Architektur

Außen Historie - innen Moderne

Ein Fachwerkhaus in Köpenick-Hirschgarten wurde grundsaniert. Es hat schon viel erlebt

Wie ein Hexenhäuschen im Märchenwald steht der Fachwerkbau von Familie Schmitz/Gutsche mitten im Köpenicker Stadtteil Hirschgarten. Umrahmt von Bäumen wirkt es auf den ersten Blick heimelig und verträumt. Bekommt man aber Eintritt in das Heim der Familie, so findet man sich in einem Haus mit topmoderner Ausstattung wieder. "Das ist genau, was wir wollten - von außen Fachwerk, von innen modern", sagt Peter Schmitz, der den Ausdruck Hexenhaus nicht mag und eher von einem englischen Landhaus spricht.

Die Familie hat ihre Hälfte des Doppelhauses unter Vermittlung ihrer Nachbarn 2008 gekauft und mithilfe des Architekten Peter Garkisch und etlicher Gewerke in anderthalb Jahren aufwendig restauriert und renoviert. "Wir haben unserem Architekten dabei völlig vertraut, konnten wir uns als Laien auch vieles auf dem Papier nicht so vorstellen, wie es angedacht war und letztlich verwirklicht wurde", erklärt Susanne Gutsche und ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

"Ein Großteil des Gebäudes wurde zurückgebaut", erläutert der Architekt. Wie auch im Wohn- und Essbereich. Hier wurden aus vier kleinen, dunklen Räumen zwei helle Zimmer, die ineinander übergehen.

Von außen sind die ursprünglichen, nach außen öffnenden und kleinteiligen Fenster im Erdgeschoss erhalten geblieben. Das Mauerwerk wurde neu verfugt. "Um das Haus aber adäquat zu dämmen und dabei die alten Fenster zu belassen, wurde von innen mit Dämmung und Lehmputz gearbeitet. Eine weitere isolierverglaste Fensterfront kam innen hinzu. So haben wir eine Dreifachverglasung, aber außen den Charakter des Gebäudes erhalten", sagt Peter Garkisch.

Wandflächenheizung wärmt

Für angenehme Wärme sorgt im Herbst und Winter eine Wandflächenheizung, die bei der Sanierung auf allen drei Stockwerken eingebaut wurde. Betrieben wird diese mittels einer Wärmepumpe. Das ökologische Heizen des neu gedämmten Hauses zahlt sich aus. "Zum einen verbrauchen wir nicht viel, und zum anderen haben wir einen ökologischen Energieversorger mit günstigem Wärmepumpen-Tarif im Angebot", erklärt Peter Schmitz. "Es ist angenehm, keine Heizkörper in den Zimmern zu haben. Durch Lehmputz und Innendämmung geht die Wärme in die Wände über."

Seine Frau pflichtet ihm bei: "Auch an diesem Punkt haben wir uns auf den Architekten verlassen und sind darüber froh. Man muss Geld in die Hand nehmen und ein altes Haus von Anfang an wie einen Neubau komplett sanieren. Das war auch im Rückblick genau richtig. "

Eine weitere Idee des Architekten war der offene Eingangs- und Treppenbereich. "Auch hier haben wir die Träger freigelegt, eine Glaswand eingebaut und das alte Holz der Treppenstufen restauriert", sagt Peter Garkisch.

Ähnlich sieht es in den beiden Kinderzimmern und dem Schlafzimmer der Eltern in dem 180 Quadratmeter großen Haus aus. "In den Kinderzimmern haben wir die Trennwand durch Milchglas ersetzt und das Fachwerk freigestellt. So erhalten beide Zimmer mehr Licht und werden größer", sagt der Fachmann. Gleiches gilt für das Schlafzimmer im obersten Stock. Auch dort wurde das Fachwerk freigestellt und in den Raum integriert. Darüber hinaus wurde im Schlafzimmer ein Teil des Dachbodens für einen sperrigen Kleiderschrank höher gelegt.

"Die ,Notlösung' finden wir gut, denn sie sieht aus, als sei sie von Anfang an gewollt", sagt Peter Schmitz und bemerkt, dass bei der Freilegung des Fachwerks im Schlafzimmer, eine Besonderheit gefunden wurde. "Im Balken des Fachwerks befindet sich ein großes Loch - ein Durchschuss aus dem Zweiten Weltkrieg. Wahrscheinlich ein Splitter", sagt der Gewerkschaftsjurist, der wie seine Frau ein Faible für Geschichte hat."Wir möchten zwar nicht im Museum leben, aber den Durchschuss haben wir gelassen. Man hat uns versichert, dass die Statik nicht darunter leidet", sagt er und fährt fort mit der geschichtlichen Einordnung des Gebäudes, die er in diversen Archiven recherchiert hat.

Spannende Chronik

"Das Haus wurde 1914 von zwei befreundeten Beamten, einem Postsekretär und einem Oberpostsekretär, in Auftrag gegeben. Es war von Anfang an ein Doppelhaus, hatte aber mehrere Durchgänge. Im Laufe der Zeit haben sich die Familien zerstritten, und die Durchgänge wurden zugemacht. Mittlerweile sind es zwei eigenständige Häuser in einem Gebäude. " Die Chronik ihres Hauses lässt die Familie nicht los. "Es ist spannend, zu erfahren, was hier früher mal los war. Immer wieder kommen Nachbarn, oder Spaziergänger vorbei und erzählen uns neue Geschichten über unser Haus", stellt Peter Schmitz fasziniert fest.

"Erst kürzlich tauchte eine Frau bei uns auf, die uns ein Bild von unserem Haus gebracht hat. Ihr Vater hätte es 1949 gezeichnet. Das ist wirklich spannend", sagt seine Frau und ergänzt schmunzelnd: Auch bei der Gartenpflege bekämmen sie Tipps. "Sichtschutzpalisaden paasen schlicht nicht. Das Haus gehört zum Hirschgarten. Es ist bekannt und hat schon einiges erlebt, und manchmal haben wir das Gefühl, es lebt weiter", erklärt Peter Schmitz. Seine Frau wird deutlicher: "Bei Hitze und Kälte arbeitet das Material. Es knackt hier und da, und wenn Güterzüge durch Köpenick fahren, schwankt das oberste Stockwerk", sagt sie und man sieht ihr an, wie gern sie in ihrem neuen - alten - Haus lebt.