Interview

"Der Architekt ist frei in der Gestaltung"

Interview mit Klaus Meier-Hartmann, dem Präsidenten der Architektenkammer Berlin

Berliner Morgenpost:

Bei Neubauten werden oft außergewöhnliche Fassaden gewählt, wie das "Meisterhaus" zeigt. Ist ein Architekt komplett frei in der Gestaltung?

Klaus Meier-Hartmann:

Grundsätzlich ist ein Architekt in der Fassadengestaltung frei. Es gibt baurechtliche und planungsrechtliche Verordnungen, die festhalten, was erlaubt ist und was nicht. Es bestehen Gestaltungssatzungen wie zum Beispiel zum "Historischen Zentrum" mit der Straße "Unter den Linden". Darin wird vorgeschrieben, dass dort Fassaden zurückhaltend zu gestalten und ortstypische Farben zu verwenden sind. Vollglasfassaden oder verspiegelte Fensterflächen sind unzulässig

Inwieweit muss sich ein Neubau ins Stadtbild einpassen? Wer kann gegen eine Planung Widerspruch einlegen? Aus welchen Gründen kann es Bedenken geben?

In der Bauordnung gibt es einen Gestaltungsparagrafen, der darauf hinweist, dass ein Gebäude nicht verunstalten darf und im baulichen Kontext mit seiner Umgebung gestaltet werden soll. Um im Konfliktfall das Optimum für Bauherren und Stadt zu erreichen, kann ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben werden. So ein Wettbewerb dauert einige Wochen bis Monate und kann von der kleinen Fassadengestaltung bis zu großen Projekten reichen. Ein berühmtes Projekt in Berlin, das in einem Wettbewerb entschieden wurde, ist z. B. der Umbau des ehemaligen Reichstagsgebäudes für den Deutschen Bundestag.

Ist Berlin ein gutes Pflaster für Experimente? In Berlin-Mitte scheint vieles möglich zu sein - es gab und gibt viele Baulücken.

Sicherlich, Berlin ist traditionell offen für die Realisierung unterschiedlicher Gestaltungsideen. Hier ist wohl mehr möglich als in Städten, in denen es gilt, den historischen Stadtkern zu bewahren. Im Städtebau könnte man vielleicht mehr Experimente wagen. Mut zur Innovation jenseits tradierter Vorstellungen kann zu neuen Entwurfsideen beitragen. Aus veränderten Nutzungsanforderungen entwickeln Architekten neue Gebäudeformen wie z. B. das siebengeschossige Wohnhaus in Holzbauweise mit individuellen Erschließungen an der Esmarchstraße (Karden Klingbeil) oder den Galerieneubau an der Brunnenstraße (Arno Brandlhuber), dem man den Charme des Unfertigen und Experimentellen zuspricht.

Kann Berlin mit außergewöhnlichen Fassaden und Gebäuden auch international bestehen? Wie schaut man von außen auf das, was architektonisch hier passiert?

Berlin bietet eine große Vielfalt unterschiedlicher Architekturen und Gebäudefassaden - auch im Vergleich zu anderen Städten. Das Interesse der Fachöffentlichkeit oder auch des "normalen" Touristen an Städtebau und Architektur steigt stetig. Wir müssen uns nicht hinter anderen Städten verstecken, obwohl wir auch von anderen lernen können. Zum Beispiel bieten im Wohnungsbau die variantenreichen niederländischen Architekturen immer wieder Überraschungen.

Was halten Sie von der nächtlichen Beleuchtung eines Hauses, wie sie zum Beispiel das "Meisterhaus" am Hausvogteiplatz bietet?

Das Thema Beleuchtung erhielt in den letzten Jahrzehnten zunehmend Bedeutung. Akzentuiertes Licht gibt Gebäuden nachts eine eigenständige "neue" Fassade. Die besondere Atmosphäre lädt zum Flanieren ein. Wichtig ist dabei jedoch eine stadträumliche Abstimmung der Lichtkonzepte.