Interview

"'Papageiensiedlung' wird Taut nicht gerecht"

Helge Pitz lebte einst selbst in der Waldsiedlung - und unterscheidet klar zwischen bunt und farbig

Mit dem Architekten und Denkmalexperten Helge Pitz sprach die Autorin Sally Meukow über die Rettung der Onkel-Tom-Siedlung.

Berliner Morgenpost:

Was verbindet Sie mit Tauts Siedlung?

Helge Pitz:

Von 1968 bis 1983 habe ich selbst in der Waldsiedlung in Zehlendorf gewohnt. Damals war Generationswechsel angesagt. Die Alten sind weg, und die Jungen sind gekommen. Ihre Einstellungen gegenüber den typischen tautschen Gestaltungselementen waren ganz andere. Die Alten hatten einfach wenig investiert in die Reihenhäuser, und da haben die Nachgezogenen viel neu gemacht. Sie haben Fassaden anders gestrichen und zum Beispiel die Fenster ausgetauscht. Damit haben sie das Gesicht der Siedlung komplett entstellt.

Für Sie als Architekt und Denkmalpfleger ein Albtraum. Wie haben Sie reagiert?

Ich habe für den Schutz der Siedlung gekämpft, indem ich zum Beispiel im Bauabschnitt Salvisberg im Auftrag der Denkmalpflege Flugblätter verteilt habe. Damit die neuen Bewohner überhaupt wussten, wie die Originalfarbe ihrer Fassaden waren. Unser Ziel war es, das Farbkonzept beizubehalten, und durch unser Engagement haben wir schließlich erreicht, dass die Siedlung 1995 unter Schutz gestellt wurde.

Gab es damals auch Gegenwind?

Ja, das gehört dazu. Viele haben die Original-Fenster trotzdem rausgerissen. Durch die neuen Alufenster ist aber schnell die Brühe die Wände heruntergelaufen, und dann haben sie mich angerufen und wollten vom Denkmalschutzamt die Original-Fenster zurück. Heute kann jeder beim Denkmalschutzamt nachfragen, wie das Gesicht des eigenen Reihenhauses früher aussah.

Also könnten alle Häuser wieder aussehen wie im boomenden Berlin der 20er-Jahre.

Ja! Die Onkel-Tom-Siedlung ist die Krönung Tauts Schaffens in Berlin. Die Siedlung war mit ihren Farben und Dächern revolutionär. Noch heute ist sie Vorbild, und das Farbkonzept wird von Architekten übernommen.

Apropos Farbkonzept. Das Quartier wird im Volksmund Papageiensiedlung genannt. Ärgert Sie das?

Ja, diesen Ausdruck mag ich gar nicht, denn er wird dem großen Architekten Taut nicht gerecht. Er hat deutlich zwischen bunt und farbig unterschieden. Die Farbe hat er als Gestaltungselement angesehen, genauso wie das Flachdach oder die Fassade. Auch die Anordnung der Häuser in Reihe ist äußert raffiniert.

Mehrere Berliner Siedlungen der Weimarer Republik wurden im Jahr 2009 auf die Weltkulturerbeliste der Unesco aufgenommen. Warum nicht die Onkel-Tom-Siedlung?

Leider ist die Waldsiedlung nicht zum Unesco-Welterbe erklärt worden. Das finde ich sehr schade. In den Begründungen hieß es, dass es bei den Onkel-Tom-Häusern das Problem gibt, dass durch zahlreiche individuelle Veränderungen kein einheitliches Erscheinungsbild mehr da ist.

Die Siedlung sollte für Arbeiter gebaut werden. Wer bewohnt heute die Wohlfühl-Siedlung?

Der Leitsatz für die Siedlung war damals: Raus aus der Stadt, an die frische Luft und unter die Sonne! Das war gut gedacht, aber es hat leider nicht funktioniert. Für mittlere Angestellte und Arbeiter waren die Häuser noch zu teuer. Schon damals zogen vermehrt Intellektuelle ein - besonders in die größeren Eckhäuser.