Gastkolumne

Wo man singt - und musiziert

Friedrich von Schiller sagte: "Es schwinden jedes Kummer Falten, so lang des Liedes Zauber walten." Ist das nicht poetisch?

In Mehrfamilienhäusern ist mit der Poesie aber schnell Schluss, wenn es ums Musizieren geht. Die "Lieder" bringen oft keinen Zauber, sondern eher Kummerfalten. Zum Beispiel wenn der Sohn des Nachbarn leidlich talentiert Geige lernt. Oder Schlagzeug!

So ist es nicht verwunderlich, dass es zum Musizieren Eigentumswohnungen eine breite Palette an Gerichtsurteilen gibt. Nach § 13 des Wohneigentumsrechts kann jeder mit seinem Sondereigentum nach Belieben verfahren - sofern das Gesetz oder die Rechte Dritter hierbei nicht verletzt werden. Bereits hieraus lässt sich ableiten, dass ein pauschales Musizierverbot unwirksam ist. Musizieren und Singen wird als übliche Verhaltensweise angesehen.

Das heißt aber nicht, dass Beethovens Mondscheinsonate live um Mitternacht akzeptiert werden muss. Führt das Musizieren zu erheblicher Beeinträchtigung Dritter, haben diese sehr wohl einen Anspruch auf Unterlassung. Der kann auch durch den Verband der Wohnungseigentümer geltend gemacht werden. Maßgeblich bei der Beurteilung, ob eine erhebliche Beeinträchtigung vorliegt, sind neben gesetzlichen Ruhezeiten die Lautstärke und Dauer des Musizierens sowie die Art des Instrumentes.

Da das subjektive Empfinden einer Störung jedoch sehr unterschiedlich ist, sollten Regelungen vereinbart werden - entweder mittels Hausordnung oder durch Absprachen der Bewohner untereinander. Reden hilft: Vielleicht fühlt sich der Nachbar zu einigen Zeiten weniger gestört, als der Musiker denken würde - und dafür lässt dieser zu unpassenden Zeiten sein Hobby einfach sein. Die Hausordnung kennt keine Lebensangewohnheiten einzelner Bewohner. Immerhin hängt die Qualität des Zusammenlebens innerhalb einer Gemeinschaft maßgeblich von der Toleranz und Rücksichtnahme aller ab. Landen Nachbarn vor Gericht, führt das nicht zum Wohlbefinden in den eigenen vier Wänden. Übrigens sagte Johann Gottfried Seume, ein Zeitgenosse Friedrich Schillers: "Wo man singt, da lass dich ruhig nieder."

René Berott ist WEG-Experte und Teamleiter bei der Strabag RPS (ehemals BWG)

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