Innendesign

Wer hier wohnen will, muss Demut zeigen

Michael Lüdecke passte seine Wohnung im Haus des berühmten Architekten Le Corbusier dem Baukonzept an

"Wie ein Krankenhausflur!", sagt Michael Lüdecke und lacht. "Das ist oft die erste Assoziation, die Gäste haben, die jemanden im Corbusierhaus besuchen." Ihm sei es bei der Besichtigung seiner zukünftigen Wohnung nicht anders ergangen, erinnert sich der 45-Jährige. Aber inzwischen hat er sich daran gewöhnt. Und nicht nur das: "Mir gefällt der Stil heute wirklich gut."

Wer ins Corbusierhaus zieht, das im Westend direkt beim Olympiastadion steht, tut das meist nicht, weil er irgendeine Wohnung im Grünen will. "Viele Kaufinteressenten haben sich vorher mit der Geschichte des Hauses beschäftigt", erzählt Makler Burkhard Dreke von der Firma Interbau57.

Michael Lüdecke hat das auch getan. "Es ist nett zu wissen, dass man in einem Baudenkmal wohnt", sagt er. Errichtet wurde das Corbusierhaus für die Internationale Bauausstellung 1957. Konzipiert hat den Hochhaustyp mit Namen "Unité d'Habitation" einer der großen Architekten des 20. Jahrhunderts: Le Corbusier. Der Schweizer entwarf damit eine kleine, vertikale Stadt. Arztpraxen, Einkaufsmöglichkeiten, Autowaschanlage - alles sollten die Bewohner vor der Wohnungstür finden. Eine weitere Vorgabe war, dass die Deckenhöhe in der sogenannten Wohnmaschine nur 2,26 Meter betragen dürfe. Nach Le Corbusiers Maßsystem "Modulor" sollte dies die Reichweite eines Menschen mit nach oben ausgestrecktem Arm sein (s. Kasten).

Nicht alles wurde realisiert, weswegen sich der Star-Architekt später vom Berliner Corbusierhaus an der Flatowstraße distanzierte. Grund für die Änderungen waren Vorschriften der Berliner Bauordnung und des sozialen Wohnungsbaus. Die Deckenhöhe in den Wohnungen beträgt daher normale 2,50 Meter. Die Läden wurden nicht genehmigt, und die Arztpraxen gab es nur zu Anfang. Doch die Waschanlage an der Nordseite existiert noch immer, und statt der Läden gibt es immerhin einen umfangreich ausgestatteten Kiosk.

Das Haus steht auf Stelzen

"Das Gebäude wurde wie eine Einfamilienhaussiedlung angelegt", sagt Makler Dreke. Dementsprechend betritt man vor seiner Wohnungstür auch nicht eine Etage, sondern eine Innenstraße. So heißen die Flure im Corbusierhaus. "Ich wohne beispielsweise in der dritten Straße", sagt Lüdecke. Aber das heiße eben nicht, dass seine Wohnung im dritten Stock liege: "Von der Höhe her ist es etwa mit der fünften oder sechsten Etage vergleichbar." Das rührt daher, dass die meisten Wohnungen Maisonettes (zweigeschossig) sind. "Für sie gibt es dann nur alle zwei Etagen einen Flur - also eine Straße, wenn man mit Corbusier spricht." Das Haus hat 17 Etagen. Zugänglich sind die 530 Wohnungen über zehn Straßen.

Michael Lüdecke kaufte seine Maisonette-Wohnung mit zwei Zimmern vor 16 Jahren. "Im Winter 1995/96 habe ich sie besichtigt. Es war die erste, die ich mir angesehen habe, und ich habe mich sofort in die Wohnung verliebt." Tiergarten, wo Lüdecke vorher zur Miete wohnte, sei immer teurer geworden. "Warum also das viele Geld nicht lieber in eine Eigentumswohnung stecken", habe er sich gedacht. "Und mit meiner Entscheidung für das Corbusierhaus bin ich immer noch sehr zufrieden."

Rund 66 Quadratmeter hat Lüdecke zur Verfügung. Hinter einem kleinen Flur geht es rechts in die Küche, geradeaus gelangt man ins Wohnzimmer, über dessen gesamte Front sich die Loggia zieht. Sie ist gestaltet mit den typischen Corbusierfarben, die das Haus aus der Ferne so bunt erscheinen lassen. Die Treppe linker Hand führt nach oben, wo sich Bad und Schlafzimmer befinden. "Vom Schlafzimmer habe ich mit zwei Raumteilern einen Bereich abgetrennt", sagt Michael Lüdecke. Das ist jetzt seine Musik- und Lesecke.

Stauraum gibt es nur wenig. "Keller haben wir nicht, das Haus steht auf Stelzen", sagt er. "Man lernt hier, zu reduzieren." Und sich zu helfen: Den Wandschrank im Wohnzimmer hat Lüdecke selbst entworfen. Darin und in einer kleinen Abstellkammer unter der Treppe hat er ein bisschen Lagerfläche.

Ohne viel Mobiliar einziehen

Auch die Küche ist Maßarbeit. "Nicht einmal Unterschränke in Standardgröße haben hier hineingepasst", sagt der Verwaltungsfachangestellte. Als er einzog, herrschte in der Küche noch beigebraune 70er-Jahre-Gemütlichkeit mit Blümchentapete. Die musste weichen: Stattdessen sind die Wände mit Platten aus Kunststein verkleidet und weiß gestrichen, sodass sie wie Mauerwerk wirken. Grau und Edelstahl dominieren in der Einrichtung. "Ich koche gern für Freunde", sagt Lüdecke. An seinem runden Esstisch im Wohnzimmer finden sechs Personen Platz.

Ideen für seine Wohnung zu entwickeln, macht Michael Lüdecke Spaß. Dafür stöbert er auch gern in Einrichtungszeitschriften. "Ich habe mich schon immer für Möbel interessiert", sagt er. Ins Corbusierhaus sollte man allerdings ohne viel Mobiliar einziehen, findet er. Zu speziell sei der Raum, gerade in den Ein- und Zweizimmerwohnungen. Lüdecke ist es wichtig, dass seine Wohnung den Stil des Hauses widerspiegelt. Als Bodenbelag in der unteren Etage beispielsweise hat er Schieferimitat gewählt: "Dieselbe Optik findet man auch im Foyer."

Dort, vor Fotos und Infotafeln, versammeln sich regelmäßig Touristen und Architekturstudenten. Der Förderverein Corbusierhaus Berlin veranstaltet Führungen durch das Gebäude. Auch sonst kommt es vor, dass Touristen sich auf die ungewöhnlichen Flure des Corbusierhauses trauen. "Besonders viele Italiener und Spanier schauen sich das Gebäude an", sagt Michael Lüdecke. Auch die Wohnungsbesitzer seien international. "Engländer, Holländer - verschiedene Nationen wohnen hier."

Was sie dafür zahlen? Eine Einzimmerwohnung im Corbusierhaus kostet je nach Ausstattung zwischen 60.000 und 90.000 Euro, sagt Makler Burkhard Dreke. Zweizimmerwohnungen seien für 120.000 bis 180.000 Euro zu haben. "Eine Dreizimmerwohnung in der achten oder neunten Straße kostet dann schon etwa 300.000 Euro." Im Corbusierhaus könne man sehr anonym wohnen, wenn man das wolle, sagt Lüdecke. Doch diejenigen, die schon länger dort leben, kennen sich untereinander. "Einerseits gibt es hier viele architekturinteressierte Bewohner, aber andererseits natürlich auch Leute, für die es einfach nur eine Wohnanlage ist." Einige Einheiten werden auch als Feriendomizile vermietet. Michael Lüdecke stört das nicht, außer Touristen schleifen mitten in der Nacht ihre Rollkoffer über den Parkplatz.

Lieblingsplatz ist das Daybed

Zu seinem Lieblingsplatz in der Wohnung hat Michael Lüdecke das Daybed direkt vor dem großen Wohnzimmerfenster auserkoren - mit Blick auf Papierarbeiten der australischen Künstlerin Heather Betts. "Dies sind Vorarbeiten für große Werke zu Opernthemen", erklärt er. Gegenüber hängt ein großes Ölbild, ebenfalls von Heather Betts. Michael Lüdecke sammelt ihre Werke. Ebenso wie die Bilder des Potsdamer Künstlers Steffen Seeger, die in der oberen Etage der Wohnung hängen. Was ihn daran fasziniert? "Zum Beispiel, dass sie in einem Strich durchgemalt sind." Die ersten Werke seien noch relativ günstig gewesen. "Heute sind die Preise aber schon andere."

Dabei ist Lüdecke eigentlich ein Schnäppchen-Jäger - der gehobenen Klasse. "Ich bin ein Ebay-Junkie", gibt er zu. Neue Stücke für seine Sammlung von Vasen aus den 40- bis 60er-Jahren findet er vor allem dort und auf Flohmärkten. "Ich mag den Mix", sagt Lüdecke. "Art déco, Bauhaus, Sachen aus den 50ern, Anfertigungen und eine Prise Ikea" - so beschreibt er seinen Wohnstil. Er hatte Glück: Zwei Art-déco-Lampen, die in den 40er-Jahren in einem Kaufhaus in der Schweiz hingen, hat er bei einem Antiquitätenhändler an der Leibnizstraße aufgestöbert.

Seinem Stil ist er im Großen und Ganzen über die Jahre treu geblieben. "Nur die Farben sind mit der Zeit immer ein bisschen heller geworden." Für immer will er aber wohl nicht hier im Corbusierhaus wohnen. "Ein schöner Altbau wäre auf jeden Fall auch etwas für mich", sagt er. "Aber in Charlottenburg bleibe ich."