Architektur

Ausgezeichnet wohnen

Die "Häuser des Jahres 2012" werden heute in Frankfurt gekürt. Viele Gewinner-Objekte stehen südlich des Mains

- Der Süden bietet ein Feuerwerk der Architektur, der Norden dagegen ist architektonisches Ödland: So ließe sich das Bewerberfeld zur Wahl der "Häuser des Jahres 2012" wohl am besten charakterisieren. Bei dem Wettbewerb, ausgeschrieben vom Callwey Verlag und dem Deutschen Architekturmuseum werden die besten Einfamilienhäuser in Deutschland, Österreich, der Schweiz sowie Südtirol gesucht. Heute werden im Architekturmuseum die Gewinner des Wettbewerbs gekürt, der zum zweiten Mal ausgetragen wird. Zugleich wird eine Ausstellung eröffnet, die die zehn besten Einfamilienhäuser aus dem Teilnehmerfeld präsentiert.

Zur Vernissage wird auch das Buch "Die besten Einfamilienhäuser 2012" vorgestellt. Es enthält genaue Beschreibungen und zahlreiche Fotos der 50 besten Projekte aus insgesamt 223 Einreichungen - natürlich inklusive der Gewinner des Wettbewerbs. Und in ebenjenem Buch lässt sich die architektonische Vielfalt und Kreativität des Südens bewundern. Den sogenannten Weißwurst-Äquator - den Main - als geografische Trennlinie angenommen, befinden sich immerhin 41 der im Buch präsentierten Einfamilienhäuser südlich davon - und lediglich neun Projekte nördlich. Zugleich sorgen auch Deutschlands südliche Nachbarn für Furore: Mehr als die Hälfte der nominierten Objekte steht in Österreich, der Schweiz und Südtirol.

Der sechsköpfigen Jury gehören neben den Architekten Max Dudler und Armando Ruinelli auch DAM-Direktor Peter Cachola Schmal, Architekturkritiker Wolfgang Pehnt, Thomas Kaczmarek vom Informationszentrum Beton sowie Wolfgang Bachmann, Herausgeber der Fachzeitschrift "Baumeister", an. Neben architektonischer Qualität und Nachhaltigkeit legten die Juroren bei der Auswahl großen Wert auf den städtebaulichen Kontext der Häuser.

Ein Turmhaus aus Holz gezimmert

"In der zeitgenössischen Architektur sind viele Handschriften möglich", sagt Juror Pehnt. Beim privaten Hausbau müsse kein Architekt im Unklaren bleiben über die eventuellen Wünsche und Vorlieben seiner Nutzer - er könne sie sogar vorsichtig zu steuern versuchen. "Im gehobenen Hausbau drücken sich daher mehr als bei anderen Bauaufgaben unterschiedliche Vorlieben und gelebte Vielfalt aus", sagt Architekturkritiker Pehnt weiter. Von Terrassenhäusern an Schweizer Steilhängen über urbane Villen, Holzhäuser, eine Schutzhütte und sogar ein Turmhaus zeigte sich diese gelebte Vielfalt auch im Wettbewerb. Das Turmhaus steht in der Nähe von Imst in Tirol und wurde von den Architekten Reinhard Madritsch und Robert Pfurtscheller konzipiert. Das Haus reagiert geradezu metaphorisch auf seine Umgebung und seine Geschichte. Denn früher befand sich an dem Platz, an dem es heute steht, ein Föhrenwald - der musste bei der Erschließung des Grundstücks weichen. Doch Anmutung und Gestaltung des Gebäudes sollen an die Charakteristik der ehemaligen Waldumgebung erinnern.

Dazu trägt zum einen zweifelsfrei das Baumaterial Holz bei, aus dem ein schmales, baumhohes Haus gezimmert wurde. Es wächst roh und karg aus dem Boden, ohne das Grundstück dabei allzu sehr zu verändern. "Ziel waren geringe Kosten, atmosphärisch dichte Räume, einfache und einfach ausführbare Details sowie eine pure und poetische Anmutung des Bauwerks an diesem Ort", beschreibt Architekt Madritsch die Aufgabe. Was als Föhrenwald abgeholzt wurde, bringt das karge, hölzerne Bauwerk in Architekturform zurück.

Ein weiteres Beispiel: ein Stadthaus im Frankfurter Nordend, einem Gründerzeitquartier, das zu den begehrtesten Wohnlagen der Mainmetropole zählt. Auf einem gerade einmal 131 Quadratmeter großen Grundstück galt es, größtmögliche Qualität auf engstem Raum zu entwickeln. Denn aufgrund nachbarschaftlicher Einwände durfte der fünfgeschossige Neubau auch nur acht Meter in die Tiefe reichen. "Die Stadt bedeutet Dichte", sagt Architekt Jo Franzke, der das Gebäude geplant hat. Entscheidend sei gewesen, auf die geringe Grundstücksgröße zu reagieren, ohne dabei Dichte zu Enge werden zu lassen. Herausgekommen sei dabei ein "besonderes, zugleich eigensinnig und dennoch zurückhaltendes Haus", so Franzke.

Die unterschiedlichen Wohnbereiche sind jeweils auf eine Ebene konzentriert. So versteht sich das Haus als Beitrag zu einer selbstbewussten, städtischen Nachverdichtung. Der Charakter des Standortes wird durch die den Nachbarhäusern entsprechende Höhenentwicklung gewahrt. Zugleich biedert sich das Gebäude aber durch seine reduzierte Formensprache nicht der gründerzeitlichen Umgebung an, sondern setzt vielmehr ein deutliches Zeichen zeitgenössischer Architektur. Eine Dachterrasse bietet zudem eine unverbaute Sicht über die Dächer des Nordends bis zur Frankfurter Skyline. Von eingangs erwähnter architektonischer Ödnis im hohen Norden gibt es übrigens eine rühmliche Ausnahme: die Hansestadt Hamburg. Immerhin drei den höchsten architektonischen Ansprüchen genügende Häuser stehen dort. Eines davon: die sogenannte Volksvilla im Hamburger Stadtteil Volksdorf. Das Haus interpretiert die klassisch-hanseatischen Bautypologien der Umgebung mit einer abstrakt-modernen Kubatur. Entworfen wurde es von den Architekten David Lagemann und Tim Kettler vom Hamburger Büro La`ket Architekten.

"Ein klassischer Bungalow lebt immer vom Ausblick", sagt Lagemann. "Wir wollten hier noch einen Schritt weitergehen und die Natur in das Gebäude integrieren - Licht, Luft und Laub physisch erfahrbar machen." Dafür sorgen die großen Glasflächen. Es gibt sie eben doch, die architektonischen Lichtblicke im Norden.

"Häuser des Jahres 2012" Wolfgang Pehnt, Wolfgang Bachmann Verlag: Callwey ISBN: 3766719734 Preis: 59,95 Euro

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