Architektur

Halbzeit für das Wohnexperiment im E-Plus-Haus

Eine vierköpfige Familie testet bereits seit sechs Monaten ein "Effizienzhaus Plus mit Elektromobilität" in Charlottenburg

So viel Aufmerksamkeit ist der Familie noch nie zuteil geworden. Über ein halbes Jahr wohnen sie nun schon im "Effizienzhaus Plus" des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Das Projekt in Charlottenburg kombiniert Energieeffizienz und Elektromobilität miteinander und soll beweisen, dass bereits heute eine komplette erneuerbare Energieversorgung in den zwei entscheidenden Lebensbereichen Wohnen und Verkehr möglich ist. Im Schnitt besuchen Journalisten einmal pro Woche das Haus. "Dass das Interesse so groß sein würde, haben wir nicht gedacht", sagt Bewohner Jörg Welke. "Das ist schon ziemlich anstrengend. Aber auch schön. Wir sind hier jetzt so ein bisschen zu Botschaftern der Energiewende geworden."

Das 136 Quadratmeter große Gebäude nahe der Technischen Universität soll dank optimaler Dämmung und Isolierung, modernster Energiemanagementtechnik und Fotovoltaik nicht nur energieneutral sein, sondern sogar selbst Energie produzieren. Diese kann sofort genutzt oder zunächst in der Hausbatterie für spätere Zwecke gespeichert werden. Mit der erzeugten Energie werden sowohl die Warmwasserbereitung, Heizung und elektrische Geräte als auch die Elektrofahrzeuge betrieben. Darüber hinaus entstehender Stromüberschuss wird ins öffentliche Netz eingespeist.

Gleich mehrere Forschungseinrichtungen sind an der Vermessung und Erforschung des Gebäudes und seines Energiemanagements beteiligt. Doch ob es auch die Anforderungen des Alltags erfüllt, erproben seit März dieses Jahres Jörg Welke (42), seine Frau Simone Wiechers (42) und die beiden Kinder Freyja (12) und Lenz (8). Für 15 Monate hat die Familie dafür ihre Altbau-Wohnung in Prenzlauer Berg aufgegeben, sich aber recht schnell im Effizienzhaus Plus eingelebt - schließlich leben sie auch sonst umweltfreundlich, achten auf den Stromverbrauch und fahren Fahrrad anstatt Auto. Auch die Kinder sind stolz darauf, an diesem Experiment teilzunehmen - ihre Freunde haben das Haus bereits gesehen und waren begeistert.

Programmierbare Jalousien

Und doch war und ist vieles neu, wie die Familie im vergangenen halben Jahr lernen musste. Die Steuerung der ausgefeilten Haustechnik erfolgt zum Beispiel über zwei Touchpanels im Haus sowie über Smartphones. Klassische Lichtschalter gibt es hingegen nicht. Das war etwas, an das sich die Familie zunächst einmal gewöhnen musste. So können zum Beispiel auch die Jalousien des Hauses mittels Smartphone heruntergelassen werden. "Wir brauchen daher auch keinen Wecker, sondern bestimmen einfach vorab, wann es im Haus hell werden soll. Dann wachen alle auf. Das ist sehr angenehm", sagt Jörg Welke. Doch: "Zum Teil ist das auch viel technische Spielerei, die im Alltag nicht unbedingt sein muss."

Allerdings hätte sich diese Technik bereits ausgezahlt - nämlich als die Familie nicht rechtzeitig von einer Reise zurück nach Hause kommen konnte: "Zum Glück wohnen wir ja in einem fernsteuerbaren Haus, das per Smartphone auch von fern geöffnet werden kann", berichtet der Familienvater. "Ein Freund opferte sich, fuhr mitten in der Nacht quer durch Berlin und konnte durch uns aus dem fernen Halle per Touch auf den Smartphone-Türöffner eingelassen werden." Da ja auf Lichtschalter verzichtet worden war, hätte er sich allerdings durch das dunkle Wohnzimmer tasten müssen. "Aber auch die Lampen sind fernsteuerbar. Es wurde Licht, und unser Freund konnte die Katze versorgen."

Hausgemachte Mobilität

Doch die Haustechnik kann noch mehr. So war Jörg Welke sehr schnell in der Lage, über die Panels einzugeben, wann er das zum Haus gehörende Elektro-Fahrzeug nutzen und welche Strecken er fahren möchte. Ein spezielles Regelungssystem ermittelt jeweils die optimale Ladestrategie für das Fahrzeug - per Strom oder induktiv, das heißt kontaktlos über ein elektromagnetisches Feld. Das Fahren mit dem Elektromobil war es denn auch, was Welke besonders fasziniert hat. "Sonst haben wir ja gar kein Auto. Das ist das erste Mal, dass wir so viel Auto gefahren sind." Das wundert nicht, gehört doch die Verquickung der Lebensbereiche Wohnen und Verkehr ebenfalls zur Testphase.

"Wenn man das erste Mal in einem schön leise surrenden Elektro-Auto gesessen hat, denkt man nach der Fahrt, man ist taub geworden", sagt Welke. "Außerdem bringt das Elektroauto noch ganz andere Vorteile mit sich. So muss man nicht an stinkende Tankstellen fahren, sondern kann das Auto zu Hause mit eigenem Strom auftanken." Simone Wiechers dagegen hat ihre Liebe zu den ebenfalls zum Haus gehörenden Elektro-Fahrrädern entdeckt: "Sie haben einen Akku, den man an den normalen Steckdosen aufladen muss. Wenn der Akku dann aufgeladen ist, geht das Rad ab wie eine Rakete."

Dass die Fahrt mit dem Elektromobil nicht nur ungetrübt ist, musste die Familie allerdings ebenfalls feststellen. So ist die Reichweite um einiges geringer als bei herkömmlichen Benzinern - circa 150 Kilometer je Ladung. "Die 210 Kilometer lange Fahrt mit dem Golf blue e-motion nach Tüschow im Mecklenburgischen musste zum Beispiel in drei Stücke geteilt werden", erklärt Welke. Und das Auffinden einer geeigneten Ladestation stellte sich mehrfach als schwieriges Unterfangen heraus. "Einmal wollten wir das Auto in Schkeuditz aufladen. Dort soll sich eigentlich eine Säule mit zwei Ladepunkten befinden. Was wir mit einer Restreichweite von 20 Kilometer kurz vor Mitternacht vorfanden, waren zwei verlassene Lagerhallen in einem einsamen Gewerbegebiet direkt an der Autobahn. Was fehlte, war eine Ladesäule", sagt Welke heute schmunzelnd.

Das Ziel ist Energiesparen

Nicht zuletzt: Ein selbstständig arbeitendes Energiemanagementsystem im Haus dient der Optimierung der Energieströme im Gesamtsystem, denn im Vordergrund steht stets das Erreichen einer positiven Energiebilanz. Durch überwiegenden Eigenverbrauch der selbst erzeugten Energie soll das System dafür sorgen, dass möglichst wenig Strom aus dem Netz nachgefragt werden muss. Noch dazu ist das System in der Lage, anhand von Wetterprognosen die von der Fotovoltaik-Anlage erzeugte Energie und den Wärmebedarf des Gebäudes vorherzusagen. Außerdem soll das System so dazu beitragen, Verbrauchs- und Einspeisespitzen zu vermeiden und die Stromeinspeisung ins öffentliche Netz vorzugsweise in Hochtarif-Zeiten durchführen, um den finanziellen Ertrag zu erhöhen.

All das und noch mehr hat Familie Welke/Wiechers in den vergangenen Monaten gelernt - und auch wenn der Auszug aus dem Paradies erst im Mai zur Debatte steht, so kann die Familie doch bereits heute ein positives Zwischenfazit ziehen. "Allerdings glaube ich nicht, dass es allein die Haustechnik ist, die die Energieeinsparung ermöglicht", sagt Welke. Moderne Dämmung, eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach und Elektromobile - das alles sei gut und schön, und dennoch sei es vor allem die Änderung des Verhaltens, die letztlich entscheidend sei.

So habe das Effizienzhaus Plus auch seine Tücken: "Man muss nämlich aufpassen, dass man dadurch nicht anfängt, mehr Energie zu verbrauchen", sagt Welke. Das Ziel müsse hingegen weiterhin sein, Energie zu sparen. "Und wenn mehr produziert als verbraucht wird, sollte man die Energie ins Netz einspeisen und sich bezahlen lassen können. So bleibt der Anreiz, Energie zu sparen und nicht zu verschwenden." In jedem Falle, so stehe bereits heute fest, werden sie aus diesem Wohnexperiment aber allerhand neue Erfahrungen mit zurück in ihr normales Leben nehmen.