Interview

"Uns erwartet in Berlin noch viel Spannendes"

Sergei Tchoban, Architekt des Hamburger Hofes, über städtebauliche Möglichkeiten in der Stadt

Mit Sergei Tchoban sprach der Autor Oliver Klempert über Baulücken als Experimentierfeld und Berlins bauliches Potenzial.

Berliner Morgenpost:

Können Sie die städtebauliche Bedeutung kleinerer Bauten oder Gebäude-Ensembles wie des "Hamburger Hofs" für Berlin erläutern?

Sergei Tchoban:

Viele unterschiedliche städtebauliche Situationen machen Berlin gerade interessant. Das Zusammenspiel von Gebäuden aus verschiedenen Zeitperioden erzeugt unglaubliche architektonische Spannung. Baulücken neben wertvoller historischer Substanz können mit kontrastreichen Neubauten gefüllt werden, wobei diese, um Spannung zu erzeugen, gar nicht groß sein müssen. Zurzeit realisiere ich auf dem Gelände von Pfefferberg ein kleines Museumsgebäude, nicht mal 600 Quadratmeter groß, neben den historischen Putz- und Mauerwerksbauten. Die skulpturale Form des Neubaus formuliert die traditionelle Gliederung einer Berliner Parzelle auf neue Art und Weise aus, ergänzt die Straßenbebauung durch einen neuen Akzent.

Wie kann die Komposition verschiedener Baumaterialien einem Gebäude einen besonderen Charakter geben? Welche Materialien harmonieren sehr gut, was passt nicht gut zusammen?

Ich mag das Zusammenspiel von samtigen, besonders haptisch wirkenden Materialien wie Putz auf massiver Wand, Mauerwerk, geschliffene Steinfassade und großformatige Glaselemente, Edelstahloberflächen. Die Kontraste zwischen gleichermaßen wertvollen, aber unterschiedlich wirkenden Oberflächen. Ich mag wiederum nicht immer, wenn ein Material mit seiner Oberfläche das andere vortäuscht, wie zum Beispiel eine hoch polierte, wie Glas wirkende Steinoberfläche.

Welche Fehler gilt es bei der Kombination alter und neuer Materialien zu vermeiden?

Man darf, aus meiner Sicht, die alte Substanz durch den Einsatz von neuen Materialien nicht erschlagen. Ein Kontrast ist gut, solange sowohl der Altbau wie der angrenzende Neubau davon gestalterisch profitieren. Wenn der Neubau nur eine abgespeckte, quasi minimalistische Version der prachtvollen historischen Substanz darstellt oder wiederum durch Einsatz nur hochglänzender Oberflächen den substanziellen Anteil verliert, entsteht keine städtebauliche Kontinuität, in der sowohl Alt- wie Neubau gleichermaßen harmonisch wirken.

Inwieweit eignet sich Berlin durch seine vielen Baulücken als Experimentierfeld? Würden Sie sagen, dass gegenwärtig eine spannende Zeit für ungewöhnliche Immobilienobjekte ist?

Heute erleben wir eine sehr spannende Zeit. Einerseits haben wir aus eigenen Fehlern mittlerweile gelernt, andererseits ist in Berlin die große Anzahl von den wertvollen, mit Anstand alternden Neubauten entstanden. Es wird dennoch sehr viel gebaut. Berlin ist sehr populär. Und zwar international als Wohn- und Hotelstandort, es entstehen aber auch in der letzten Zeit viele neue Bürozentralen. Es ist wirklich Zeit für Experimente, spannende Bauten mit Einsatz von hochmodernen energetischen Aspekten, Wohn- und Büroformen sowie Materialien.

Wo sehen Sie in Berlin noch großes Potenzial und Entwicklungsmöglichkeiten - speziell im innerstädtischen Bereich?

Heute entsteht nördlich vom Hauptbahnhof ein neues Stadtquartier mit viel Wohnen und Büros. Wo in einer europäischen Hauptstadt gibt es vergleichbare Möglichkeiten für die städtebauliche Entwicklung? Das ganze Areal westlich und östlich der O2-Arena formiert sich neu. Aber auch mitten in der Innenstadt warten noch viele Baulücken auf Entwicklung, wie zum Beispiel das Areal des "Tacheles". Uns erwartet noch viel Spannendes.

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