Interview mit Hans Erhorn

"Die Familie verhält sich vorbildlich effizient"

Fragen zur Halbzeit des Projektes - Wohnen im "Effizienzhaus Plus" in Charlottenburg

Oliver Klempert sprach mit Hans Erhorn vom Fraunhofer-Institut über die wissenschaftliche Begleitung und Ergebnisse des Projektes.

Berliner Morgenpost:

Welche Erkenntnisse hat das bisherige Energiemonitoring ergeben?

Hans Erhorn:

Das Konzept "Effizienzhaus-Plus" funktioniert grundsätzlich auch im Praxistest, allerdings können die vorherrschenden realen Randbedingungen zu deutlichen Unterschieden zwischen Vorherberechnung und Nachmessung führen. Dies ist aber ein grundsätzliches Phänomen bei hocheffizienten Häusern. Je niedriger der Bedarf ist, umso größer kann die prozentuale Abweichung zwischen Bedarf und Verbrauch werden. In einer Passivhaussiedlung in Stuttgart haben wir bis zu 700 Prozent Abweichungen zwischen den Verbräuchen der baugleichen 51 Gebäude gemessen.

Welche Synergieeffekte zwischen den Themen Gebäude und Verkehr bezüglich Nachhaltigkeit, Alltagstauglichkeit und Marktfähigkeit konnten Sie bisher feststellen?

Die E-Mobile haben einen großen Anteil ihrer Ladeenergie zu Zeiten aufgenommen, in denen die Fotovoltaikanlage Energieüberschüsse produzierte. Der Slogan "mein Haus - meine Tankstelle" konnte also in der Realität ganz gut umgesetzt werden.

Das "Effizienzhaus Plus" soll energieautark funktionieren und Energieüberschuss erwirtschaften. Konnte das bestätigt werden?

Das Haus hat in der Messperiode bis Ende Oktober 2012 einen Überschuss von circa 4000 kWh produziert, also mehr Energie erzeugt, als für den Hausbetrieb verbraucht. Der wesentliche Teil des Überschusses wurde für die E-Mobile verwendet.

Welche Schlüsse können Sie aus dem Alltagsverhalten der Familie für die weitere Forschung ziehen?

Die Familie verhält sich vorbildlich energieeffizient. Der Stromverbrauch für die Haushaltsprozesse liegt im Mittel unterhalb von 250 kWh im Monat. Das ist ein stolzes Ergebnis. So konnte der Beweis angetreten werden, dass sich der Verbrauch der Privathaushalte in Deutschland signifikant senken lässt, wenn man denn will.

Haben sich Probleme aufgetan, die im Vorfeld nicht erwartet wurden?

Dass der Sommer in der bisherigen Testperiode so trübe war wie lange nicht mehr, hat uns gegenüber der Prognose einen um circa 20 Prozent geringeren Stromertrag beschert. Zum Glück ist die Fotovoltaik-Anlage so großzügig ausgelegt worden, dass wir zu keinem Engpass kamen. Aber die Wirtschaftlichkeit ist schon deutlich gemindert worden.

Inwieweit sind die gewonnenen Erkenntnisse verallgemeinerbar? Gibt es Erkenntnisse, die in folgende Projekte einfließen werden?

Die Ergebnisse zeigen sehr schön, dass die Vorhersageberechnung ganz gut in der Praxis abgebildet werden konnte. Ferner konnte nachgewiesen werden, dass eine ausreichend dimensionierte Puffer-Batterie die Eigennutzung des selbst erzeugten Stroms nahezu verdoppeln konnte. Das sind gute Zeichen für einen netzfreundlichen Betrieb solcher Häuser. Die Messungen haben aber auch belegt, dass man erst durch ein Monitoringprogramm die Schwachstellen im Gebäudebetrieb aufzeigen kann. Daher sollte die Möglichkeit eines einfachen Betriebsüberwachungssystems bei energetisch so hochwertigen Häusern zum Standard werden. Es wäre zu schade um die Investitionen, die man getätigt hat, wenn der reale Gebäudebetrieb nur suboptimal läuft und die nutzbaren Potenziale nicht gehoben werden.