Innendesign

Ungeahnte Möglichkeiten im Plattenbau

Als eine der Ersten hat Rahel Morgen einen Trend erkannt: Leben in der "Platte". In Mitte gestaltete sie sich ihren kleinen Wohntraum

Rahel Morgen liebt ihre "Platte". "Früher dachte ich, ich könnte nur in einer Altbauwohnung leben, mit abgezogenen Dielen, langem Flur und großen Fenstern. Eine Wohnung in einem Plattenbau wäre für mich damals nicht infrage gekommen", sagt die gebürtige Schweizerin. Doch sie hat ihre Meinung geändert.

"2005 war ich auf Wohnungssuche und wollte wie immer in eine klassische Altbauwohnung ziehen, habe aber keine gefunden", sagt sie. Über Freunde, die bereits in einer Plattenbauwohnung lebten, sei sie dann auf die "Platte" gekommen. Ich bin zu meiner Wohnungsbaugesellschaft gegangen und habe sofort eine für mich passende Wohnung bekommen", erinnert sie sich. Seit sieben Jahren lebt sie nun schon in ihrer "Platte" und sagt heute: "Ich will hier nie wieder raus!" Gründe gibt es viele. "Die Lage ist einfach perfekt. Ich lebe mitten in Mitte", sagt sie froh.

Wartelisten für die Platte

Das sei eines der entscheidenden Kriterien gewesen. "Hier ist seit Jahren mein Umfeld. Hier möchte ich sein", betont die Herausgeberin eines Magazins und fügt ein weiteres "unschlagbares" Kriterium für ihre "Platte" an: "Ich habe noch einen alten Mietvertrag und zahle für meine 58 Quadratmeter große Wohnung warm etwas über 400 Euro und das in Berlin-Mitte!" Da die Wohnung von Rahel Morgen sowohl rechts, als auch links, oben und unten von weiteren Wohnungen umgeben ist, fallen die Heizkosten entsprechend niedrig aus.

Sie freut sich, schon vor Jahren den Trend erkannt zu haben und hier eingezogen zu sein. "Damals war es noch nicht hip, in der ,Platte' zu leben. Heute gibt es in der Wohnungsbaugesellschaft sogar eine Warteliste für Interessenten, die in einer Platte leben wollen", sagt sie und ergänzt: "Heute wäre meine Miete bestimmt fast doppelt so hoch."

Rahel Morgen hat ihre drei Zimmer mit Küche, Bad und einer kleinen Loggia im Wohnzimmer individuell eingerichtet. "Auch das ist ein großer Vorteil der Plattenbauten. Die Wohnungen lassen sich toll gestalten. Sie sind quadratisch, praktisch, gut. Es gibt keine verschachtelten Räume und keine langen unnützen Flure", sagt die Mieterin begeistert. Eine Plattenbauwohnung sei "wie eine weiße Leinwand, die man sich nach seinen Vorstellungen gestalten kann". Bei einem Altbau sei es umgekehrt. "Der Altbau gibt einem vor, wie man es einrichten muss", betont sie.

Künstler entwarfen Tapeten

In ihrer Wohnung hat Rahel Morgen die PVC-Böden entfernt und Laminat verlegt. Auch die Raufasertapeten hat sie abgezogen und einige der Wände im ursprünglichen Betonlook belassen. "Im Wohnzimmer wollte ich eigentlich alle Wände freilegen, habe es mir dann aber anders überlegt, weil eine Wand mit obszönen Zeichnungen beschmiert war. Da scheinen sich die hier vormals tätigen Bauarbeiter verewigt zu haben", sagt sie schmunzelnd. "Ich mag Beton. Durch die Löcher und die organische Struktur sieht man, dass das Material lebt", begründet sie ihre Entscheidung, der Wohnung das Ursprüngliche zurückzugeben.

Heute ist die beschmierte Wand tapeziert, und es sind gut sechs Meter lange Regale angebracht. Ein großer weißer, selbst gezimmerter, Tisch steht in der Mitte des gut 28 Quadratmeter großen Raumes. An dem Tisch spielt sich das Leben ab. Es ist zugleich Arbeitstisch, Esstisch und Ablage.

Bei der Farbgebung hat sich Rahel Morgen für Schwarz und Weiß entschieden und ihre Räume entsprechend dekoriert. Im Schlafzimmer, das lediglich zehn Quadratmeter groß ist, stehen ein weißes Bett und zwei weiße Kommoden. Eine Wand ist komplett schwarz gestrichen, der Rest ist weiß verputzt. Gleiches gilt für das Bad. Hier hat die Bewohnerin kleine schwarze Fliesen angebracht.

Auch in der Küche sind Schwarz und Weiß die dominanten Farben. Sie werden lediglich durch eine von ihrem Freund selbst gestaltete Tapete mit grüner Schrift durchbrochen. "Mein Freund ist Designer, er hat die Tapete passgenau auf die Küchenwand gestaltet. Das war in einer Kooperation mit meiner Wohnungsbaugesellschaft. Diese hatte Künstler und Designer aufgefordert, eine für die 2,61 Quadratmeter großen Küchenwände passende Tapete zu entwerfen", erklärt Rahel Morgen und posiert mit ihrem Hund Finn in der offenen Tür der Küche für ein Foto.

Imagewechsel ist angesagt

Wir viele ihrer Freunde, die ebenfalls in seit Jahren in einer "Platte" wohnen, hat Rahel Morgen viel Zeit und Geld in die Gestaltung der Wohnung gesteckt und möchte bald erneut zum Farbpinsel greifen. "Das Schwarz-Weiß ist schön aber ich habe mich daran sattgesehen", sagt sie. "Das Haus wird demnächst grundsaniert. Wir bekommen eine neue Fassade, neue Leitungen und Fenster. Wenn die Sanierung durch ist, werde ich meine Wohnung ebenfalls neu einrichten und renovieren", erklärt Rahel Morgen und beeilt sich anzufügen: "Dieses Mal aber bunt!"

Das sei von der zuständigen Wohnungsbaugesellschaft auch so gewollt. "Da hat sich einiges getan. Die Wohnungsbaugesellschaft hat den Trend der Platte mittlerweile erkannt und sieht den Mehrwert einer durch die Mieter liebevoll gestalteten Wohnung", erklärt die zufriedene Mieterin. So helfe ihre Genossenschaft den Mietern mit speziellen Materialplanern für Böden und Wände. "Man kann schon beim Einzug aus einer Farb- und Materialpalette wählen. Die Infos gibt es auf einer eigenen Website im Internet", sagt Rahel Morgen.

Die Bewohnerin ist sichtlich zufrieden mit ihrer Wohnung in der "Platte". Nur das noch etwas unangenehme Image in der Gesellschaft mag sie nicht nachvollziehen.

"Hier muss sich noch mehr ändern. Die Platte hat bei einigen nach wie vor ein Schmuddel-Image. Für viele ist der Plattenbau anonym und eher etwas für unterprivilegierte Schichten. Aus der Ecke muss die Platte raus", wünscht sich die Bewohnerin und erklärt: "Ich kenne meine Nachbarn gut und habe zu allen ein gutes Verhältnis. Das war in meiner Altbauwohnung früher anders. Da ging es eher anonym zu."

Nach Ansicht von Rahel Morgen sei die "Platte" als Wohnung ideal für alle Schichten und alle Altersstufen, für Familien wie Singles. "In unserem Haus leben Familien und Singles, ältere und junge Mieter. Gerade für die jungen Kreativen ist die Platte absolut ideal. Die können sich nirgends so austoben, wie hier", betont sie.