Architektur

Über den Dächern Berlins entspannen

In Pankow wohnen 50 Menschen in einem Prototyp - ein Mehrfamilienhaus aus vorgefertigten Holzbauteilen

Bijan Dawallu sitzt in der Wohnküche seiner Wohnung. Hinter ihm spielen seine Kinder mit anderen Kindern des Hauses. Immer wieder mal klingelt es an der Wohnungstür. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Der 37-jährige Grafikdesigner ist Mitglied einer Baugruppe, die im Berliner Bezirk Pankow gemeinsam mit anderen jungen Menschen ein besonderes Haus errichtet hat.

"Bei mir sind Decke und Boden vertauscht", sagt Dawallu. In der Tat ist bei ihm der Boden aus Beton, die Decke hingegen aus Holz. Weitläufig und großzügig ist die Wohnung eingerichtet - große Fenster lassen von draußen viel Licht herein.

Mitten in der Steinwüste Berlins haben Architekten das ungewöhnliche Baukonzept verwirklicht. Einer von ihnen ist Philipp Koch. Er führt während eines Rundgangs durch das Haus, bei verschiedenen Bewohnern vorbei, hinauf auf die Dachterrasse. Der Blick fällt auf umliegende Gärten und Altbauten. Das Haus liegt im besonders bei Familien beliebten Florakiez in Berlin-Pankow. Das fünfgeschossige Gebäude befindet sich mitten im Herzen der Hauptstadt und vermittelt dennoch das Gefühl, im Grünen zu wohnen - durch die Lage an einer grünen Straße, durch große Vorgärten, einen gemeinschaftlich nutzbaren Garten und eine großzügige Dachterrasse. Dreizehn Bauherrenparteien mit insgesamt knapp 50 Personen, darunter viele Kinder, wohnen hier und haben sich ihre individuellen Wünsche vom Wohnen verwirklicht. Doch das Besondere an dem mehrgeschossigen Haus ist, dass es in Holzbauweise errichtet wurde.

Die Geschichte dieser ungewöhnlichen Immobilie reicht dabei zurück bis in die Forschungszeiten von Philipp Koch, Christoph Roedig und Daniel Rozynski, die sich gemeinsam an der TU Braunschweig am Thema Holzbau beschäftigten und zusammen dieses Projekt Jahre später realisiert haben. 2008 gründeten die Drei mit einem weiteren Kollegen das "Institut für urbanen Holzbau", um ihre Ideen besser umsetzen zu können. Nun fehlte nur noch ein Haus.

Drei Jahre dauerte der Bau

In Berlin-Pankow fanden sie schließlich ein Grundstück zu vor drei Jahren noch erschwinglichen Grundstückspreisen von rund 320 Euro pro Quadratmeter - Preise, die sich mittlerweile verdoppelt haben - und gingen auf die Suche nach Interessenten. Ein Jahr dauerte die Suche nach weiteren Mitstreitern, die schließlich vornehmlich aus dem Bezirk Prenzlauer Berg kamen, ein Jahr die Planung des Hauses, und ein weiteres Jahr letztlich der Bau der Immobilie.

Nun steht Koch auf der Dachterrasse des Hauses, die auf eindrucksvolle Weise dessen Kern widerspiegelt: Das flache Dach hat ein Holzdeck mit einer darunter liegenden Massivholzdecke, Treppenaufgänge, die herauf führen, sind holzverkleidet. Hier zeigt sich der Unterschied zu vielen Altbauten, deren Dachstühle oder Trennwände oft auch aus Holz bestehen, am auffälligsten: das Pankower Haus verfügt über eine tragende Holzskelettkonstruktion und Massivholzdecken - und ist eine Weiterentwicklung von traditionellen Fachwerkhäusern.

Das Wohnhaus der Baugruppe, die sich den Namen "3XGrün" gegeben hat, ist dabei bislang noch ein Prototyp. "Wir haben ein Konzept für mehrgeschossige Holzbauten im städtischen Umfeld entwickelt, das die Vorteile von Holzbausystemen in Bezug auf Vorfertigung, Bauzeit und flexible Produktion nutzen sollte", erläutert der 41-jährige Architekt. "Unsere Grundidee war die individuell konfigurierbare Vorfertigung mit Beteiligung der Nutzer und Berücksichtigung ihrer Wünsche." Koch zog schließlich mit seiner Familie selbst in den Holzbau ein.

Jede Wohnung sieht ein wenig anders aus. Allerdings: Auch wenn Holzbau im innerstädtischen Bereich damit machbar geworden ist, werden nur die wenigsten die Möglichkeit haben, das Dach als Oase und Spielwiese für Erwachsene zu belassen. "Wir hätten auch ein Penthaus hier oben bauen können, um die Baukosten zu drücken. Dann beschloss die Baugemeinschaft, das Dach zu belassen und als Terrasse für alle Bewohner nutzbar zu machen", sagt Koch.

Der weitere Rundgang zeigt: Das Wohnhaus betritt man von der Straße aus über ein großzügiges Foyer. Das Erdgeschoss hebt sich durch eine Lärchenholzbrettschalung ab. Die restliche Fassade besteht zu beiden Seiten des Gebäudes aus Fenstern und dunkel durchgefärbten Faserzementplatten. "Theoretisch hätten wir die Brandwände und das Erdgeschoss auch aus Holz errichten können. Jedoch hätten die umfangreichen Schutzmaßnahmen etwa gegen Feuer dies unwirtschaftlich gemacht. So entschieden wir uns, hier auf Stahlbeton zurückzugreifen", sagt Koch. Das Keller- und das Erdgeschoss stellen einen Betonsockel dar, auf den das Holzskelett aufgebaut wurde, stabilisiert durch Brandwände und Treppenhäuser. Oberhalb des ersten Obergeschosses bestehen alle Decken aus 20 Zentimeter dicken Massivholztafeln. Holzstützen sind in den Trockenbauwänden und in den Fassadenelementen versteckt.

2300 Euro je Quadratmeter

Große Fenster und 2,85 Meter hohe Decken erzeugen in den Wohnungen selbst Weite und Helligkeit. Obwohl ein Neubau, erinnert das Wohngefühl doch eher an einen Altbau. Die Holzdecken aus Kiefer und Fichte sind durchgängig zu sehen und lediglich mit einer Brandschutzlasur beschichtet. "Eine Brandmeldesystem löst nur einen Komplettalarm aus, wenn in mehreren Zimmern in einer Wohnung gleichzeitig eine Rauchentwicklung feststellt wird. Das verhindert, dass nicht ständig der Alarm ausgelöst wird, wenn irgendwo das Essen anbrennt", sagt Koch.

"Alle Holzbauteile wurden als großformatige Elemente vorgefertigt", erläutert der Architekt. Die Decken lieferte ein Systemhersteller, die Wandelemente eine Berliner Zimmerei vor Ort. Die Stahlbetonwände wurden ebenfalls vorgefertigt und als Halbfertigteile angeliefert. Die Gesamtbaukosten werden heute mit 2300 Euro je Quadratmeter Wohnfläche beziffert - und liegen damit weiter unter dem Durchschnittspreis. Baugruppen-Mitglied Stefanie Sembill ist mit dem Kauf ihrer 130 Quadratmeter großen Maisonette-Wohnung mehr als glücklich. "Wir sind mit unseren Kindern vor einem Jahr eingezogen und bis heute verliebt in unsere Wohnung", sagt sie. "Man spürt unterbewusst immer, dass man in einem besonderen Haus wohnt." Dies liege auch an einer anderen Akustik in den Räumen. Holz sei eben ein besonderer Baustoff - wohl nicht zuletzt deswegen ist auch Stefanie Sembills Küche aus Holz gefertigt.