zusammentrifft - und wo sich aus der Sicht von James Guerin und seines Freundes ein Kreis schließt.

Integration von Alt und Neu

Schließlich steht James Guerin auf und tritt flott durch einen schmalen Gang in den hinteren Teil der Galerie und dann durch eine Tür in den herrschaftlichen Hausflur. Sofort fühlt man sich in eine andere Zeit versetzt: Alle Türen zu den Wohnungen des Hauses mit zwölf Wohneinheiten sind noch original; Stuck, Schablonenmalerei an den Wänden und Fliesen auf dem Boden haben ebenfalls Jahrzehnte gesehen - und würden Geschichten erzählen, wenn sie könnten. Denn mit Berliner Geschichte hat dieses Haus am Koppenplatz viel zu tun. "Hier lebten zu allen Zeiten Menschen aus aller Welt", sagt Guerin, der das Haus 2010 saniert hat. Als eines der letzten unrenovierten Gebäude stand es im ehemaligen Sanierungsgebiet in Berlin-Mitte, bevor sich der Bauingenieur daran machte, seine Historie freizulegen. "Das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert wurde von uns nach neuesten Standards renoviert. Und ich denke, dass uns dabei die Integration von Alt und Neu gut gelungen ist: Hier verbindet sich der Komfort moderner, großzügiger Wohnungen mit liebevoll bewahrten historischen Details", sagt Guerin und betritt durch den Hausflur schließlich einen keinen Hinterhofgarten. Das gründerzeitliche Wohnhaus in einem denkmalgeschützten Ensemble von 1890 erhielt dabei moderne Eigentumswohnungen sowie eine Penthousewohnung im Dachgeschoss.

Wer das Haus verstehen will, muss auch James Guerin verstehen. Seine Geschichte ist ebenso ungewöhnlich wie seine Immobilie. Vor über 20 Jahren kam der gebürtige Ire in die deutsche Hauptstadt und blieb hängen in Prenzlauer Berg, dem bis heute angesagtesten Bezirk Berlins mit seiner spannenden Mischung aus verfallenen Häusern und millionenschweren Investitionsprojekten gleichermaßen vor einer spannenden Künstlerkulisse.

Eben jene Mischung hat es dem Bauingenieur bis heute angetan. Ende der 80er schloss Guerin sein Studium ab. Drei Jahre lang arbeitete er in London, später auf der ganzen Welt, und leitete weltweit Projekte. Doch 1994 folgte der Umzug nach Berlin - und hier ist er geblieben. "Ich war von Berlin sofort begeistert", sagt er. Kein Wunder: Mit der Wende entstand im ehemaligen Ost-Teil der Stadt ein Dorado für Bauingenieure - nach jahrelangen Rechtsstreits und Unklarheiten, wem welche Immobilie gehört, begann vor einigen Jahren der bis heute anhaltende Sanierungsboom.

Schließlich: Nirgendwo wurde und wird mit Immobilien so viel ausprobiert, wird dabei auch mit einem künstlerischen Ansatz versucht, alten Gebäuden neues Leben einzuhauchen, etwas, das genau zu James Guerin passt. Denn die Kunst ist Guerins Leidenschaft, er sammelt zum Beispiel urbane Kunst, sogenannte "Streetart". Andere Städte mögen schöner sein, aber Berlin sei spannender, sagte er. Berlin sei eher ein "Geisteszustand". Und eben dieser Geisteszustand findet sich auch in Guerins Immobilie am Koppenplatz wieder - durch das Betreiben der Galerie und das Freilegen der alten Geschichte: "Im Haus wohnen zum Beispiel heute wieder Menschen aus aller Welt", sagt er - zum Beispiel aus Israel, Chile oder Italien. "Mir ist es eine Herzensangelegenheit, Berlin das alte internationale Flair wiederzugeben."

Keine Fremdkörper erbauen

Bauingenieur war nur ein Teil seines Lebens. Seine Firma, die Natulis Group AG mit Sitz in Berlin-Mitte, hatte zum Beispiel alte Lagerhallen in Mitte gekauft und die Räume Künstlern überlassen - zur kostenlosen Zwischennutzung, bis das Gebäude Ende Oktober abgerissen wurde. Heute hat Guerins Firma zwölf Mitarbeiter. Er plant Projekte in Mitte, aber auch in Potsdam. Hochwertige und luxuriöse Eigentumswohnungen werden es in der Regel, um die 4000 Euro kostet der Quadratmeter. Ganz wichtig ist ihm dabei: Die Immobilien müssen in den jeweiligen Stadtteil passen. "Ich möchte keine Fremdkörper in die Straßen Berlins setzen." So konnte in die Immobilie am Koppenplatz letztlich wohl auch nur eine Galerie einziehen.

Beim Rundgang geht schließlich Galerist Pierre André Podbielski mit - und führt in eine kleine Einliegerwohnung in hinteren Teil des Gebäudes: Dort dominiert ein großes Gemälde des abstrakten irischen Künstlers Mark Francis. Wie könnte es anders sein: Sowohl Guerin als auch Podbielski sind Anhänger dieses zeitgenössischen Künstlers. "Kunst kann Räumen eine eigene Stimmung geben", sagt Guerin - nicht nur durch die Farben, sondern auch die Präsenz, die ein Gemälde ausstrahle, könne ein Raum einen ganz anderen Charakter erhalten.

Diese Ansätze finden sich auch in Guerins Geschäftsbüro im Hackeschen Quartier wieder. Dort hängt ein riesiges Foto, fast wie ein Souvenir: Darauf zu sehen ist die Bernauer Straße mit bunten Altbauten. Auf dem Gehweg davor liegt ein schwarzer Klotz mit Guerins Firmenlogo, um den weißen Schriftzug herum sind Graffiti und Tags gesprüht. So müsse das sein, findet der Bauträger. Er verkaufe schließlich "Understatement" von Mitte und Prenzlauer Berg an seine wohlhabenden und anspruchsvollen Kunden. "Urbane Individualisten" nennt er sie. Sie kommen verstärkt aus Südamerika und Asien, um die exklusiven Objekte zu erwerben.

Neue Spuren hinterlassen

Besonders stolz sei er neben der Restaurierung der Immobilie am Koppenplatz auch auf das Projekt "John Park" - insgesamt 89 Wohnungen will er dort errichten, davon 18 Penthousewohnungen, die abends im Sonnenuntergang von Dachterrassen aus einen fantastischen Blick über Berlin ermöglichen, direkt gelegen am Invalidenfriedhof und doch mittendrin im Stadttrubel. Seine Aufgabe sieht Guerin angesichts solcher Bauprojekte so: Er will es anders machen als andere Bauträger und nicht nur ans Geld denken. "Ich möchte der Stadt etwas von ihrer Geschichte zurückgeben und neue Spuren hinterlassen, die eines Tages wieder neu entdeckt werden können." Am Koppenplatz, so scheint es, ist ihm dies gelungen. Das Künstlerflair von früher jedenfalls ist bereits zurückgekehrt.