Baugemeinschaften

"Das alles kann man unmöglich alleine schaffen"

In Friedrichshain haben sich vier Baugemeinschaften zusammengetan, um einen Häuserblock neu aufzubauen

Besonders stolz sind Jenny und Ralph du Carrois auf ihre gelbliche Treppe, die wunderbar mit der grasgrünen Küchenzeile vor den unverputzten Betonwänden in der Maisonettewohnung kontrastiert. Das Treppenbauwerk ist nicht nur ein knalliger Hingucker. In die Treppe integriert finden auch eine Dusche, eine separate Gästetoilette sowie ein Stauraum für die Waschmaschine und den Staubsauger Platz. So bunt wie ihre Wohnung ganz in der Nähe vom Ostkreuz ist auch das Baugruppen-Projekt, dem sich die junge Familie angeschlossen hat.

Vier Baugemeinschaften haben sich in dem Karree zwischen Matkowsky-, Simplon-, Helmerding- und Revalerstraße zusammengefunden, die gleich einen ganzen Häuserblock errichten. In den acht einzelnen Gebäuden mit der typischen Berliner Traufhöhe haben rund 100 Wohnungen Platz gefunden. In einem Zeitraum von viereinhalb Jahren, beginnend mit dem Kauf des ersten Grundstücks an der Simplonstraße im November 2008 bis zum Bezug des letzten Hauses an der Helmerdingstraße im Frühjahr 2013, hat sich der Block, einstmals eine Brache mit einem einzelnen Altbau, sukzessive gefüllt. Die kleinste Wohnung hat 25 Quadratmeter, die größte 130. Entsprechend bunt gemischt ist auch die Bewohnerschaft. "Wir haben Patchworkfamilien, die gleich zwei Wohnungen übereinander bezogen haben, genauso wie das schwule Pärchen, das zwei kleine Wohneinheiten auf der gleichen Etage erworben hat - mit der Option, diese später zusammenzulegen", beschreibt Gudrun Sack vom Architekturbüro Nägeli die Bewohnerschaft des Hauses, das sie an der Revaler Straße geplant hat.

Neben Nägeliarchitekten haben noch die Büros 1.0 , Fat Koehl Architekten, Stahldenninger Architekten sowie Steinhilber und Weis dafür gesorgt, dass kein Haus im Block dem anderen gleicht. Bis auf eine Ausnahme sind die beteiligten Architekturbüros Mitglied im Netzwerk Berliner Baugruppen Architekten (NBBA), das sich darauf spezialisiert hat, mit diesem Bauherrenmodell nicht nur kleinere Baulücken zu schließen. Bei allen Unterschieden in der Architektur hat das gemeinsame Projekt die Chance geboten, über die Planung der einzelnen Häuser hinaus übergreifende Ideen zu verwirklichen: eine gemeinsame Tiefgarage, ein gemeinschaftlich geplanter und genutzter Gartenhof sowie eine Gemeinschaftsdachterrasse. Im Erdgeschoss fanden sich zudem Bauherren für die berlintypischen öffentlichen Nutzungen durch Läden, Büros und einen Kindergarten.

Gemeinschaftsaktion

"Das alles auf einer einstigen Brache noch dazu gleich neben Bahngleisen zu entwickeln, kann man unmöglich alleine schaffen", sagt Gudrun Sack. Dazu kommt, dass das Bauen gleich mehrerer Einheiten sich auf die Baukosten auswirkt: "Wenn wir gleich acht Aufzüge bestellen, bekommen wir beim Hersteller natürlich Preisnachlässe." Und definiert auch gleich den Begriff Baugruppe. Darunter, so die Architektin, verstehe man eine Gruppe von Bauwilligen, die sich zusammenschließt, um gemeinsam für den eigenen Bedarf und den individuellen Wünschen entsprechend ein Haus zu planen und auf eigenes wirtschaftliches Risiko zu bauen.

Im Haus an der Simplonstraße 52 etwa, entworfen vom Berliner Architekten Fabian Köhl, haben die Wohnungen rund 2150 Euro je Quadratmeter gekostet und bietet nahezu Passivhaus-Standard. Hier wohnt auch Familie du Carrois. Jenny und Ralph du Carrois haben nicht nur die 130 Quadratmeter große Wohnung mit der innenliegenden gelben Treppe in dem Haus bezogen, sondern betreiben im Erdgeschoss auch ein gemeinsames Grafikbüro. "Die von der Bauleitung in Aussicht gestellte Endsumme wurde auch tatsächlich eingehalten", sagt Jenny du Carrois. Dass die Wohnung dennoch teurer wurde, habe an ihrer extravaganten gelben Treppe gelegen. "Die hat soviel gekostet wie ein Kleinwagen", ergänzt Ralph du Carrois. Doch das war es dem jungen Grafikerpaar wert. Planung und Bau der Treppe in der Maisonettewohnung habe insgesamt 27.000 Euro gekostet. Die 6000 Euro für die ursprünglich vorgesehene Standardtreppe wurden von dieser Summe abgezogen. Doch durch die vielen Funktionen, die die beiden im Treppenbauwerk untergebracht haben, haben sie nun ein zusätzliches Zimmer gewonnen. Denn bei der Familie mit derzeit zwei kleinen Kindern ist weiterer Nachwuchs nicht ausgeschlossen, sind sich Jenny und Ralph einig. Ein weiteres Zimmer ist daher hoch willkommen.

Das Bauen in der Gruppe habe enorme Vorteile, findet der junge Vater. "Man kann flexibel bauen und bekommt auch noch nette Nachbarn", zählt er die positiven Aspekte auf. Gegenüber den großen Bauträgern, die normalerweise so große Areale mitten in der Stadt entwickeln, dauere der Bau aber "verdammt lange", so der Designer und blickt aus der Terrassentür im Erdgeschoss. Eigentlich sollte dort längst ein kleiner Privatgarten den Kindern Platz zum Toben bieten. Doch noch stehen Pfützen auf der Betonsohle, unter der sich die gemeinsame Tiefgarage des Hauskomplexes befindet. "Man muss schon viel aushalten können, sonst ist man in einer Baugruppe falsch", meint auch Jenny. Immerhin: Die gemeinsame Dachterrasse, die sich über die drei Häuser an der Simplonstraße erstreckt, ist fertig und begrünt. Eine Videowand, Biertischgarnituren und Spielgeräte zeugen davon, dass die Hausgemeinschaft das Dach schon intensiv nutzt.

"In unserer Baugruppe haben die meisten schon vorher im Kiez gewohnt, allerdings in einer Mietwohnung", sagt Ralph du Carrois. Ihnen sei also bekannt gewesen "dass dies ein etwas raues Viertel ist", so der 37-Jährige. Dass die Schaffung von Wohneigentum im Kiez nicht nur auf Wohlwollen stößt, lässt sich vor allem an der Fassade des Hauses an der Matkowskystraße ablesen. Das frisch verputzte Mauerwerk wurde bereits mit Farbbeuteln beworfen. "Damit haben wir gerechnet, das regt unsere Bauherren nicht auf", sagt Margarete Stephan vom Büro 1.0. Im Keller stünde schon die Farbe bereit, um die Farbkleckse zu übertünchen, wenn sich die Aufregung gelegt hat.