Projekt

"In diesem Haus lebt man bewusster"

Ein Kunstprojekt hat das Corbusierhaus an der Flatowallee und das Wohnen dort zum Thema

Der Komponist Bill Dietz hat seit fünf Jahren die künstlerische Leitung des "Ensemble Zwischentöne" inne. Das Projekt "Das Wort haben die Benützer" wird vom Deutschen Architektur Zentrum DAZ unterstützt, dessen Kurator der Architekt Matthias Böttger ist.

Berliner Morgenpost:

Herr Dietz, "Das Wort haben die Benützer" haben Sie Ihr Projekt genannt. Worum geht es?

Bill Dietz:

"Das Wort haben die Benützer" ist der Untertitel von Le Corbusiers Schrift "Der Modulor 2". Die Regisseurin Janina Janke und ich haben mit 25 Bewohnern des Berliner Corbusierhauses Interviews geführt. Die Gespräche dienen als Material für Klang- und Videoinstallationen. Wir zeigen sie in den nächsten Wochen auf Führungen durchs Corbusierhaus.

Wonach fragten Sie die Bewohner?

Dietz:

Zum Beispiel danach, wie es ist, in diesem Haus zu leben, inwiefern sie die Ideen von Le Corbusier kennen und sie sie in ihrem Alltag spüren. Einige der Bewohner leben schon seit 1958 dort. Sie sind nicht unbedingt wegen der Architektur dort eingezogen, wissen inzwischen aber gut über Le Corbusier Bescheid. Ob die Architektur an sich den Alltag der Bewohner stark beeinflusst, ist diskutabel, aber zumindest scheint das Bewusstsein, dass das Haus etwas Besonderes ist, dazu beizutragen, dass man dort ein bisschen bewusster lebt.

Was passiert bei den Führungen?

Dietz:

Grundidee war die Frage, wie bestimmte Arten von Gemeinschaft klingen. Das wurde auch inspiriert von den Gesprächen mit den Bewohnern über die Hellhörigkeit im Haus. Zur Führung bekommt jeder Besucher einen kleinen Lautsprecher in die Hand. Während Gruppen durch das Haus gehen, wandern die Erzählungen der Bewohner sozusagen von einem Lautsprecher zum anderen. Überall sind die Erzählungen nur für einige Sekunden zu hören, sodass die Besucher sich nicht zu weit voneinander entfernen dürfen, wenn die Geschichte nicht ihren Sinn verlieren soll. So bildet sich eine Gemeinschaft des Publikums.

Wie gern leben Menschen eigentlich in Hochhäusern?

Matthias Böttger:

Wie ich höre, geht der Trend bei jungen Leuten tatsächlich ein bisschen weg vom Altbau. Tendenziell ist es schon noch unbeliebt, im Hochhaus zu wohnen, aber es gibt Leute, die es ganz toll finden. Es ist ein bisschen eine Gegenbewegung. Viele fasziniert es, zu einer Gemeinschaft zu gehören, und gleichzeitig anonym bleiben zu können. Es entstehen ja trotzdem lokale Netzwerke. Ob die oft beschriebene Singularisierung der Gesellschaft wirklich heißt, dass man weniger nachbarschaftlichen Kontakt hat, ist ohnehin fraglich.

Wie hat sich in der Architektur das Verständnis von Gemeinschaft über die Jahre verändert?

Böttger:

Grundsätzlich bietet Architektur Raum für Gemeinschaft - eine zentrale Aufgabe. Heute sieht man es verstärkt so, dass es ein kontinuierliches Wechselspiel zwischen Benutzer und Architektur gibt. Utopische Vorstellungen, wie sie Le Corbusier hatte, sind immer ein bisschen zum Scheitern verurteilt. Obwohl es Utopien in der Architektur gibt, hüten sich Architekten heute, einen totalitären Anspruch zu haben. Irgendwo ist da eine Schwelle, an der Unfreiheit beginnt.