Pflegewohngemeinschaft

Ein Platz zum Altwerden

Deutschlandweit einziger Alterswohnsitz für schwule Senioren in Charlottenburg

Laut dem Statistischen Jahrbuch 2012 hat Deutschland nach Japan die älteste Bevölkerung weltweit, in keinem Land gibt es weniger Geburten und auch die Verjüngungseffekte durch Migration werden die Alterung der Gesellschaft nicht aufhalten können. Projekte wie der "Lebensort Vielfalt", eine deutschlandweit einzige Pflegewohngemeinschaft für schwule Männer in Charlottenburg, begegnen dem demografischen Wandel mit Ideenreichtum. Der vierstöckige Altbau in der gutbürgerlichen Niebuhrstraße ist Beratungsstelle, Alterswohnsitz und Mehrgenerationenhaus in einem. Seit der Eröffnung im Mai sind bereits 35 Mieter eingezogen.

Peter Sibley, 70, ist einer der Ältesten von ihnen. Vor einem Jahr erlitt er einen Schlaganfall, manchmal klappt das Laufen mit einem Rollator, oft sitzt er im Rollstuhl. "Der war der Grund, warum ich aus meiner alten Wohnung in Hamburg ausziehen musste. Der Fahrstuhl war zu klein", sagt er. Doch wohin? Zurück in die Heimat in Großbritannien habe er eigentlich gewollt, erzählt er. Doch dann gab er die Begriffe "Schwule Unterkunft für Senioren" bei Google ein. Als ersten Treffer spuckte die Suchmaschine die Adresse in Charlottenburg aus. Da ist er nun.

240 Wohnungsinteressenten

24 Wohnungen gibt es in der Niebuhrstraße 59. "Plus die WG für Pflegebedürftige", erläutert Marco Pulver, der das Projekt bei der Schwulenberatung Berlin leitet und es mit konzipiert hat. Der jüngste Bewohner ist 31, der älteste 85 Jahre alt. Auch fünf Frauen wohnen in dem Haus. Insgesamt sechs Millionen Euro wurden in das Projekt investiert, gut die Hälfte davon wurden über eine Spende finanziert. Die Warmmiete beträgt durchschnittlich elf Euro pro Quadratratmeter.

Erst kürzlich kam wieder eine Anfrage aus Brandenburg. Ein 80-Jähriger, der mit seinem Freund nicht mehr auf dem Dorf wohnen will, meldete sich bei Pulver - doch der musste ihn vertrösten. Auf der Warteliste für einen Platz stehen derzeit 240 Namen von Interessenten. "Wir sind gerade in der Planung für ein neues Wohnprojekt", sagt der Leiter, "auch die Resonanz bei unseren Bewohnern ist sehr gut."

Im Alter nicht allein sein

Ein Stockwerk unter der Wohngemeinschaft von Peter Sibley bewohnen Klaus-Dieter Spangenberg und sein Partner eine geräumige Ein-Zimmer-Wohnung. Auf einem Stuhl rekelt sich Katze Emma. "Geoutet hab ich mich zur Abizeit", erzählt der 47-Jährige. Bis vor Kurzem wohnten er und sein Partner noch im hessischen Marburg. "Die Diagnose kam 1994", sagt er knapp. Auch sein Partner sei HIV-positiv. Anfang der 90er habe er etliche Freunde sterben sehen. Da beschäftige man sich eben mit dem Gedanken, was im Alter sein soll. Einen Erholungsraum nennt Spangenberg das Haus in Charlottenburg. Hier sei die Homosexualität eben etwas Selbstverständliches. Vielleicht könne die neue Hausgemeinschaft auch eine Art Familienersatz werden, sagt er: "Viele von uns haben keine Kinder, wollen aber im Alter nicht allein sein."