Architektur

Die Wageners wohnen in ihrer Traumfabrik

Wie aus einer 280 Quadratmeter großen Gewerbeimmobilie in Prenzlauer Berg eine XXL-Wohlfühl-Wohnung wurde

Wo früher Druckerpressen über Papierbögen walzten, knistert heute Badeschaum in einer frei stehenden Wanne. "Bei geöffneter Fensterfront ist das wie Baden mitten in der Natur", sagt Axel Wagener. Aus der Luxuswanne mit umlaufendem Wassergraben für rund 15.000 Euro blickt er direkt in den grünen Garten des schönen Hinterhauses in Prenzlauer Berg. Der 53- Jährige und seine Frau Andrea haben dafür aus zwei Fenstern eine sechsflügelige Fensterfront gemacht. Doch das ist nur ein Detail der aufwendigen Sanierung ihrer Parterre-Wohnung im Fabrikgebäude, das schon 1892 erbaut wurde. Der Handwerker und Ingenieur Wagener und die 47-Jährige haben die 150 Quadratmeter große Gewerbeimmobilie und 130 Quadratmeter Kellerfläche 2007 gekauft und in ein Loft umgebaut. Im oberen Wohnbereich gibt es keine Tür - außer die nach draußen und die raffinierte Schiebevariante zum WC. Flur, Wohn- Schlaf-, Koch-, Ess- und Badebereich gehen harmonisch ineinander über. "Wir haben aus mehreren Räumen einen gemacht, das schafft Großzügigkeit", sagt Wagener, der 1999 mit einem Partner die Firma BerlinConnection gegründet hat und Bauvorhaben aller Art anbietet - mit Schwerpunkt "tolle Bäder".

Sein Beruf ist auch sein Hobby. Gleich im Eingangsbereich begrüßt den Besucher der komplett sanierten XXL-Wohnung ein Filmplakat. "Das Leben ist eine Baustelle" steht mit schwarzen Lettern auf gelbem Hintergrund. Axel Wageners Lieblingsfilm ist das zwar nicht, aber ein bisschen Lebensmotto ist der Satz schon für den gelernten Gas-Wasser-Installateur.

Vom Gewerbe zum Wohnen

Die Arme vor der Brust verschränkt, guckt sich Wagener im eigenen Reich um. Sein Blick bleibt an einem Kabel hängen, das unverkleidet an der Segmentbogen-Decke befestigt ist. "Es ist hier zwar keine Baustelle mehr, aber so richtig fertig ist unsere Wohnung auch nicht - wie die Stadt. Immer im Werden, nie im Sein", sagt der Wahlberliner, der seit 1981 in der Hauptstadt lebt.

Zunächst war die große Wohnung nur eines: eine Gewerbeimmobilie. Das über 100 Jahre alte Gebäude im Szenekiez rund um die Torstraße in Prenzlauer Berg war zunächst im Besitz eines Pelzmodemachers. In der Wohnung, die das Paar gekauft hat, war zu DDR-Zeiten eine Druckerei untergebracht. "Wir haben beim Umbau viele Fundamente herausgerissen, die extra für die schweren Maschinen eingebaut waren", sagt Wagener. 2005 habe der Eigentümer das viergeschossige Gebäude aufgeteilt und zehn Einheiten ab 97 Quadratmetern daraus gemacht. Zwei Jahre später haben die Wageners ihre Einheit mit der Kellerfläche gekauft. Die Umwandlung der Gewerbeimmobilie in eine Wohnimmobilie war für sie kein Problem. "Ich habe einfach einen Antrag beim Bauamt ausgefüllt, und eine Woche später hatten wir die Zusage", sagt Wagener. Tanja Lier, Bauaufsichtschefin vom Bezirk Mitte, bestätigt, dass Wagener kein Einzelfall ist: "In letzter Zeit gehen immer mehr Anträge bei uns ein, um aus einer Gewerbeimmobilie eine Wohnung zu machen. Das ist ein Trend." 170.000 Euro haben die Wageners für die 280 Quadratmeter große Wohnung bezahlt. Der Ausbau habe noch mal das Gleiche gekostet. "Wir haben alles so peu à peu verändert und 2007 einen Rohbau bezogen", erinnert sich Andrea Wagener.

Zwei Badewannen haben

"Das Potenzial dieser Räume haben wir gleich gesehen", sagt Axel Wagener. "Durch die Kombination mit der Kellerfläche haben wir auch genug Platz für eine zweite Badewanne und eine Sauna." Das sei ihm besonders wichtig gewesen. Detailverliebt hat sich das Paar über Jahre hinweg eingerichtet und dabei immer an die Wohnfunktionalität gedacht. Im Eingangsbereich bietet ein Schrank mit extra angefertigten Schiebetüren 26 Quadratmeter Platz für Kleidung. Gegenüber von der großzügigen Küche liegt das Badezimmer, das sich als verkleidetes Rechteck in den Raum integriert. Überhaupt wirken die großzügigen Möbel gerade passend in den Räumen mit Deckenhöhen von bis zu 3,80 Meter. "Unser größtes Problem ist es, Möbel zu finden, die nicht verschwinden", sagt Andrea Wagener. Möbel, die im Laden riesig wirken, seien zu Hause gerade groß genug.

"Da oben ist mein Lieblingsplatz", sagt die Frau mit den kurzen Haaren und zeigt auf eine Leiter, die in eine Höhle über dem Badezimmer führt. "Naherholungsgebiet" ist mit großen Schnörkel-Buchstaben auf den Raumteiler geschrieben, der die Matratze einrahmt. "Hier oben schlafe ich, wenn mein Mann schnarcht", sagt sie und lacht.

Wohnkonzept überdenken

Das habe sich so ergeben. Die optimale Nutzung ergebe sich sowieso einfach beim Wohnen, meint Axel Wagener. So hat das Paar sein Bett kurzerhand in die Mitte des Raumes gestellt und damit das komplette Wohnkonzept umgeworfen. "Direkt neben der Fensterfront war es zum Schlafen zu hell und zum Wohnen zu dunkel", sagt Andrea Wagener. Jetzt steht die großzügige Couch direkt neben der Luxus-Badewanne am Fenster. Das Paar kann zusammen fernsehen - der eine von der Badewanne und der andere von der Couch aus. Dass sie beim Baden von den Nachbarn gegenüber gesehen werden könnten, stört beide nicht. Einig sind sie sich auch bei der Gestaltung. Vieles hat das Paar einfach zusammen entwickelt. So wie den Parkettboden. "Wir saßen im Urlaub auf Sardinien und haben auf dem Tisch vor uns alle möglichen Holzmuster ausgebreitet, viel gemalt und ausprobiert", sagt Wagener. Entschieden haben sie sich dann für das Industrieparkett Typ Eiche.

"Mein Gott, so wohnst du?"

Gestört habe sie das Rustikale nie. "Ich finde es schön, dass die Wände hier atmen, die salzen richtig aus, und das gehört zum Industriecharme dazu", sagt Andrea Wagener. Mit ihrem Zeigefinger streicht sie über den Büfettschrank im Eingangsbereich. Auf dem dunklen Holz liegen helle Staubpartikel von dem Ziegelmauerwerk. "Richtig sauber bekommt man das nie", sagt sie.

Besuchern falle das aber selten auf, dafür die Größe der Wohnung. "Mein Gott, so wohnst du?", das sei die Standardfrage, wenn Arbeitskollegen der Fachkrankenschwester erstmals kämen. "Das zeigt mir, wie schön wir es haben", sagt Wagener. In Hotelzimmern wünsche sie sich übrigens oft zurück nach Hause. Zurück in die Badewanne mit Blick in den grünen Garten. Zurück in ihr ganz persönliches Naherholungsgebiet.