Interview

"Antiker Leitfaden war Antrieb für die Planer"

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Interview mit Erik Roßnagel, dem Geschäftsführer der Immobilienentwicklungsgesellschaft Terraplan

Berliner Morgenpost:

Was hat Sie bewogen, sich der Alten Mälzerei anzunehmen, an der viele Investoren bereits gescheitert waren?

Eric Roßnagel:

Wir suchen Herausforderungen wie die Alte Mälzerei, sie erfordern Kreativität, Vorstellungs- und Durchhaltevermögen. Uns reizte das Einzigartige der Mälzerei mit ihren Darren und Schornsteinen und der architektonischen Mischung aus Strebepfeilern, Rund- und Spitzbögen, Fialetürmchen und Arkaden, die uns zu unserem gestalterischen antiken Leitfaden inspirierte. Gerade dieser Leitfaden war zusätzliche Motivation und Antrieb für Planer und Entwickler. In diesem Zuge entstand ja auch die Piazza mit angedeutetem Amphitheater, auf der im letzten Jahr zum ersten Mal die Mälzerei-Konzerte mit Jazz-Musik stattfanden. Zudem liegt die Mälzerei in einem der wachstumsstarken Bezirke Berlins.

Wie schafften Sie den Spagat zwischen Denkmalschutz und Anspruch an modernen Wohnraum?

Ein ehemaliges Industriegebäude in bewohnbare und modernen Ansprüchen gerecht werdende Wohnungen zu verwandeln ist immer eine besondere Aufgabe. In Falle der Mälzerei fehlte bei einer Gebäudebreite von 18 bis 26 Metern und einer geschlossenen Fassade ausreichend Licht. Dieses Problem lösten Planer und Architekten kreativ und wirkungsvoll. Sie schnitten 15 Meter tiefe Lichthöfe in das Bauwerk ein. Die Außenfassade blieb unangetastet. Viele der Spitz- und Rundbogenfenster waren als Blindfenster mit ihren Rahmungen schon angelegt - hier stellte die Öffnung nur einen moderat verändernden Eingriff in die denkmalgeschützte Fassade dar. Hinzu kommt, dass wir während der gesamten Planungs- und Bauphase in vertrauensvoller Kooperation mit der Denkmalpflege zusammengearbeitet haben. Aufwand, Zeit und Nerven haben sich in jedem Falle gelohnt. Die Gebäude sind komplett bewohnt, und 2011 wurden wir für das Vorhaben und stellvertretend für alle Beteiligten mit dem Immobilienmanager Award für die beste Restaurierung eines Bestandsgebäudes ausgezeichnet.

Wie viel alte Bausubstanz steckt tatsächlich noch in den neuen Wohnungen? Ungewöhnlich ist ja, dass die Wände zwischen den Wohnungen noch original sind.

Neben vielen Wänden ist vor allem in den Bereichen Darrenkuppeln und Schornsteine die alte Substanz erhalten und sichtbar. Ursprünglich als Heizraum, Ofen und Schornstein angelegt, sind dort heute Wohn- und Schlafzimmer eingezogen. Die hier entstandenen Räume sind jetzt teilweise bis zu sieben Meter hoch. Historische Schornsteinsäulen ziehen sich durch Wohnbereiche bis auf Galerien. In vielen Wohnungen ist bis heute die preußische Kappendecke sichtbar und führt den Bewohnern jederzeit vor Augen, in einem historischen Gebäude wie der Mälzerei zu leben. Es gibt sogar eine Wohnung mit innen liegenden Fenstern, durch die man in den original belassenen Darrenraum sehen kann, sozusagen ein kleines Mälzerei-Museum im eigenen Heim. Erwähnenswert ist aber auch, wie neu verbaute Materialien und moderne Flurgestaltung im Einklang mit der historisch gebliebenen Substanz stehen. Fototapeten im Treppenhaus eines Gebäudeteils zeigen heute noch den Zustand der Mälzerei vor der Restaurierung und ermöglichen so einen nostalgischen Blick in die Vergangenheit, lösen aber gleichzeitig Erstaunen über diese Entwicklung der Mälzerei aus.