Stadtplanung

Mehr Wettbewerb in der Architektur

Die heutige Baukultur gefällt nicht jedem. Kritiker fordern, dass Auslobungen geändert werden

- Architekturwettbewerbe haben in der Baugeschichte eine lange Tradition. Man denke an die berühmte Kuppel des Florentiner Doms, den Berliner Reichstag oder den Genfer Völkerbundpalast. Sie alle sind Ergebnisse von Wettbewerben. Die Idee, die dahintersteckt, ist denkbar einfach: Eine Vielzahl von Architekten buhlt mit unterschiedlichen Entwürfen um die Gunst einer Jury, die aus Architekten (Fachpreisrichter) und Vertretern der Bauherren und Politik (Sachpreisrichter) besteht. Die Preisrichter wählen die vermeintlich besten Entwürfe aus. Neben gestalterischen spielen dabei auch funktionale und wirtschaftliche Kriterien eine Rolle. Das soll die Architekten zu Spitzenleistungen animieren und so die zeitgenössische Baukultur voranbringen.

Doch was Baukultur fördern soll, muss noch lange nicht jedem gefallen. Viele Menschen können mit den ausgezeichneten und in den Feuilletons und Bauzeitschriften häufig gefeierten Entwürfen der Architekturwettbewerbe nur wenig anfangen. Ihnen ist die prämierte Baukunst zu gleichförmig, zu maßstabslos, zu nüchtern, zu wenig an das bauliche Umfeld angepasst und oftmals schlichtweg zu hässlich. Sie ärgern sich über die immer gleiche Bauästhetik, in der sich zu wenig regionale Baugeschichte spiegelt und für Formen der klassischen Architektursprache kein Platz mehr ist.

Primär wirtschaftliche Interessen

Der Architekt und Städtebau-Professor Christoph Mäckler kann das durchaus nachvollziehen. Er lehnt die "selbstbezogene Design- und Eventarchitektur" vieler Stars der Szene ab. Für ihn ist das sensible Einfügen neuer Architektur in ein historisch gewachsenes Stadtbild keine hohle Phrase, sondern Verpflichtung. Nur dann entstehen laut Mäckler harmonische Ensembles, in denen Häuser aufeinander Bezug nehmen. Wichtig sei deshalb, "dass die Auslober von Wettbewerben ihre Vorgaben nicht auf Funktion und Wirtschaftlichkeit der Gebäude beschränken".

Auch gestalterische Kriterien, "die etwas über das Verhältnis von Wandflächen zu Fenstern aussagen, den Aufbau der Fassade beschreiben oder die Farb- und Materialwahl zumindest einschränken, sollten sich in einem Auslobungstext so exakt wie möglich wiederfinden", fährt Mäckler fort. Der Frankfurter Architekt plädiert für Gestaltungssatzungen, die dereinst in jeder deutschen Stadt gang und gäbe waren und sich hinsichtlich harmonischer Stadtbilder über einen langen Zeitraum bewährt haben. Um künftig mehr architektonische Vielfalt auch abseits der "Bauhaus-Ästhetik" über Wettbewerbe abzubilden, wünscht sich Christoph Mäckler Jurys, in die auch Architekten berufen werden, die eine zeitlose und klassischere Auffassung von Architektur teilen. "Es kann nicht sein, dass ein Entwurf abgelehnt wird, weil er statt Flach- ein Spitzdach vorsieht, was für viele Preisrichter per se ein rotes Tuch ist", berichtet Mäckler aus eigener Erfahrung.

Von ganz ähnlichen Begebenheiten weiß auch der Berliner Architekt Peter Eingartner zu berichten. Er sagt, "dass die Bauherren und Juroren sich häufig außergewöhnliche und originelle Lösungen wünschen. Das Gute und Naheliegende, ein Haus, in dem sich Menschen wohlfühlen und das sich sorgsam ins vorhandene Stadtbild einfügt, wäre jedoch zu einfach." Dadurch entstünde eine pseudointellektuelle Architektur, die nach ein paar Jahren niemand mehr sehen könne.

Michael Braum, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, bemängelt, dass sich Preisgerichte zu oft auf wirtschaftliche und zunehmend energetische Aspekte eines Gebäudes fokussieren. "Die Gestaltung, das Bemühen um das Bauen im Kontext gerät immer mehr in den Hintergrund", sagt Braum. Das liege auch daran, dass die Bauherrenvertreter in den Jurys privater Wettbewerbe häufig Vertreter von Investoren seien, die primär wirtschaftliche Interessen verfolgten, sich aber für die Bauästhetik und den städtebaulichen Zusammenhang eines Gebäudes kaum interessierten.

Braum wünscht sich, dass die Jurys grundsätzlich interdisziplinär zusammengesetzt werden: "Neben Architekten, Städtebauern und Landschaftsarchitekten sollten dort auch zukünftige Nutzer sitzen, die sich für eine Architektur einsetzen, mit der sie sich auch identifizieren können."

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum in den Augen vieler Kritiker die Wettbewerbsergebnisse derart einseitig ausfallen. Vor allem kleinen und jungen Büros wird der Zugang zu vielen Architekturwettbewerben verwehrt. Wer an einem gängigen Architekturwettbewerb teilnehmen möchte, muss nachweisen, dass er schon einmal eine derartige Bauaufgabe (Schule, Bibliothek oder Museum) bewältigt hat, eine bestimmte Anzahl von Mitarbeitern hat und einen Mindestumsatz vorweisen kann. "Von den mehr als 100.000 Architekten in Deutschland werden so weit mehr als die Hälfte ausgeschlossen", sagt Michael Braum. Viel Potenzial bleibt auf der Strecke, nur wenige große Büros dominieren die deutschen Wettbewerbe.

Stadtplanung setzt auf Sicherheit

"Dabei kann es sich durchaus lohnen, neue Architektenbüros einzuladen", sagt der Berliner Architekt Walter Nägeli. Gerade die seien hoch motiviert. Nägeli und viele seiner Kollegen fordern, die Zugangskriterien zu lockern. Doch viele Kritiker trauen den Stadtplanungsämtern keinen Richtungswechsel zu. Dort fühle man sich bei größeren Bauprojekten mit etablierten Büros sicherer als mit jungen und unerfahrenen Architekten. Ob unter diesen Voraussetzungen Architekturwettbewerbe einziges Mittel bleiben sollten, Baukultur zu fördern, ist fragwürdig. Schaut man sich die Wettbewerbsstatistiken an, stellt man sehr schnell fest, dass solche Wettbewerbe in der Bauwirtschaft immer noch eine Rarität sind. In Berlin fanden in den letzten zwei Jahren lediglich 51 solcher Konkurrenzen statt.

Auffällig ist, dass die privaten Bauherren viel seltener entsprechende Wettbewerbe ausloben als deren öffentliche Pendants. "Das liegt zum einen daran, dass die Privaten im Gegensatz zu öffentlichen Bauherren meist nicht dazu verpflichtet sind, zum anderen an der Angst, dafür zu viel Geld und Zeit zu investieren", sagt Barbara Ettinger-Brinckmann, Präsidentin der Landesarchitektenkammer Hessen. Dabei kann ein Architektur-Wettstreit für private Bauherren durchaus Vorteile haben. "Im besten Fall spart der Investor damit sogar Geld. Denn mit einem Wettbewerb kann man Architekturaufgaben preislich miteinander vergleichen", sagt Ettinger-Brinckmann.

In der Hamburger HafenCity sind mit wenigen Ausnahmen alle Bauherren dazu verpflichtet, einen Architekturwettbewerb auszuloben. "Mithilfe der sogenannten Anhandgabe stellt die Stadt damit sicher, dass der Bauherr das Grundstück erst erwerben kann, wenn er einen entsprechenden Contest durchgeführt hat und die Baugenehmigung erteilt ist", sagt Jürgen Bruns-Berentelg, Vorsitzender der HafenCity Hamburg GmbH. Mit den Ergebnissen ist der Hamburger sehr zufrieden. "Wir konnten die Qualität der Bauprojekte mithilfe der Architekturwettbewerbe auf ein sehr hohes Niveau heben", sagt er. Er ist sicher, dass dabei etwas Gutes herauskommen wird. Ob die Hamburger Bürger das ähnlich sehen werden, darf zumindest bei einigen Entwürfen bezweifelt werden.