Architektur

Eine Hochburg der Künste - mit Wohncharakter

Das Ensemble "Hamburger Hof" in Mitte ist seit 200 Jahren ein Ort für Kulturschaffende. Ein Investor hat daran nun angeknüpft

Ralf Drechsler steht auf der kleinen Dachterrasse und blickt über den Innenhof des schmucken Gebäudeensembles. Er genießt die frische Herbstluft und gönnt sich eine kurze Auszeit. Drechsler wohnt und arbeitet in einem ungewöhnlichen Gebäudeensemble mitten im Herzen der Stadt. Dann muss Drechsler wieder zurück an sein Grafiktablet. Im "Hamburger Hof" im Berliner Bezirk Mitte wird eben handfeste Kunst gemacht - das zeigt Drechslers Firma. Im sogenannten "Post Processing" fügt sein Unternehmen zum Beispiel Werbe- und Videoclips Effekte hinzu, Musikvideos von Madonna oder Britney Spears hatte Drechsler schon unter seinen Knöpfen. Der Raum, in dem er sitzt, ist weitläufig, befindet sich direkt unter dem Dach eines Seitenflügels des "Hamburger Hofes". Zur anderen Seite blickt man auf eine parkähnliche Fläche, ruhig und wie von der Innenstadt abgeschnitten.

Doch Ralf Drechsler arbeitet hier eben nicht nur, er wohnt hier auch. "Ich habe lange nach einem passenden Objekt gesucht, und als ich dieses hier fand, wusste ich sofort, dass es das Richtige ist", sagt er. Er hat einen Großteil des Gebäudeensembles angemietet, darunter zwei Wohnungen, in einer lebt er selbst. 50 Quadratmeter ist sie groß, mit Ausblick auf einen Park.

Der "Hamburger Hof" ist ein Gebäudeensemble der besonderem Art - mit besonderem Wohncharakter und besonderer Arbeitsatmosphäre. Obwohl mitten in der Großstadt gelegen, fühlt man sich ein wenig wie auf dem Dorf - jeder kennt jeden und alle ihren Vermieter. Dies ist Shaul Shani, ein Israeli mit einnehmendem Wesen. 1985 war er aus Israel nach Berlin gekommen, arbeitete ursprünglich als Tänzer und Choreograf, stieg dann aber in Berlin ins Immobilien-Geschäft ein. Inzwischen hat Shani manches Bauprojekt erfolgreich verwirklicht. Er führt in einem Rundgang durch das Gebäudeensemble.

"Ich wollte ein Projekt umsetzen, in dem ich Künstlern die Chance gebe, sich selbst zu verwirklichen", erklärt er. So sitzt im Seitenflügel des "Hamburger Hofs" neben den Wohnungen eben auch ein Studio für visuelle Effekte in Fernseh- und Kinoproduktionen, es gibt ein voll ausgerüstetes Tonstudio, und demnächst soll sogar eine Galerie einziehen. "Ich hätte mich natürlich auch für Rechtsanwälte entscheiden können, wollte dies aber nicht. Auch hätte ich alles einzeln verkaufen können, wollte aber lieber das gesamte Ensemble behalten", sagt Shani. Insgesamt drei Millionen hat er sich Umbau und Renovierung kosten lassen - und anschließend lieber Mieter aus der Kunst- und Kulturszene gesucht.

Bestand blieb fast erhalten

In das sanierte Gebäudeensemble "Hamburger Hof" ist neues Leben eingezogen - es knüpft an eine lange Tradition an. Denn dort hat sich in der Tat ein gewachsenes und ständig neu überlagertes Zusammenspiel von Wohn- und Gewerbebauten der letzten 200 Jahre gebildet. Vier Wohnungen gibt es in dem Gebäudeensemble, darunter zwei Ferienwohnungen für Berlin-Besucher. "Mir schwebte schon, als ich das Gebäude im Jahr 2006 kaufte, ein Nutzungsmix aus Handwerk, Kunstgewerbe, Kulturbetrieb und Wohnungen vor", sagt Shani. In enger Abstimmung mit den Denkmalschutzbehörden von Bezirk und Senat wurde ein Umbau- und Erweiterungskonzept entwickelt, bei dem lediglich zwei kleine, barackenartige Gebäudeteile aus den 60er-Jahren entfernt wurden, der restliche Gebäudebestand hingegen erhalten blieb.

Sensibel hinzugefügt wurden großzügig verglaste Dachgeschosse, die zum Teil die Struktur der im Krieg zerstörten, geneigten Dächer wieder aufnehmen. Der einzige komplette Neubau des Ensembles ist eine fünfgeschossige Brandwandbebauung, die zum rückwärtigen Park hin im obersten Geschoss weit auskragt und sich im gebührenden Abstand um die Ecke des Nachbarhauses über eine backsteinerne alte Kaffeerösterei schiebt. Beeindruckende Ausblicke über die umgebenden Gründerzeithäuser ergeben sich aus den oberen Geschossen der Gebäude, während der historische Innenhof durch die Neubauten mit ihrer modernen Material- und Formensprache neu gefasst wird und gleichzeitig seinen Charakter als halböffentlicher Raum bewahrt.

Auffälliger Substanzen-Mix

Eigentümer Shani führt weiter durch sein Lieblingsobjekt. Hinzu stößt Architekt Sergei Tchoban, der den "Hamburger Hof" neu gestaltet hat. "Wir haben hier einen ganz außergewöhnlichen Mix aus historischer Bausubstanz, Putzoberflächen, Mauerwerk sowie Metall-Glas-Fassaden", sagt Tchoban. Je nach Tageszeit entstünde im Hof eine unterschiedliche Stimmung, da die Materialien dann das Licht auch unterschiedlich reflektierten und verschiedenste Schattenspiele erzeugten. "Es sind oft kleine Häuser, die eine große stadtgeschichtliche Bedeutung haben", sagt Tchoban weiter - und der "Hamburger Hof" sei so eines. Besonders schön finde er vom Hof aus gesehen zum Beispiel den Blick auf eine nahe gelegene Schule, deren Turmspitze über dem Hoftor zu erkennen ist. "Das hat fast schon Postkartenidylle", sagt Tchoban - und dies in unmittelbarer Nähe zur Oranienburger Straße, mitten im lauten Berlin. Durch die offene Struktur des Hofes werde das Stadtleben hineingeholt, ohne von ihm erschlagen zu werden.

Shani führt schließlich in ein Café, das zum "Hamburger Hof" gehört. Dort taucht der Schauspieler Oliver Korittke auf. Shani lässt auch diesen prominenten Mieter frei von der Leber weg erzählen - darüber, warum er den "Hamburger Hof" als künftiges Domizil für ein Museum ausgewählt hat. Schließlich ist Korittke nicht nur Schauspieler, sondern auch leidenschaftlicher Anhänger einer sogenannten "urbanen Kultur". "Ich habe im Lauf meines Lebens viele Sachen gesammelt, die zu dieser Kultur gehören, und anstatt sie immer nur bei mir zu Hause zu haben, möchte ich sie gern in einem Museum zeigen. Dazu gehören zum Beispiel Spielzeug und Turnschuhe", sagt Korittke. Berlin sei dafür genau der richtige Ort. Ob sich das Museum aber sofort trägt, ist für den Eigentümer des "Hamburger Hofs", Shaul Shani, eher nebensächlich. "Der Hamburger Hof ist für mich ein Stückchen Liebhaberei", sagt er stattdessen.

Ganz besonderes Wohnflair

Und kreativ geht es auch auf der anderen Seite des Hofes zu - in einem Tonstudio. Dort ist zwar alles auf Technik ausgerichtet, es wirkt recht nüchtern. Einen Raum aber haben die Studioinhaber besonders bunt und kreativ eingerichtet - die Dekoration erinnert fast ein wenig an die 80er-Jahre, die wohl für die meisten Mieter des "Hamburger Hofes" prägend waren. So wird ein ganz besonderes Wohnflair eingefangen.

Der Rundgang neigt sich langsam dem Ende zu. Verschiedene architektonische Ansätze, verschiedene Nutzungsmöglichkeiten und verschiedene kreative Tätigkeiten - Shani hat versucht, dies alles im "Hamburger Hof" an einem Ort zu bündeln. "Ich möchte mit dem ,Hamburger Hof' der Gesellschaft etwas zurückgeben", sagt er schließlich, und er klingt dabei nicht so, als sei das für ihn nur eine Floskel. Allerdings wohnt er selbst nicht im "Hamburger Hof" - ihn hat es mittlerweile in den beschaulichen Grunewald gezogen.