Architektur

Wo Briefe sortiert wurden, geht jetzt die Post ab

Der Umbau des Reichspostverteilzentrums in Berlin-Mitte ist Teil einer Revitalisierung des vergessenen Viertels zum begehrten Kiez

Planerin Jana Korbel betritt die kleine Musterwohnung. Die ist gerade einmal 57 Quadratmeter groß und bietet dennoch alles, was man zum Leben braucht - ein Schlafzimmer samt Bett, eine Einbauküche, einen großen Esstisch und ein Ecksofa. Einziges Manko: Tageslicht fällt zumindest in dieser Wohnung nur von einer Seite hinein. Stellwände verhindern, dass Küche und Bad direkte Sonne abbekommen. Das aber ist beim Bau kein böser Wille des Architekten gewesen, sondern es liegt vielmehr in der Natur des Hauses.

Denn die Wohnung befindet sich im Erdgeschoss des früheren Reichspostverteilzentrums in Berlin-Mitte. Wo heute Wohnungen entstehen und bis Dezember größtenteils fertig gestellt sein sollen, waren früher zum Beispiel Pferdetränken oder Schreibstuben - ein klassischer Industriebau, bei dem sich im Erdgeschoss Wirtschaftsraum an Wirtschaftsraum reihte. Mehr als zwei Jahrzehnte lag das Gelände brach. Nun entstehen in unmittelbarer Nähe zu Charité, Bundesnachrichtendienst und geplanter Europacity in der Nähe des Hauptbahnhofes insgesamt 118 Wohnungen und zwei Gewerbeeinheiten mit einer Gesamtmietfläche von circa 12.100 Quadratmetern.

Alter Charme blieb erhalten

Im Inneren des Gebäudeensembles wird ein weitläufiger Hofgarten angelegt, der direkt an den Pankepark grenzt. Etwa 28 Millionen Euro investiert die Berliner Sanus AG in die ehemalige Industrieruine und trägt so zur Revitalisierung des stark an Bedeutung gewinnenden Viertels bei. Jana Korbel verlässt die Wohnung wieder und steuert die nächste Mustereinheit an - diese ist größer und beweist, dass man mit etwas Geschick auch in einer sehr alten Bausubstanz eine ganz moderne Behausung einrichten kann - eine Wand aus Glasbausteinen unterteilt den Wohnraum einerseits in verschiedene Segmente, nimmt aber das einfallende Licht von draußen auf. Eine Tageslichtsimulation erhellt das hintere Ende des Raumes - einen wohnungstypischen Grundriss hat aber auch diese Einheit nicht.

Mehr oder weniger gehen alle Räume ineinander über. Mehr noch: In wenigen Monaten, wenn die Bauarbeiter abgezogen und der Innenhof fertiggestellt ist, wird die Wohnung durch einen angrenzenden Vorgarten ins Freie verlängert. So soll neues Leben in das alte Gebäude einziehen - wieder einmal und wieder auf eine komplett neue Weise.

"Man spürt, dass das Gebäude früher einer anderen Nutzung unterzogen war. Daraus ergibt sich eine spannende Aufgabe, ein Wohnkonzept zu entwickeln, welches den alten Charme der Gemäuer erhält", sagt Korbel während des Rundganges. Das zeigt sich zum Beispiel in einer dritten Musterwohnung, in der der alte Aufzugschacht des ehemaligen Postverteilzentrums mitten durch die Wohnung verläuft, natürlich durch Wände ordentlich verkleidet, sodass man ihn als solchen nicht wahrnimmt.

Im Jahr 1880 als Posthalterei erbaut, blickt das Gebäudeensemble auf eine bewegte Geschichte zurück - und die Jahrzehnte des Arbeitens und Wirtschaftens sollen ganz bewusst als Reminiszenzen zurückbleiben. Früher wurden einige Seitenflügel zum Beispiel als Pferdestall und Wagenhalle genutzt und bestanden aus zwei Geschossen, die über außen angebrachte Rampen miteinander verbunden waren. Noch zu Beginn der aktuellen Bauarbeiten fanden die Bausachverständigen Überreste der Pferdetränken an den Häuserwänden.

Stete Entwicklung seit 2009

In den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist die Posthalterei aufgestockt und vergrößert worden und fungierte fortan als Reichspostverteilzentrum. Nach dem Krieg befanden sich in den Räumen unter anderem ein Krankenhaus und ein Industriebetrieb, bis das Gebäude zuletzt als Schulungsstätte diente. Ende der 1980er-Jahre fiel das gesamte Gelände dann für zwei Jahrzehnte in einen Dornröschenschlaf und war dem Verfall ausgeliefert. Das Leben spielte sich über die vergangenen Jahre eher im nördlichen Teil des Bezirks Mitte sowie in Prenzlauer Berg ab - jenseits der Chaussee-Straße war weniger los, was sich nun aber mittlerweile wieder zu ändern scheint. So wie Berlin insgesamt an den verschiedensten Ecken deutlich immer mehr an Attraktivität gewinnt.

Im Jahr 2006 erwarb die Sanus AG die Anlage an der Scharnhorststraße und entwickelt diese seit Anfang 2009 stetig. Dabei verschmelzen historische Bausubstanz sowie moderner Neubau zu einer geschlossenen Einheit. Ein zwischen den beiden gegenüberliegenden Gebäudeteilen befindliches Brückenhaus wird wiedererrichtet und beherbergt zwei Wintergärten. Die beiden Seitenflügel werden sorgfältig restauriert, das Vorderhaus wird als Neubau in das Gebäudeensemble integriert.

Alt und Neu harmonieren

"Dieser Gegensatz spiegelt sich auch in der Gestaltung wider. Während die Fassade zur Straße in den Gestaltungselementen das Thema Post aufgreift, entsteht im Inneren des Quartiers durch die Gartenanlage, warme Erdtöne sowie Kunstmalerei eine beinahe mediterrane Atmosphäre", sagt Marc Wiese, Vorstand der Sanus AG.

Eine der Eigentumswohnungen ist bereits im Besitz von Matthias Gärtner, der vor Kurzem beruflich bedingt von Australien nach Deutschland zurückgekehrt ist und in dem alten Postverteilzentrum eine 170 Quadratmeter große Fünf-Zimmer-Wohnung erworben hat. "Berlin ist dem Lebensgefühl von Sydney am nächsten. Hier in Berlin-Mitte ist man mitten im Stadtgewühl und hat dennoch Ruhe", sagt der 45-Jährige.

Zu seiner Wohnung im vierten Stock zählen neben den Zimmern auch eine Loggia, von der aus Gärtner einen weiten Blick über den Innenhof, das Geschehen tief unter ihm und den angrenzenden Pankepark hat. "Genau so stelle ich mir wohngemeinschaftliches Wohnen vor", sagt der Familienvater.

Im Dezember möchte er mit seiner Lebensgefährtin und seinen zwei Kindern in die Wohnung einziehen. An dem Gesamtkonzept der Wohnanlage habe ihn im Besonderen die Architektur überzeugt. Schließlich greifen hier Alt und Neu ganz harmonisch ineinander - so treffen original erhaltene Kappendecken auf modernes Wohndesign.

Jeder Käufer hat zudem die Möglichkeit, seine Wohnung individuell gestalten zu lassen - so hat auch Gärtner bei seiner Wohnung mitbestimmt, wo Innenwände gestellt wurden und wo nicht. "Mir war zum Beispiel unter anderem ein direkter Übergang vom Elternschlafzimmer ins Badezimmer wichtig", sagt der Eigentümer.

Hauseigenes Fitnessstudio

Ansonsten übernimmt die Sanus AG unter dem Motto "modernes Wohnen und Leben als Gesamtkonzept" die Gestaltung der Wohnungen - von der individuellen Raumaufteilung bis hin zur kompletten Möblierung und Lichtgestaltung der Einheiten, falls die Käufer ein solches Gesamt-Paket wünschen.

"Die verschiedenen Wohnungstypen in unserem Angebot eignen sich für Singles, Paare und Familien zur Eigennutzung oder zur Kapitalanlage und verfügen über eine Wohnfläche von 57 bis hin zu 212 Quadratmetern in den Penthäusern. Jede der Wohnungen verfügt über Balkone beziehungsweise Terrassen, sowie einen Stellplatz in der Tiefgarage", sagt Wiese.

Zusätzlich stehen den Bewohnern ein Concierge-Service sowie ein Fitnessstudio zur Verfügung - den Eigenheimbesitzern soll mit ihren neuen Wohnungen so insgesamt ein "Rundum-sorglos-Paket" geboten werden.