Kunst

Stars and Stripes in einem alten Schlecker-Markt

In Zehlendorf richtete sich die Künstlerin Freddy Reitz ein stilvolles Atelier ein - mit Ausstellungsraum und Wohnbereich

"Hausfrauenkunst" hat eine berühmte Kollegin böse gesagt, als sie auf einer Benefizauktion von Freddy Reitz ausgestochen wurde. Beziehungsweise von einem der großformatigen Pop-Art-Bilder, die es unter anderem Bill Clinton, Tommy Hilfiger und Sharon Stone angetan haben; Bilder, auf denen die US-Flagge dominiert, auf denen Ketchupflaschen und Campbell's-Dosen knallige Hingucker sind.

Den Namen der Kollegin lassen wir an dieser Stelle lieber weg, Neid passt sowieso nicht zu der fröhlichen Atmosphäre, die in dem neuen Atelier herrscht, das sich Freddy Reitz in Zehlendorf eingerichtet hat.

Der Umzug war nötig, weil ihr die Fabrikhalle an der Goertzallee nach elf Jahren gekündigt worden war. Dass es selbst in Berlin schwierig ist, ein bezahlbares Atelier zu finden, davon wissen bildende Künstler ein Klagelied zu singen. Auf 40 Mails habe sie damals, im Spätsommer 2011, gerade mal zwei Antworten bekommen, sagt Freddy Reitz. Bei dem einen Angebot habe es sich um eine 30 Quadratmeter große "Schrottbude" gehandelt, bei dem anderen um eine Halle für horrende 4000 Euro monatlich. Indiskutabel.

Not macht erfinderisch, und weil es ihr an innenarchitektonischer Fantasie nicht mangelt, hat Freddy Reitz das Potenzial des ehemaligen Schlecker-Ladens in Zehlendorf gleich gesehen. Nichts erinnert mehr an die freudlos-billige 08/15-Atmosphäre, die die Schlecker-Läden ausgezeichnet hat. Elegant, ja, geradezu edel präsentieren sich die 385 Quadratmeter, die Freddy Reitz in einen Ausstellungsraum, einen Arbeitstrakt und einen kleinen Wohnbereich aufgeteilt hat. Alle Kuben sind strahlend weiß gestrichen, von den Decken bis zu den alten Fliesenböden, die Freddy Reitz mit schnell trocknendem Lack auf Wasserbasis gerollt hat und die bei Bedarf problemlos ausgebessert werden können.

Weiß sind, mit Ausnahme des schwarzen Konferenztisches, auch die Möbel, damit die Wirkung der Bilder und Objekte nicht gestört wird. Freddy Reitz selbst nennt das, was sie macht "Correspondent Art". Auf Vorgänger wie Jasper Johns oder Andy Warhol wird sie nicht gerne angesprochen, wohl wissend, dass ihre Bilder ohne diese Ikonen der Pop-Art, die ihre Motive der Alltagskultur und der Werbung entnahmen, undenkbar wären. "Man denkt das ja nur wegen der blöden Ketchupflasche", sagt die 47-Jährige lässig, und weist darauf hin, dass ihre Bilder "aus dem Jetzt erzählen - politisch, soziologisch und kulturell".

Und tatsächlich stehen die collagierten Bilder zwar unübersehbar in der Factory-Tradition, aber die Texte machen die auf den ersten Blick plakativen Inhalte durchaus subversiv. Man muss schon genau hinsehen, um auf der farblich zerbröselnden Trikolore das klein gedruckte "Liberté n'existe pas" zu entdecken oder das Fahndungsblatt mit den RAF-Leuten unter dem Schriftzug "Where were you when I got shot down".

Wohnen im "Hampton Style"

Wer sich diese Mühe nicht macht, wird die Bilder nur für dekorativ halten. Und für sehr amerikanisch. Tatsächlich ist eine Ausstellung von Freddy Reitz abgesagt worden, nachdem die Amerikaner in den Irak einmarschiert waren. Die Galerie fand die vielen Stars and Stripes damals offenbar nicht opportun.

Sie finden sich nahezu überall. Für Freddy Reitz, die ihre frühen Jahre in Dallas verbracht hat, weil die Eltern vorübergehend nach Texas ausgewandert waren, sind sie das ultimative Symbol der Freiheit. Erst recht in Berlin, wo sie seit Mitte der 90er-Jahre lebt und arbeitet. Die Anerkennung, die ihr mittlerweile auch in den USA zuteil wird - 2010 wurde sie mit dem American Arts Award ausgezeichnet -, betrachtet Freddy Reitz als eine Art Ritterschlag.

Der "Hampton Style", in dem sie sich mit ihrem Mann und den beiden Töchtern in Dahlem eingerichtet hat, findet sich auch im Zehlendorfer Atelier wieder. Hinten, in dem kleinen Wohnbereich, einer Art Schlafküche mit Bad en suite und Gästeklo. Auch da ist alles weiß, für Farbakzente sorgen eine alte amerikanische Flagge auf dem Bett, eine Collage aus der "New York"-Serie, bunte Kaffeebecher und das berühmte Matisse-Zitat auf dem Lehnstuhl: "Never be a prisoner of reputation". Was so viel heißt wie: Bleib bloß auf dem Teppich. Wer einmal auf Long Island war oder Filme wie Nancy Meyers romantische Komödie "Was das Herz begehrt" gesehen hat, weiß, was der Hampton Style ist: etwas, das licht und schlicht wirkt, aber erfahrungsgemäß nicht ganz billig ist.

Regenwalddusche im Bad

Andererseits aber nicht teuer sein muss, wie Freddy Reitz mit ihrem Atelier beweist. Die Möbel stammen fast alle von Ikea, ein gewisses Tuning bewirkt, dass sie nicht unbedingt so aussehen. Vor allem dicke Rollen unter Regalen und Schränken verleihen einen teuren Touch. Auch sonst sind es kleine Kniffe, die dem Wohnbereich den ländlichen Ostküstencharme verpassen: die Bettwäsche, die Lamellen-Paravents und die Fensterrahmen im Shabby-Chic, die Freddy Reitz irgendwo aufgetrieben und verspiegelt hat und die dem Raum nun zusätzliche Tiefe verleihen. Dazu extra tiefe Fensterbretter und eine Regenwalddusche, die das Bad flutet. Wie ein Schießhund sei sie in der Umbauzeit hinter den Handwerkern her gewesen, sagt Freddy Reitz, es habe zwei Monate gedauert, aus dem Laden dieses innenarchitektonische Gesamtkunstwerk zu machen.

Gern mal ein Hotel designen

Im Januar ist sie eingezogen. Gemessen an den Unzulänglichkeiten des alten Ateliers - "Es gab nicht mal fließendes Wasser, wenn ich einen Pinsel auswaschen wollte, musste ich rausgehen!" - ist das neue Atelier eine luxuriöse Angelegenheit. Sogar schön warm ist es dort. Den Wohnraum hat sich Freddy Reitz eingerichtet, damit sie in Stresszeiten, zum Beispiel wenn Ausstellungsvorbereitungen in den letzten Zügen liegen, über Nacht im Atelier bleiben kann. Ein weiteres Plus: Die siebenjährige Tochter Madison kommt jetzt öfter zum Malen vorbei.

Früher, sagt Freddy Reitz, habe sie davon geträumt, ein kleines Hotel zu besitzen. Heute würde sie gerne eines designen. Beweisen, dass etwas funktional und dabei klassisch schön sein kann. Jenseits des ästhetischen Mittelmaßes, das die Hotellerie beherrsche. "Das", sagt sie "würde ich sehr gerne einmal machen." Interessenten sollten sich ihr Atelier ansehen - manches überzeugt durch Anschauung.