e-Wohnen

Willkommen in der Wohnung der Zukunft

Ein Team aus Visionären machte eine ehemalige Textilfabrik in Prenzlauer Berg zum Energieeffizienhaus mit Computer-Steuerung

An die Textilfabrik aus der Vergangenheit erinnert von außen nichts mehr. Im Inneren befinden sich die Wohnungen der Zukunft. Nur einige Wände aus Backstein stammen noch aus der Gründerzeit. Das erste e-Wohnhaus Deutschlands ist an 32 Parteien vermietet, der Gründer des e-Wohnen-Konzepts, Dirk Fabarius, der Architekt Siegfried Hertfelder und ein Team aus Visionären verwandelten den 1910 errichteten Bau im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg innerhalb von vier Jahren in ein Energieeffizienzhaus 55: Jeder Mieter spart 45 Prozent Energiekosten im Jahr - verglichen mit einem durchschnittlichen Neubau. Doch was diese Wohnungen ganz besonders machen, ist, was der Gründer den "e-Wohnstandard" getauft hat: Intelligentes Wohnen passt sich an die technischen Bedürfnisse der Bewohner an.

Das Haus der Zukunft stammt nicht aus dem Skizzenblock eines Science-Fiction-Autors. Kein Roboter, der dem Besucher aus dem Mantel hilft. Keine Computerstimme, die einen begrüßt und kein Kühlschrank, der selbstständig die leere Milch online nachbestellt. Noch vor wenigen Jahren galten solche übertechnisierten Computer und internetfähige Kühlschränke als zukunftsweisend. Im Alltag kamen diese Ideen nicht an.

Im fünfgeschossigen Haus an der Mendelssohnstraße gehört die komplette Haustechnik, die sich dezent im Erdgeschoss versteckt, zum Alltag der Bewohner. Dort steuert ein Server die einzelnen Hauskomponenten: Rauchmelder, Lichtschalter und Fußbodenheizungen laufen am technischen Knotenpunkt zusammen. Ein Server als Herzstück eines Hauses. Doch in den barrierearmen Wohnungen (40 bis 95 Quadratmeter) macht sich die Technik eher rar.

Zukunftsweisendes Konzept

Das Mehrfamilienhaus soll Beispiel für nachhaltiges, energieeffizientes und zukünftiges Wohnen sein. Jede Wohnung ist mit Technologie ausgestattet, die unkompliziert nachgerüstet werden kann, sobald der Mieter das wünscht. "Dieses Wohnprojekt soll schließlich kein Musterhaus sein - keine Überfrachtung an technischen Möglichkeiten wie im Supermarkt", sagt Birgit Wilkes. Die Professorin für Telematik an der Technischen Hochschule Wildau hat mit ihren Studenten an der innovativen Sanierung mitgearbeitet. "Das e-Wohnhaus in Prenzlauer Berg ist eine reale Wohnumgebung, eine gut sortierte Grundausstattung vergleichbar mit einer Käsetheke, an der sich der Kunde aussucht, was er gerne hätte", sagt Wilkes.

Thomas Noack ist einer von 32 Mietern im ersten e-Wohnhaus Deutschlands. "Ich bin hier eingezogen, weil mich das zukunftweisende Konzept überzeugt, dass es zum Beispiel schon einen Ladeplatz für ein Elektroauto gibt", sagt Noack. Zwar habe weder er noch einer der anderen Mieter ein Elektroauto, aber es sei zumindest alles schon auf Zukunft ausgelegt. Außerdem sei es ihm besonders wichtig, dass er in seiner Wohnung überall TV, Internet und Telefon anschließen kann. Dieses kleine Plus an Komfort mache den Unterschied. "In meiner Wohnung ist endlich Schluss mit dem Kabelsalat - die multifunktionale Technik liegt unter Putz. Ich kann problemlos umräumen und die Steckdosen einfach umprogrammieren", sagt der Geschäftsführer eines Start-up-Unternehmens. Oben in Noacks Wohnung im zweiten Stock befinden sich neben den normalen Schaltern im Sicherungskasten auch jene für die Belegung der Multifunktionssteckdosen. Diese zukunftsfähige Verkabelung lässt sich auch ganz einfach über ein iPad oder Smartphone bedienen.

Wohnung, die selbst lüftet

"Und wenn ich mal alt und gebrechlich bin, kann ich die Bodenmatten so programmieren, dass sie selbstständig Hilfe rufen, wenn ich hingefallen bin", sagt Noack. In Zeiten des demografischen Wandels eine wichtige Eigenschaft.

Für den 27-Jährigen aber zählen erst mal andere Kleinigkeiten: Besucher könne er eher mit dem offenen Raumkonzept und den Lichtskulpturen beeindrucken. An den vier Meter hohen Decken spenden farblich variierende LED-Lampen indirektes Licht. Unter der Decke versteckt sich die Lüftung, die vollautomatisch für frischen Wind sorgt. Alle zwei Stunden sind Küche, Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer komplett durchgelüftet, verspricht der Vermieter.

Für die 99,3 Quadratmeter große Wohnung bezahlt Noack 1495 Euro warm (13,30 Euro pro Quadratmeter kalt). Zum Vergleich: Laut Mietspiegel kostet eine Wohnung in der Gegend maximal sieben bis acht Euro (Neuvermietungen mehr). Noack findet seine Wohnung nicht besonders teuer, zumindest in dieser zentralen Lage: Zum Alexanderplatz seien es nur 500 Meter. Ihn habe aber auch das Design überzeugt, als er im Juni letzten Jahres das komplett entkernte Fabrikgebäude der Gründerzeit besuchte. Und natürlich die Wohntechnologie. "Die individuell veränderbaren Details machen den e-Wohnstandard aus", sagt Projekt-Begründer Dirk Fabarius. Der ehemalige Medienmanager bei ProSieben begab sich 2001 auf Wohnungssuche in Berlin. Doch nichts von dem, was er fand, habe seine Ansprüche erfüllt. So habe er angefangen, sich Gedanken zu machen: Warum sind trotz einer Vervielfachung der technischen Hilfsmittel im Haushalt noch immer nicht genügend Steckdosen an den Wänden vorhanden? Warum befolgen die meisten Investoren und Bauherren bei Modernisierungen immer nur Mindeststandards?

Von der Vision zum Projekt

Fabarius wollte daran etwas ändern. Er machte sich auf die Suche nach Architekten, die ähnlich dachten und bereit waren, mit ihm an einer neuen Baukultur zu arbeiten. Er fand Partner aus den Bereichen Architektur, Forschung und Bauindustrie. Fabarius sagt: "Ich habe offene Türen eingerannt. Jeder suchte den neuen Wohnstandard und wünschte sich ihn in Mietwohnungen." So wie Noack. "Gerade im Vergleich mit meiner vorherigen Wohnung in Weißensee ist die Heizung überzeugend." In seiner Wohnung der Zukunft ist unter dem Echtholzparkett eine Fußbodenheizung verlegt. "Störende Heizkörper gibt es nicht, und trotzdem habe ich es mollig warm und kann sogar die Wärme abstufen zwischen der offenen Küche und meinem Wohnbereich", sagt Noack. Das zeige, was heute schon möglich ist. Zwei Stockwerke unter Noacks Wohnung können Besucher testen, wie Wohnen in zehn Jahren aussehen wird. Im Erdgeschoss des Mehrfamilienhauses heißt die Ausstellungsfläche "Vision e-wohnen 2022." E-Wohnen-Gründer Fabarius hat übrigens schon Pläne für sein nächstes Projekt. "Das könnte ein energieautarkes Haus werden. Eines, das sich selbst versorgt und sogar überschüssige Energie ins Stromnetz einspeist." In welcher Stadt das neue Haus der Zukunft gebaut oder saniert werden soll, stehe allerdings noch in den Sternen.

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